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Politik „Algorithmen erhalten ungeheure Wirkmacht“
Nachrichten Politik „Algorithmen erhalten ungeheure Wirkmacht“
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10:00 14.11.2018
Peter Schaar, 64, war von 2003 bis 2013 Bundesbeauftragter für den Datenschutz. Er ist Lehrbeauftragter am Fachbereich Informatik der Universität Hamburg. Quelle: dpa
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Mehr Künstliche Intelligenz, mehr Big Data – ist das der Horror für jeden Datenschützer?

Sagen wir es so: Es ist eine große Herausforderung.

Was ist denn die größte datenethische Gefahr?

Die zentrale Gefahr betrifft nicht allein den Datenschutz, sondern die Gesellschaft als Ganzes. Algorithmen erhalten eine ungeheure Wirkmacht, wenn sie auf große Datenmengen angewendet werden. So entsteht ein erhebliches Risiko des Machtmissbrauchs durch diejenigen Unternehmen und Institutionen, die über die Algorithmen und die Daten verfügen. Dagegen bemerken die Betroffenen in den meisten Fällen nicht einmal, dass sie Objekt einer automatisierten Entscheidung waren, die mit Hilfe Künstlicher Intelligenz, kurz KI, getroffen worden ist.

Hat die Politik Gestaltungs- und Kontrollmacht über diese Prozesse abgegeben?

Das Datenschutzrecht enthält durchaus Instrumente, die der KI Grenzen setzen. Es sorgt für ein Mindestmaß an Transparenz und schließt die Bildung umfassender Profile aus. Ausreichend ist das aber keineswegs, denn zum einen werden die Datenschutzregeln nicht immer eingehalten und zum anderen beschränken sie sich auf personenbezogene Daten. Entscheidend ist, welche Daten in automatisierte Entscheidungen einfließen und wie die Algorithmen damit umgehen. Ganz oben steht dabei die Frage: Sind diese Entscheidungen diskriminierend oder nicht?

Man könnte ja auch zur Auffassung gelangen, dass Algorithmen weniger diskriminieren als der Mensch, der etwa bei der Auswahl von Personal eher einen Bewerber mit ausländischem Namen aussortiert …

Ein Algorithmus hat vielleicht keine Gefühle. Aber er bildet Strukturen ab, die anhand von Daten angelernt sind. Wenn etwa Frauen oder ethnische Minderheiten benachteiligt werden, dann liegt es nahe, dass sich diese Benachteiligungen in den KI-gestützten Bewertungen wiederfinden.

Die Regierung will, dass künftig mehr Datensätze für Forschung und für Anwendungen bereitgestellt werden – wozu kann das führen?

Grundsätzlich ist es richtig, wenn die Forschung vorhandene Daten erhält und sie nicht nur bei einigen wenigen großen Konzernen landen. Wichtig ist dabei, dass diese Daten verlässlich anonymisiert werden.

Ansonsten haben Sie da keine Bedenken?

Natürlich geht es darum, wie geforscht wird und in wessen Auftrag. Der Betroffene, der seine Daten etwa für medizinische Forschung bereitstellt, muss wissen, was damit geschieht.

Die Chancen solcher Forschung sind aber gerade im medizinischen Bereich größer als die Risiken, oder?

Richtig ist, dass die Auswertung großer Datenbestände insbesondere die Genetik erheblich vorangebracht hat. Davon profitieren wir alle, etwa bei personalisierten Krebstherapien. Aber wir dürfen auch nicht die Kehrseite ausblenden. Bestimmte Erkenntnisse können auch gegen uns verwendet werden – etwa wenn Algorithmen empfehlen, bestimmte Therapien, die Heilungschancen bieten, bei bestimmten Patienten aus Kostenerwägungen nicht mehr einzusetzen. Dem muss gegebenenfalls gesetzlich begegnet werden.

Interview: Rasmus Buchsteiner

Von Rasmus Buchsteiner

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