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Politik „Schwarz-Rot-Gold kann die soziale Spaltung kitten“
Nachrichten Politik „Schwarz-Rot-Gold kann die soziale Spaltung kitten“
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16:23 18.02.2019
Deutsche Fans bei Handball-WM im Januar in Köln.
Deutsche Fans bei Handball-WM im Januar in Köln. Quelle: Marius Becker/dpa
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Marburg

„Wer die deutschen Nationalfahne schwenkt und suggeriert, er würde für die Deutschen sprechen, missbraucht Schwarz-Rot-Gold“, meint Professor Ulrich Wagner, Sozialpsychologe an der Universität Marburg. Er vermisst kritische Debatten darüber, wie weltoffen das Land sein will.

Als die Fußball-WM 2006 in Deutschland stattfand, staunten die Deutschen über ihren unverkrampften Umgang mit ihren Nationalfarben, die sich plötzlich als Schminke in Gesichtern oder als Überzieher an Autospiegeln befanden. Heute wird wieder vor fahnenschwenkenden Nationalisten gewarnt. Hatten wir uns damals geirrt?

Wir haben das 2006 wissenschaftlich untersucht. In sehr großen Stichproben neigte statistisch nach der WM eine knappe Mehrheit zu stärkerer nationaler Selbstbezogenheit und Ablehnung von Fremden als vorher. Trotzdem kann man nicht davon reden, dass die damalige Euphorie und das Fahnenschwenken nur falsch waren. Denn eine große Gruppe der Deutschen, die sich damals die schwarz-rot-goldene Fahne um die Schulter schlangen, waren einfach begeistert vom Fußball und der offenen Stimmung um den Sport herum. Es wäre falsch, diese Menschen alle als stumpfe, fremdenfeindliche Nationalisten zu bezeichnen.

Auch Patrioten können sich überhöhen

Sind Nationalismus und Patriotismus so klar abgrenzbar?

In der Wissenschaft ja, im Alltag sind die Grenzen fließend. Aus wissenschaftlicher Sicht sind Nationalisten diejenigen, die ihr eigenes Land, ihre Nation aufwerten auf Kosten anderer, indem sie „die Fremden“ abwerten. Patrioten identifizieren sich auch mit dem eigenen Land, sind aber eher an dessen demokratischer Weiterentwicklung interessiert. Sie stehen dem eigenen Land positiv zugewandt kritisch gegenüber. Allerdings: Auch Patrioten können sich überhöhen, indem sie behaupten, ihr Land mache größere demokratische Entwicklungsfortschritte als andere. Und, die Worte werden politisch missbraucht: Ein Beispiel ist die Propaganda der Bush-Administration nach den 9/11-Anschlägen in New York und Washington. Bush forderte Patriotismus, meinte aber eigentlich Nationalismus.

Lesen Sie auch: Wem gehören die deutschen Farben?

Patrioten müssen doch aber auch zusammenstehen für ihr Land, oder?

Ja, das Zusammenleben in Ländern setzt eine gewisse Identifikation mit der Gemeinschaft voraus. Eine Möglichkeit, das zu fördern, besteht in der Abgrenzung von anderen - und dort wird es wieder problematisch. Auch die Weimarer Republik hat mit solchen Identifikationselementen gespielt und beispielsweise die Reparationsforderungen der Siegermächte propagandistisch ausgenutzt, um die innere Spaltung der Gesellschaft nach dem ersten Weltkrieg zu überwinden. Damals war die Demokratie zu schwach, um die Ambivalenz von Identifikation mit der neuen Republik und Toleranz gegenüber Fremden auszuhalten.

Gefahr einer Identität durch Ausgrenzung

Wie realistisch ist denn heute eine europäische Identifikation, wie sie sich Europa-Aktivisten wünschen? Würde sie Nationalismen blocken?

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs schien die Idee eines großen, einigen Europas unwiderstehlich. Inzwischen forcieren populistische Regierungen wie in Polen oder Ungarn nationalistische Bestrebungen und die Briten haben sich für den Austritt aus der EU entschieden. Selbst wenn die Europäisierung innerhalb des Kontinents und die Identifikation mit Europa nationalistische Bestrebungen innerhalb Europas mindern könnte – eine europäische Identität steht auch immer in der Gefahr, sich über die Ausgrenzung derer zu definieren, die sich auf der anderen Seite des Mittelmeers befinden.

Zurück zu Schwarz-Rot-Gold. Auf Demos der Rechten sind diese Farben häufig zu sehen, Linke lehnen sie eher ab und die Mitte hat Probleme mit der deutschen Nationalfahne, wie sich bei der #unteilbar-Demonstration im vergangenen Herbst zeigte. Werden die Farben missbraucht?

Wer die deutschen Nationalfahne schwenkt und suggeriert, er würde für die Deutschen sprechen, missbraucht Schwarz-Rot-Gold. Einzelne, kleine Gruppe können das kaum für sich in Anspruch nehmen – aber es wird politisch versucht. Wer sich jedoch bei sportlichen Wettkämpfen in Schwarz-Rot-Gold kleidet oder sich bemalt, dem sollten wir nicht gleich nationalistische Motive anhängen. Die meisten wollen, dass ihr Team gewinnt.

Deutscher ist, wer deutsche Eltern hat

Worauf kommt es also an?

Es kommt meiner Auffassung nach darauf an, darüber zu debattieren, was die Menschen in Deutschland verbindet, wer dazugehört und wer nicht. Wer Deutscher ist, wird in Deutschland traditionell über Vererbung, das Blut definiert. Deutscher ist also, wer deutsche Eltern hat. Das ist in anderen Ländern, etwa in Frankreich, nicht so. Wenn beispielsweise stärker darüber diskutiert werden würde, dass diejenigen, die deutsche Bürger sein wollen, Übereinstimmungen in demokratischen Gepflogenheiten und kulturelle Toleranz auszeichnet, könnten nationale Symbole vielleicht eher vor Missbrauch geschützt werden.

Ist das nicht schon bei der Debatte über die Wulff-Äußerung „Der Islam gehört zu Deutschland“ schief gegangen?

Sehe ich nicht so. Wir reden viel über Integration - und das ist auch weiter notwendig. Die Einsicht muss reifen, dass es dabei nicht allein um Wohnungen oder das Erlernen der deutschen Sprache geht. Es gibt noch mehr, was dieses Land für alle, die hier leben, so wertvoll machen könnte. Ist Deutschland wirklich weltoffen? Hier erwarte ich kritische Debatten und immer wieder Anstöße aus der Politik, der Kultur, der Wirtschaft, den Kirchen oder Gewerkschaften.

Von Thoralf Cleven/RND

15.02.2019
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