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Panorama Wende-Kind Jonas Schreiter: „Jeder hatte eine Stasi-Akte, sogar ich”
Nachrichten Panorama Wende-Kind Jonas Schreiter: „Jeder hatte eine Stasi-Akte, sogar ich”
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12:01 26.10.2019
Die ersten Nachwende-Generation: Sebastian Ludwig (v.l.), Jonas Schreiter und Sabine Rennefanz sind nach dem Mauerfall im ehemaligen DDR-Gebiet aufgewachsen. Quelle: imago/dpa/ RND Montage
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In seiner Geburtsurkunde steht Karl-Marx-Stadt. Aufgewachsen ist Sebastian Ludwig in Chemnitz. Es ist die­selbe Stadt. Nur wenige Monate nach der Geburt des 29-Jährigen, am 1. Juni 1990, wurde sie umbenannt. Sebastian Ludwig gehört zu der Generation, die kurz nach dem Mauerfall auf die Welt gekommen, im wiedervereinten Deutschland aufgewachsen ist – und doch noch viel DDR-Sozialisation in sich hat.

Das fängt an bei der Naschi-Schokocreme, der „besten Schokocreme der Welt“, wie Ludwig findet. Die stammt aus der DDR und gehörte zu seiner Kindheit wie für Westkinder Nutella. Ludwig arbeitet heute in Braunschweig in einem Ingenieurbüro. Der Naschi aber ist er treu geblieben. Der Neu-Braunschweiger greift immer noch zur Schokocreme aus dem Osten, die es mittlerweile auch in Westdeutschland gibt.

Sebastian Ludwig wurde kurz nach der Wende geboren - spürt die DDR aber noch immer. Quelle: Privat

Sebastian Ludwig spürt 30 Jahre nach dem Mauerfall noch Unterschiede zwischen Osten und Westen. „Bei uns ,drüben‘ ist es alles ein bisschen herzlicher“, meint er und führt das auf DDR-Zeiten zurück: „Damals war man mehr auf Nachbarschaftshilfe angewiesen.“ Und ja, ab und zu werde er schon noch mit Vorurteilen gegenüber dem Osten konfrontiert.

Wie ein Reisender zwischen den Welten

Jonas Schreiter ging es ähnlich. Der heute 33-Jährige hat die ersten Jahre seiner Kindheit in der DDR verbracht, ehe er und seine Mutter wenige Jahre nach der Wende dem Vater in den Westen nach Hannover folgten. Die Landeshauptstadt ist für viele Jahre das neue Zuhause der Familie geworden. „Obwohl vor allem meine Mutter oft Heimweh hatte.“

Seine Eltern leben inzwischen wieder in Leipzig. Ihn hat es zum Studium nach München gezogen, heute arbeitet er dort als Ingenieur. Viele seiner Freunde aus Hannover seien nie im Osten gewesen, jedenfalls nicht bis vor fünf bis zehn Jahren die ersten Städte boomten, eben auch Leipzig. „Mein Eindruck war immer, dass das Interesse am jeweils anderen Teil Deutschlands nicht auf Gegenseitigkeit beruhte.“

Jeder hatte eine Stasi-Akte, sogar ich.

Jonas Schreiter

Nicht nur was den Lebensstandard anbelangt, glaubt Schreiter, habe sich die „Ossi-Wessi-Thematik“ bis heute nicht ausgeschlichen. Als seine Oma Jahre nach der Wende noch von „wir und ihr“ sprach, sei ihm der Kragen geplatzt. „Es gibt nur ein Wir“, habe er ihr entgegengeschleudert. Wie ein Reisender zwischen den Welten habe er oft den Osten gegenüber dem Westen und andersherum rechtfertigen müssen.

Ein ewiges Streitthema sei der Soli für den Aufbau Ost gewesen. „Das hat mich schon geärgert, wenn mir das von den Leuten aus den alten Bundesländern vorgehalten wurde.“ Ansonsten sei ihm das Einleben in Hannover nicht schwergefallen. Anders als seine Mutter wollte er nie in die alte Heimat zurück. Seinen sächsischen Akzent hat er schnell abgelegt – „der war mir schon ab und zu unangenehm gewesen“.

Jonas Schreiter hat in München studiert und arbeitet jetzt als Bau- und Umweltingenieur. Quelle: Jens Schulze

Wenn Jonas Schreiter heute seine Eltern besucht, erkennt er viele Straßenzüge in Leipzig kaum wieder – auch das Haus, in dem er als Kind lebte, „eine wunderschöne alte Villa“, hat wie viele andere Häuser ein neues Gesicht und ein neues Innenleben bekommen, dort sind Luxuswohnungen entstanden.

Wenn er heute über die DDR spricht, dann vor allem mit seinen Eltern. Das hat er mit Sebastian Ludwig gemeinsam. Im Schulunterricht beider Männer war die DDR kein größeres Thema als die Französische Revolution.

Dafür hat auch Ludwig viel mit seiner Mutter und Oma über die DDR gesprochen. „Die haben mir alles unverblümt erzählt“, sagt er. Auch davon, dass das Reden in derartiger Offenheit in der DDR nicht möglich war. „Jeder hatte eine Stasi-Akte, sogar ich“, sagt er. In seiner Akte hätten aber nur sein Geburtsdatum, Gewicht und Größe gestanden. Schließlich stand die Stasi da schon kurz vor der Auflösung.

Die "Stille Wut" einer ganzen Generation

Dass Nachwendekinder aus dem Osten mit ihrer Familie mehr über die Wiedervereinigung und Folgen sprechen als die aus dem Westen, bestätigt auch eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung aus diesem Jahr. Demnach haben in einer Befragung 49 Prozent der Nachwende-Kinder aus dem Osten angegeben, dass ihre Familie „sehr häufig“ oder „häufig“ darüber sprach. Im Westen waren es nur 28 Prozent.

Skurrile, unbekannte und witzige Fakten aus DDR-Zeiten.

Autorin und Journalistin Sabine Rennefanz hat da noch wesentlich mehr von der DDR mitbekommen als Ludwig, Schreiter und deren Generation: Sie war 15 Jahre alt, als die Mauer fiel. In ihrem Buch „Eisenkinder“ setzte sie sich mit der „stillen Wut“ ihrer Generation auseinander.

Lesen Sie auch: Generation Mitte spürt: Aggressivität in Deutschland steigt

„Das größte Kompliment, das Westdeutsche Ostdeutschen machen konnten, war damals: ,Man sieht dir gar nicht an, dass du aus dem Osten kommst‘“, sagt sie. Sie habe sich oft für ihre Herkunft geschämt. Bei der Nachwendegeneration, zu der auch Ludwig und Schreiter zählen, sei das anders: „Die jüngeren Ostdeutschen sind heute viel selbstbewusster.“

Ich wollte mich anpassen, weil alles Ostdeutsche so negativ gesehen wurde.

Sabine Rennefanz

Sie habe nach dem Mauerfall „unbedingt in eine Großstadt und in den Westen“ gewollt: „Ich wollte mich anpassen, weil alles Ostdeutsche so negativ gesehen wurde“, sagt sie. „Diesen Anpassungsdruck haben die Jüngeren nicht mehr.“ Unterschiede zwischen Ost und West seien aber trotzdem auch heute noch erkennbar – zum Beispiel bei den Öffnungszeiten von Kindergärten und der Berufstätigkeit von Müttern.

Die Vorstellung, dass sich die Unterschiede nach dem Mauerfall innerhalb einer Generation auflösten, sei ein Irrtum gewesen – dafür habe die Trennung zwischen Osten und Westen zu lange bestanden. Außerdem würden auch die Jüngeren von den Erfahrungen vorheriger Generationen geprägt. „Sie haben auch erlebt, wie ihre Eltern arbeitslos wurden und sich in einem neuen Land zurechtfinden mussten“, so Rennefanz.

Autorin und Journalistin Sabine Rennefanz wurde kurz nach der Wende geboren. Quelle: picture alliance / Frank May

Die Autorin beschreibt ihre Generation als eine, die eine „diffuse, stille Wut“ in sich gehabt habe, die keinen klaren Adressaten hatte. „Sie wurde 2015, durch Pegida und AfD, sehr laut. Unter den AfD-Wählern ist auch meine Altersgruppe stark vertreten. Bei den Jüngeren scheint mir diese Wut nicht so stark vorhanden.“

Trotzdem hätten die Nachwendekinder aus dem Osten eine größere emotionale Nähe zur DDR als die im Westen – „weil die Wende ihre eigenen Familien betroffen hat“. Für die Eltern der um 1989 geborenen Kinder seien Mauerfall und Wiedervereinigung eines der größten Ereignisse ihres Lebens gewesen, das fließe auch in die Erziehung der Kinder ein.

Die Mauer in den Köpfen steht noch

Auch die Otto-Brenner-Studie „Im vereinten Deutschland geboren – in den Einstellungen gespalten?“ zieht das Fazit, dass es bis heute keine soziale Einheit gibt – auch wenn der frühere Bundespräsident Joachim Gauck schon 2015 sagte: „Die Unterschiede sind kleiner geworden und besonders in der jungen Generation, da sind sie doch eigentlich gänzlich verschwunden.“

Die Studie kommt zu einem anderen Ergebnis: Der Aussage „Alles in allem macht es heutzutage keinen Unterschied mehr, ob man aus Ost- oder Westdeutschland kommt“ stimmten Nachwendekinder aus dem Westen zu 57 Prozent entweder „voll und ganz“ oder „eher“ zu – im Osten allerdings nur 33 Prozent. Die Mauer in den Köpfen, wie sie auch Jonas Schreiter beschrieben hat, gebe es auch in der Nachwendegeneration noch.

30 Jahre Mauerfall: "Das ist unser Traum von Deutschland"

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Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Das Jahr 1989 gehört zu den bewegendsten in der deutschen Geschichte. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) hat mit Zeitzeugen gesprochen, prominenten und nicht prominenten. Was sie zu erzählen haben, lesen Sie in der Serie „Mein Traum von Deutschland“. Jeden Tag erscheint eine neue Geschichte. Die Serie läuft bis zum Tag des Mauerfalls am 9. November.

Von Hannah Scheiwe, Carolin Burchardt/RND

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