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Politik Ströbele wird 80: Ein Leben zwischen Direktmandat und Knast
Nachrichten Politik Ströbele wird 80: Ein Leben zwischen Direktmandat und Knast
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12:35 07.06.2019
Hans-Christian Ströbele wird 80. Quelle: Britta Pedersen/dpa
Berlin

Bei Hans-Christian Ströbele brummt am Donnerstag entweder das Handy – oder das Festnetztelefon klingelt. Zufall ist das nicht. Denn der langjährige grüne Bundestagsabgeordnete wird am Freitag 80 Jahre alt. Die vorerst Letzten, die anrufen, sind die Kollegen vom Mitteldeutschen Rundfunk. Ströbele wurde nämlich in Halle (Saale) geboren – am 7. Juni 1939 und damit kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.

Herr Ströbele, wie geht es Ihnen?

Schlecht. Ich habe verschiedene Leiden und deshalb auch bisher keine Autobiografie geschrieben. Außerdem treibe ich mich dauernd bei Ärzten und Physiotherapeuten rum. Ansonsten bin ich aber ganz agil.

Das heißt, mit dem Laufen hat es sich verschlechtert?

Ja, erheblich. Ich versuche jetzt immer, jemanden zu bekommen, der mich begleitet. Meine Frau macht das natürlich. Manchmal machen’s auch andere. Dann geht’s irgendwie. Dann kann ich mal zu einer Diskussionsveranstaltung etwa bei der „taz“ gehen. Aber täglich spazieren gehen, ist schwierig. Bei dieser Hitze gehe ich allerdings sowieso nicht raus.

Da sind Sie ja nicht einzige.

Ansonsten habe ich zum Geburtstag noch mal eine ganze Menge Interviews gegeben. Die wollen alle wissen, ob es bald eine grüne Kanzlerin gibt oder einen grünen Kanzler.

Und – gibt’s die oder den?

Ja, nach den letzten Zahlen wäre man ja blind, wenn man nicht damit rechnen würde.

Freude über grünen Höhenflug

Sollten die Grünen also einen Kanzlerkandidaten aufstellen?

Das muss man kurz vor der Wahl entscheiden und nicht zwei Jahre vorher. Aber nehmen wir mal an, die Zahlen bei den letzten Wahlen und in den Umfragen würden so bleiben wie jetzt, wäre ich natürlich dafür. Sie können ja schlecht sagen, wir wollen stärkste Partei werden und dann sagen, den Kanzler stellt eine kleinere Partei wie etwa die SPD. Wenn Sie die letzten Umfragen zugrunde legen, würde die SPD nur noch die Hälfte der Abgeordneten kriegen.

Und wer sollte es dann machen: Frau Baerbock oder Herr Habeck?

Das müssen wir dann sehen. Das ist ja noch ein paar Jahre hin – wahrscheinlich. Man sollte jetzt noch nicht das Fell eines Bären verteilen, der noch gar nicht erlegt ist oder den es vielleicht doch gar nicht gibt. Da macht man sich ja lächerlich.

Aber wenn die Umfragen so bleiben, dann müssten die Grünen einen Kanzlerkandidaten aufstellen?

Ja, wenn die Umfragen so bleiben wie jetzt, dann müssten die Grünen eine Kanzlerkandidatin oder einen Kanzlerkandidaten aufstellen.

Für die Grünen wäre das ja eine ziemliche Revolution. Das hat es ja noch nie gegeben.

Sie waren ja auch noch nie so stark. Bei der letzten Wahl hatten die Grünen neun Prozent. Wenn sie bei der nächsten Wahl 25 Prozent bekommen sollten, wäre das eine völlig andere Situation.

Begeistert Sie dieser Höhenflug eigentlich?

Natürlich bin ich auf der einen Seite überrascht. Auf der anderen Seite sehe ich das mit großer Zufriedenheit. Und ich denke auch: Wenn man sich das Personal an der Spitze anschaut und es mit den anderen Parteien vergleicht, dann sind die Grünen viel ernster und glaubwürdiger. Auch Frau Merkel trägt zwar gern den Titel ,Klimakanzlerin’ – doch es passiert ja nichts. Man dachte, die Wähler verzeihen denen alles. Aber anscheinend ist da eine Grenze.

Mit einem Solarboot auf der Spree

Was war Ihr schönstes Erlebnis in den letzten 80 Jahren?

Die über 20 Jahre im Bundestag sind mir natürlich noch besonders nahe – und dabei das dreimal errungene Direktmandat in Friedrichshain-Kreuzberg. Beim ersten Mal schien es wirklich aussichtslos zu sein. Ich bin immer auf die Straße gegangen und habe gedacht: Warum machst du dir eigentlich so eine Mühe? Und dann hat’s ganz knapp geklappt. Ich erinnere mich noch an den Tag: Ich hatte vorher von einem Rechtsextremisten einen Schlag abbekommen, fühlte mich nicht gut und lag auf dem Sofa. Als ich das Ergebnis gehört habe, waren die Kopfschmerzen schlagartig weg. Ich bin nach Kreuzberg gefahren und habe gejubelt.

Und was war das unschönste Erlebnis?

Das war 1975 meine Verhaftung während eines Strafprozesses in Moabit – wegen Unterstützung einer kriminellen Vereinigung. Ich habe anschließend fünf Wochen gesessen. Der Knast war für mich zwar bekanntes Gelände. Das Schlimme war aber, dass ich nicht wusste, wie lange ich sitzen muss. Meine Mandanten in dem Prozess waren übrigens unheimlich sauer, weil sie meine Verhaftung nicht mitbekommen hatten und dachten, der Ströbele kommt mal wieder zu spät. Auf die Idee, dass ich selbst sitzen würde, sind sie nicht gekommen.

Wie werden Sie Ihren Geburtstag feiern?

Ich fahre mit einem Solarboot und einigen Familienmitgliedern, Freunden und ehemaligen Mitarbeitern auf der Spree und auf dem Landwehrkanal. Diese Boote gibt es ja mittlerweile nicht nur in klein. Es gibt auch welche, auf die passen 120 Personen. Die können bei so gutem Wetter wie jetzt allein mit Solarenergie fahren. Die müssen nicht mal irgendwo Strom tanken. Das ist faszinierend!

Das wird also ein grüner Geburtstag.

Ja, das wird ein grünes Signal.

Lesen Sie hier ein längeres Gespräch mit Hans-Christian Ströbele über das Altern

Von Markus Decker/RND

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