Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Politik Das Werften-Wunder von Warnemünde
Nachrichten Politik Das Werften-Wunder von Warnemünde
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:53 02.03.2019
Wiege des Neuanfangs: In stählernen Wannen wächst in Warnemünde das 19-stöckige Kreuzfahrtschiff „Global Class“ heran – und der Glaube an den Schiffbau im Nordosten. Quelle: Sebastian Krauleidis
Rostock

Es wächst langsam über den Rand des Docks hinaus, man kann es jetzt sehen. Zwei Decks, Schiffsetagen, liegen noch darunter, wie in einer Wanne, aber jetzt geht es rasant in die Höhe, vier Decks, sechs Decks, wie eine Pflanze, die durch die Erde bricht und nach oben sprießt.

Man braucht immer noch viel Fantasie oder Wissen, um sich vorzustellen, welchen Luxus dieses noch so karge rotbraune Stahlgerüst in sich bergen wird, Restaurants, Wellnessoasen, und vor allem, zu welcher Größe es emporwachsen wird: Zum größten Kreuzfahrtschiff der Welt, wie sie hier stolz sagen, was, gemessen an der Passagierzahl, sogar korrekt ist.

Aber wenn jemand sich das vorstellen kann, dann ist es Harald Ruschel. Seit 44 Jahren ist er hier, auf der Werft in Rostock-Warnemünde. Er kennt die ganze Geschichte. Er hat sie selbst erlebt. Und deshalb kann er ermessen, was es bedeutet, dass dieses Schiff hier nun gebaut wird.

„Wer schafft das schon, Eisen zum Schwimmen zu bringen? Wir schaffen das“: Betriebsratschef Harald Ruschel hat sich in 44 Jahren auf der Warnowwerft auch als Motivator verdient gemacht. Quelle: Dietmar Lilienthal

„Zum ersten Mal reden wir hier nicht mehr über Niedergang und Abbau“, sagt Ruschel. „Sondern über Aufbau.“ Daran hatten sie schon fast nicht mehr geglaubt, er und seine Kollegen auf der Werft.

Es ist schon eine sehr erstaunliche Geschichte, die sich da gerade, im Rest der Republik bislang kaum bemerkt, im Nordosten des Landes vollzieht. Jahrelang standen die Werften in Mecklenburg-Vorpommern für Tristesse und wirtschaftliche Dauerkrise. Kurze Momente der Hoffnung wechselten mit langen Phasen fortschreitender Depression. Auch in Westdeutschland hatten die Werften Probleme. Aber die Schiffbauhallen in Wismar, Rostock und Stralsund schienen wie übergroße Symbole der ökonomischen Schwierigkeiten im Osten.

Bis vor drei Jahren Genting aus Malaysia die Werften für 240 Millionen Euro kaufte, ein Konzern, der auf den Feldern Tourismus, Glücksspiel und Energie zu Reichtum gekommen war.

„Ein Glücksfall, eine Erfolgsstory, ein Gottesgeschenk“

Drei Jahre MV-Werften, wie der Zusammenschluss heißt, müsste kein Anlass für große Feiern sein. An diesem Freitag aber bitten sie in Rostock-Warnemünde zu einer großen Pressekonferenz. „Ein Glücksfall“, so nennt der mecklenburg-vorpommersche Arbeitsminister Harry Glawe die Übernahme. „Eine Erfolgsstory“, sagt Thomas Beyer, der Bürgermeister von Wismar. „Ein Gottesgeschenk“, sagt Roland Meth­ling, Oberbürgermeister von Rostock. Es ist, als wollten sie sich überbieten in ihren Worten des Lobs. Um keinen Zweifel daran zu lassen, dass diesmal wirklich alles anders ist.

Sie sind hier gebrannte Kinder, was Menschen und Konzerne mit dickem Geld angeht. Harald Ruschel hat sie alle kennengelernt. Er ist ein freundlicher Mann von 63 Jahren, blaue Werftmontur, weißer Schutzhelm. Weil er seit 1990 Betriebsrat ist, sieht er es immer auch als seine Aufgabe, seine Kollegen aufzubauen, ihren Stolz zu stärken, auch mit aufmunternden Sprüchen, wenn es mal wieder schlecht aussah. „Wer schafft das schon, Eisen zum Schwimmen zu bringen? Wir schaffen das.“ Das ist so einer dieser Sprüche. Er hat ihn oft gebraucht.

Lesen Sie hier:
So trotzen deutsche Werften dem Untergang

Zu DDR-Zeiten, die er ja noch erlebt hat, bauten sie im Kombinat 2500 Schiffe, Zehntausende arbeiteten auf den Werften, 6000 allein auf der Warnemünder Warnowwerft. Dann kamen die Wende, der große Aderlass, die Norweger von Kvaerner und Aker, der mindestens unseriöse Herr Burlakow, der 2011 erschossen wurde, dann der seriösere Herr Jussufow.

Geldwäsche? Russische Mafia? Der Schatten über den Werften

Die Vergangenheit liegt wie ein grauer Schleier über den Werften von Wismar und Warnemünde. Ende Januar reisten Staatsanwälte aus Schwerin nach Madrid. Es ging, wieder einmal, um den Verdacht der Geldwäsche, russische Mafia, Oligarchen, die in Spanien leben, und mögliche Verstrickungen früherer Werftenbosse. Neue Erkenntnisse ergeben sich nicht.

Die Geschichte reicht zurück bis zur großen Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren. Containerschiffe, bis dahin das Kerngeschäft der beiden Schiffbaubetriebe, wollte niemand mehr haben. Banken gaben kein Geld mehr. In dieser Lage betritt im März 2008 ein früherer Sowjetoffizier die Szene. Für die enorme Summe von 249 Millionen Euro kauft Andrej Burlakow die Werften. Niemand fragt, woher das Geld kommt. Hunderte Arbeitsplätze scheinen gerettet.

Doch der Schein trügt. Die versprochenen Aufträge bleiben aus. Nach einem Jahr muss der windige Investor Insolvenz anmelden. Keine drei Jahre später ist Burlakow tot. Erschossen in einem Moskauer Restaurant. Die Werften in Wismar und Warnemünde sind bereits 2009 für 40 Millionen Euro an einen Gazprom-Manager gegangen: Witaliy Jussufow, Sohn des Kreml-Vertrauten und früheren russischen Energieministers Igor Jussufow.

2010 leitet die Staatsanwaltschaft Schwerin ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Geldwäsche ein. Die ursprüngliche Kaufsumme Burlakows von fast einer Viertelmilliarde Euro soll illegal aus dem russischen Haushalt abgezweigt worden sein. Der Verdacht: Die Jussufows steckten von Anfang an hinter dem Deal. Das zumindest behauptet später ein früherer Berater Burlakows. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft geraten immer wieder ins Stocken. Mit Burlakow ist der wichtigste Zeuge tot. Ein weiterer Zeuge mit Verbindungen zur russischen Mafia, der in Schwerin auspacken will, wird kurz zuvor in Moskau verhaftet. Seine Spur verliert sich hinter russischen Gitterstäben. Obwohl auch Jussufow große Mühe hat, die Werften wirtschaftlich zu sanieren, und die Großaufträge für eisbrechende Tanker ausbleiben, kann er 2016 die Werften an die Genting-Gruppe verkaufen – für 230,6 Millionen Euro. Die Fragen der Ermittler bleiben unbeantwortet.

Vier Eigentümer und eine Insolvenz hat Ruschel seit der Wende erlebt. „Die einzige Konstante ist mein Umkleideschrank“, sagt er. Der blieb immer derselbe.

Wenn er jetzt über die Werft geht, sieht man überall Zeichen des Aufschwungs, der Euphorie. Die neue Schiffbauhalle, 400 Meter lang, mit der neuen Laserschweißanlage daran, die die besonders dünnen Stahlplatten schneller zusammenschweißt als eine Schicht Arbeiter, oder draußen die Schiffssektionen, mächtige Bausteine, die sie später hier und in Wismar zum fertigen Schiff zusammensetzen. Überall wird geschweißt, gehämmert, montiert, 2900 Menschen arbeiten wieder auf den Werften, gut doppelt so viele wie zu Beginn der Genting-Zeit.

Ein selbstbewusster Superlativ

Es geht voran im Nordosten. Nur die Sache mit dem Superlativ ist ein kleines bisschen, sagen wir: spitzfindig. 342 Meter Länge und 46 Breite sind riesig – aber nicht rekordverdächtig. Zum „weltgrößten Schiff“ wird die „Global Class“ durch die Bereitschaft der chinesischen Touristen, sich in Spitzenzeiten auch mal zu viert eine Kabine zu teilen. So werden am Ende rund 12 000 Menschen auf dieses Schiff passen, Passagiere und Besatzungsmitglieder, mehr als auf jedes andere, äußerlich größere Schiff. So meinen sie das hier mit dem „weltgrößten Schiff“.

Lesen Sie hier:
„Gorch-Fock-Werft“ ist insolvent

Man kann das frech nennen. Oder selbstbewusst. An dieser Stelle hat die Geschichte vom neuen Boom der Werften etwas von einem Schelmenstück. Das ändert nichts daran, dass hier ein kleines Wirtschaftswunder geschieht. Ist es von Dauer?

Ein chinesischer Traum: So soll die auf den MV-Werften gebaute „Global Class“ aussehen. Quelle: MV Werften

Einer, der dazu etwas sagen könnte, ist Colin Au. Der 68-Jährige ist Direktor der Kreuzfahrtschiff­sparte von Genting. In Brandenburg kennt man ihn, weil er 2003 die Zeppelinhalle kaufte, die von der Cargolifterpleite übrig geblieben war, und daraus das Badeparadies Tropical Islands machte.

Colin Au soll auf der Pressekonferenz zu drei Jahren Genting in Mecklenburg-Vorpommern sprechen. Er hatte die Idee, kommt dann aber nicht. Dringende Termine in Hongkong. Zarte Erinnerung daran, dass die MV-Werften nicht der alleinige Nabel im Genting-Kosmos sind. Aber ein Zeichen, dass die Malaysier es nicht ernst meinten, das wollen sie auf den Werften nicht darin sehen. „Die meinen es ernst“ – den Satz hört man sehr häufig.

„Genting hat sich einen Bauplatz für Dekaden gesichert“

Tatsächlich war es eine Mischung aus Not und strategischem Kalkül, die bei den Malaysiern vor drei Jahren die Liebe zu Mecklenburg-Vorpommern entfachte. Die Chinesen nämlich lieben Kreuzfahrten. Genting verkauft ihnen Reisen. Seinen Bauplatz in China hatte der Konzern jedoch verloren, weil Kreuzfahrten überall boomen und Werften, die die schwimmenden Städte bauen können, rar sind. Da kamen 2016 die notleidenden Werften im deutschen Nordosten gerade recht. Hier können die Malaysier ihre Schiffe ganz nach den Vorlieben der chinesischen Kunden bauen, mit Spielcasinos, Einkaufsstraßen, automatischer Gesichtserkennung, Smartphone-Bezahlung. „Genting hat sich hier einen Bauplatz für Dekaden gesichert“, sagt Peter Fetten, der Geschäftsführer von MV-Werften.

Nach handfesten Beweisen für die Ernsthaftigkeit der asiatischen Absichten müssen sie hier nicht lange suchen. Die haben sie jeden Tag vor Augen. Die neue Halle in Warnemünde, mehr als 100 Millionen Euro teuer. Die neue Kabinenfertigung in Wismar, eine verstärkte Kaimauer, damit die Riesenschiffe nichts kaputtdrücken, viele neue Anlagen. 1,5 Milliarden Euro hat Genting bislang in die Werften gesteckt. „Das sind langfristige Investitionen“, sagt Fetten. Ruschel sagt: „Wer so viel Geld hier lässt, der haut nicht gleich wieder ab.“

„Passt jetzt alles für mic hier“: Tom Gleschinski verlegt den Flurboden im Maschinenraum. Quelle: Dietmar Lilienthal

Sie sind ein ungleiches Paar, die reichen Asiaten und die gebeutelten Werftler aus Mecklenburg und Vorpommern. Aber es deutet alles darauf hin, dass sie angefangen haben, einander zu vertrauen. Das Vertrauen der Arbeiter drückt sich darin aus, dass sie wieder bei den Werften anheuern. Der 32-jährige Tom Gleschinski zum Beispiel, der im Maschinenraum des neuen Schiffes Bodenplatten verschweißt. Der Schlosser ist im November von seiner früheren Firma hierher gewechselt, angelockt von Tariflohn, Arbeitszeit und auch Tradition – schon sein Großvater hat hier auf der Werft gearbeitet, mit ihm redet er jetzt viel über die neuen Zeiten. „Passt jetzt alles für mich hier“, sagt er. Oder der Schweißer Henry Preußler, 22, der seine dicke Schutzbrille abnimmt und erzählt, dass er seit fünf Jahren hier arbeitet, „aber seit MV-Werften gegründet wurde, bin ich richtig zuversichtlich“. Wenn es noch Nörgler gibt, dann sind sie jedenfalls schwer zu finden.

Was jetzt noch fehlt, ist der letzte Vertrauensbeweis der Politik: eine Bürgschaft von Bund und Land über 750 Millionen Euro. Reine Formsache, signalisiert der Minister, im April soll sie kommen. Auf der Werft wären sie froh, wenn sie sie nun wirklich bald hätten.

Große Ideen – und Stolz

Sicher genug für große Pläne sind sie sich aber. Von neuen Modellen, die sie hier bauen wollen, schwärmt Fetten, von Preisen, die mit denen der chinesischen Werften mithalten können, davon also, dass sie schneller und besser und billiger werden wollen, „in drei bis fünf Jahren schon“. Große Ideen.

Aber erst mal hängt jetzt draußen die nächste Schiffssektion am Haken des mächtigen Portalkrans, der nächste Baustein für die „Global Class“. Stolz sei er, sagt Harald Ruschel, ja. Er war sich ja immer sicher, dass er und seine Kollegen all das können. Er wusste nur zeitweise nicht, ob sie es noch würden zeigen können.

Dann lässt der Kran die Sektion vorsichtig hinunter, setzt sie auf das Schiff im Dock. 19 Decks werden es. Sie haben schon eine Menge geschafft. Aber viel liegt noch vor ihnen.

Lesen Sie hier:
Das neue Flaggschiff der Bundeswehr wird eine Milliarde Euro teuerer

Von Thorsten Fuchs/RND

Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan ist in Deutschland umstritten. Unter Soldaten ebenfalls, stellen Potsdamer Forscher fest. Sie gingen in ihrer Langzeitstudie auch der Frage nach, ob sich die Einsatzkräfte noch einmal freiwillig für den Dienst am Hindukusch melden würden.

02.03.2019

Laut einer Umfrage gefällt es vielen jungen Menschen nicht, wenn hierzulande islamische Gotteshäuser gebaut werden: Ein Viertel der Unter-25-Jährigen gab an, Probleme mit neuen Moscheen in Deutschland zu haben. Mehr als die Hälfte klagt zudem über ein sprachliches Tabu.

02.03.2019

Verdi-Chef Frank Bsirske sprach kürzlich von „mafiösen Strukturen“ in der Paketbranche. Nun will Bundesarbeitsminister Hubertus Heil gegen die Missstände vorgehen. Das ist sein Plan.

02.03.2019