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Politik Die Friedensstifter von Syrien?
Nachrichten Politik Die Friedensstifter von Syrien?
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19:23 18.09.2018
Zwei Friedensstifter? Der türkische Präsident Erdogan (links) und der russische Präsident Putin nach ihrer gemeinsamen Pressekonferenz am Montagabend.
Zwei Friedensstifter? Der türkische Präsident Erdogan (links) und der russische Präsident Putin nach ihrer gemeinsamen Pressekonferenz am Montagabend. Quelle: dpa
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Berlin

Aus Syrien waren schon lange keine Hoffnung spendenden oder gar erfreulichen Nachrichten mehr zu vernehmen. Umso erstaunter blickt nun die Weltöffentlichkeit auf die russisch-türkische Übereinkunft vom Montagabend. Die Präsidenten Putin und Erdogan haben sich bei einem vierstündigen Treffen in Sotschi auf die Einrichtung einer entmilitarisierten Zone rings um die letztverbliebene Oppositionellen-Bastion Idlib geeinigt. Die syrische Armee soll ihre Panzer und Raketen aus dem Belagerungsring abziehen, die lange befürchtete Großoffensive des syrischen Machthabers Assad zur Rückeroberung der Provinz mit drei Millionen Einwohnern ist vorerst vom Tisch. Eine gute Nachricht. Oder etwa nicht?

Der syrische Krieg hat bereits fast eine halbe Million Todesopfer gefordert. Leider lassen die wenigen bekannt gewordenen Details zum Abkommen von Sotschi kein baldiges Ende des Konflikts vermuten. Gewiss zählt jeder Tag, an dem Assad seine Fassbomben nicht auf Städte regnen lässt, an dem mit ihm verbündete iranische Milizen keine Familien aus ihren Häusern vertreiben und selbst ernannte „Gotteskrieger“ ihre schwindende Macht mit Grausamkeit zu festigen suchen, zu den weniger schlechten Tagen im Leben der geschundenen Zivilbevölkerung. Insofern ist der Zeitpuffer, den Putin und Erdogan mit ihrer Festlegung auf eine Pufferzone erreicht haben, zu begrüßen. Und doch gibt es zu viele Gründe für berechtigte Zweifel am Bestand der Einigung.

Die Vergangenheit spricht gegen einen Erfolg des Deals

Da wären etwa die Lehren aus der Vergangenheit. Deeskalationszonen hatte es unter russischer Vermittlung immer wieder gegeben. Und immer wieder bereiteten sie den Boden für die Rückeroberung von Rebellengebieten durch das syrische Regime. Da dürfte die Bereitschaft der noch verbliebenen, in Idlib versammelten Milizen, ihre Waffen an die Türken auszuhändigen, gering sein. Und wohin sollen dann eigentlich die islamistischen Kämpfer? Nur eine von vielen offenen Fragen dieses Deals.

Zudem dürfte Assad zur Duldung der Türken auf syrischem Grund kaum willens sein – so tatkräftig, wie der türkische Präsident radikale Islamisten gefördert hat. Und dann haben Putin und Erdogan die Rechnung auch noch ohne den Iran gemacht. Noch vor zwei Wochen, beim Gipfeltreffen in Teheran, lehnten die Mullahs einen waffenfreien Ring um Idlib ab. Nach Sotschi wurden sie nicht eingeladen. Es ist schwer vorstellbar, dass sich ausgerechnet jene Konfliktpartei mit den mächtigsten Bodentruppen von Putin und Erdogan mal eben beiseiteschieben lässt.

Putin und Erdogan sähen sich sicher gern in der Rolle der Friedensstifter. Und im Interesse der Syrer sei ihnen aller Erfolg von Herzen gegönnt. Doch der Deal der starken Männer birgt auch die Gefahr einer weiteren Eskalation.

Von Marina Kormbaki