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16:54 27.03.2019
„Warum legen Sie nicht Ihre vorgeschriebenen Reden zur Seite?“: Christoph Heusgen, Deutschlands Botschafter bei den Vereinten Nationen, mal ganz undiplomatisch. Quelle: picture alliance / dpa
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Berlin

Christoph Heusgen hat sich Zeit seines Berufslebens darauf beschränkt, im Stillen zu wirken. Es entsprach seinem Selbstverständnis als Diplomat und Spitzenbeamter, den Politikern den Vortritt zu lassen und selbst im Hintergrund zu bleiben.

Das war in den zwölf Jahren, die Heusgen als außenpolitischer Berater von Kanzlerin Angela Merkel arbeitete, nicht anders als in den neunziger Jahren, als der gebürtige Düsseldorfer mit CDU-Parteibuch für Außenminister Klaus Kinkel (FDP) tätig war.

Plötzlich im Scheinwerferlicht

Nun aber, mit 64 Jahren, lenkt Heusgen überraschend das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit auf sich. Bei einer Sitzung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen, wo Deutschland seit Jahresbeginn als nichtständiges Mitglied vertreten ist, brach Deutschlands Botschafter bei den Vereinten Nationen kurzerhand mit den Gepflogenheiten. Und wurde ungewohnt deutlich.

Der Sicherheitsrat war am Dienstag beim Tagesordnungspunkt „Nahost-Konflikt“ angelangt. Der Nahost-Sonderbeauftragte Nicolai Mladenoff warnte in eindringlichen Worten vor der Gefahr eines neuen Krieges zwischen der radikalislamischen Hamas im Gaza-Streifen und Israel, woraufhin 14 Botschafter ihre mitgebrachten Reden vorlasen, einer nach dem anderen.

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Dann ist Heusgen an der Reihe – und spricht frei: „Warum legen Sie nicht Ihre vorgeschriebenen Reden zur Seite und sagen mir, wie Sie gedenken, die bestehende Resolution umzusetzen?“, fragt Heusgen in die verdutzte Runde und bezieht sich dabei auf eine Resolution gegen Israels Siedlungspolitik.

„Warum legen Sie nicht Ihre vorgeschriebenen Reden zur Seite?“

Nach der Rede seines US-Kollegen legt Heusgen nach. Der deutsche UN-Botschafter setzt an zu einer Verteidigungsrede auf die internationale Ordnung – gegen die USA: „Unser amerikanischer Kollege hat uns gerade gesagt, sie werden jetzt auch noch gegen die Golanresolution verstoßen, nachdem sie schon Jerusalem als Hauptstadt anerkannten und gegen die Resolution verstießen.“ Resolutionen seien bindendes Recht, so Heusgen, hier aber sei nur noch vom Bruch der internationalen Ordnung zu hören.

Der palästinensische Vertreter war sogleich begeistert: „Sie repräsentieren das mächtige Deutschland“, sagte Riyad Mansour. „Ich flehe Sie an: Sorgen Sie doch dafür, dass diese Resolutionen umgesetzt werden, dann halte ich hier auch keine abgelesenen Reden mehr.“ Der israelische UN-Botschafter hingegen sagte an Heusgen gewandt, es sei ein Leichtes, von Resolutionen zu reden, wenn man selbst nicht unter Beschuss stehe.

Der Palästinenser ist begeistert, der Israeli nicht

„Die letzte Rakete, die abgefeuert wurde, landete 30 Meter von meinem Haus entfernt, in dem ich meine Kinder großziehe“, sagte Danny Danon. So viel Austausch, so viel Kontroverse ist selten in dem Gremium, das in Riten und Blockaden zu erstarren droht.

Tags darauf müht man sich in Berlin den Eindruck zu zerstreuen, dass Deutschland nun der Sache der Palästinenser näher stehe als den USA und Israel. Zwar sei Heusgens Beitrag „aufs Engste mit dem Auswärtigen Amt abgestimmt“ gewesen, sagte ein Sprecher von Heiko Maas (SPD) am Mittwoch; Maas selbst hatte kürzlich die Anerkennung der israelischen Annexion der Golan-Höhen durch die USA kritisiert.

Deutschland übernimmt den Vorsitz im Sicherheitsrat

Es gebe allerdings auch viele Punkte, bei denen man mit den USA im Nahen Osten einig sei, schob Regierungssprecher Steffen Seibert hinterher. Etwa bei der Kritik an der iranischen Präsenz in Syrien. Dies sei mit Blick auf Israels Sicherheitsinteressen „inakzeptabel“.

Heusgens aufsehenerregender Auftritt spielte sich gewiss nicht zufällig wenige Tage vor Beginn der deutschen Präsidentschaft in dem einflussreichsten Gremium der Vereinten Nationen ab. Ab Montag sitzt Heusgen dem Sicherheitsrat vor. Er will die Zeit nutzen, um die Bewahrung der regelbasierten Ordnung weit oben auf die Agenda zu setzen. Ein Anliegen, dem etwas mehr Aufmerksamkeit sicher nicht abträglich ist.

Von Marina Kormbaki/RND

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