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Nachrichten Politik Brasilien zerstört weiter den Regenwald – doch der Widerstand wächst
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09:50 29.07.2019
Ein Lastwagen transportiert Holz aus dem Amazonas-Regenwald. Quelle: picture alliance / imageBROKER
Santarem

In jedem Jahr kommt der Tag, an dem die natürlichen Ressourcen der Erde aufgebraucht sind. Der Tag, an dem – symbolisch – die Menschheit ihr Budget erschöpft hat, der Tag, von dem an Ressourcen verbraucht werden, die im Laufe des Jahres nicht mehr nachwachsen. Im Englischen heißt dieser Tag Earth Over­shoot Day, im Deutschen Welterschöpfungstag. Dieser Tag ist am heutigen Montag.

Das Datum dieses Tages ist nach Berechnung der Denkfabrik Global Footprint Network in den vergangenen Jahren im Kalender immer weiter nach vorn gerückt. Vor 20 Jahren lag der Tag, ab dem die Menschen aus ökologischer Sicht über ihre Verhältnisse leben, noch im Oktober, vor zwei Jahren am 2. August – und jetzt also am 29. Juli. Rein rechnerisch beanspruche die Weltbevölkerung die Ressourcen von 1,75 Erden, würden alle Menschen auf der Welt konsumieren und wirtschaften wie die Deutschen, bräuchte man dafür sogar die Ressourcen von drei Erden, sagen Umweltschützer.

Vor allem der Lebensstil in reichen Industrienationen belastet das Konto, ärmere Länder gleichen es noch ein wenig aus. „Für unseren Lebensstil fallen in Südamerika, Afrika oder Asien Bäume, verschmutzen Flüsse, schwinden Tierbestände oder sterben Arten ganz aus. Deutschland als erfolgreiche Indus­trienation gehört an die Spitze einer weltweiten Bewegung für eine faire und die Grenzen der Erde respektierende Wirtschaft“, fordert WWF-Vorstand Eberhard Brandes.

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In einem Monat wurden 762 Quadratkilometer Urwald abgeholzt

Doch in einer der für das Klima wichtigsten Gegenden, dem Amazonasgebiet, wird trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse weiter abgeholzt. Allein im Juni dieses Jahres wurden dort 762 Quadratkilometer Urwald vernichtet, berichtete die Zeitung „O Globo“. 762 Quadratkilometer – das sind 60 Prozent mehr als im Juni des Vorjahres. Zum Vergleich: Berlin hat eine Größe von 892 Quadratkilometern.

Laut Experten bindet der brasilianische Amazonasregenwald pro Jahr etwa 380 Millionen Tonnen des klimaschädigenden Treibgases CO2. Schätzungen zufolge sind in der dortigen Biomasse und im Boden 150 bis 200 Milliarden Tonnen CO2 gespeichert. Diese Fähigkeit nimmt jedoch mit dem Verlust der Flächen an Industrie, Landwirtschaft und Straßenbau ab. Bis zu 15 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen sind auf die Zerstörung der Regenwälder zurückzuführen.

Teilweise abgeholzter Regenwald im brasilianischen Humaita in Amazonien (Archivfoto). Quelle: epd

Das ganze Ausmaß zeigt sich aus dem Flugzeug. Von oben sieht der Regenwald im Amazonasgebiet aus wie ein Flickenteppich. Mal steht der Wald undurchdringlich, wie unberührt. Wipfel, so dicht, dass kein Sonnenstrahl durchdringt. Ein paar Flugminuten später fällt eine hässliche Schneise ins Auge, die sandfarbenen Felder der Goldsucher. Dann wieder sattgrüner Regenwald, der plötzlich von hellgrünen Flächen abgelöst wird. Rodungen so groß wie viele Fußballfelder schaffen Platz für Rinderfarmen und Sojafelder, vieles im Interesse der Landwirtschaft. Die 90 Minuten Flug reichen aus, um zu verstehen, warum der Regenwald in Gefahr, das Klima bedroht und die Menschen, drinnen im Wald und draußen in der Welt besorgt sind.

Denn an die Lunge der Welt wollen alle ran. Das war schon immer so. Aber jetzt, mit Jair Bolsonaro, dem neuen Präsidenten Brasiliens, einem Verächter der Umwelt, einem Verneiner des Klimawandels, ist alles noch schlimmer geworden. Dabei sind allein im vergangenen Jahr – noch vor seinem Amtsantritt – 7900 Quadratkilometer Regenwald gefällt worden. Die umfangreichste Abholzung seit 2008.

Brasiliens Staatschef Bolsonaro interessiert Klimaschutz nicht

Bolsonaro findet das in Ordnung. Sein Land sei der Welt gar nichts schuldig, sagt er. Der Amazonas, dieses gigantische Waldgebiet, von dem 60 Prozent in Brasilien liegen, sei eine nationale Angelegenheit und dafür da, ausgebeutet zu werden. Bolsonaro, der seit Jahresbeginn im Amt ist, gilt als Freund der Agrarindustrie. Vor allem China mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern, die alle satt werden müssen, hat ein Auge auf Brasilien geworfen. Südamerika soll zu einer Art Speisekammer der Chinesen werden. Brasiliens Agrarindustrie kann diesen Hunger stillen. Sie ist eine der wenigen Branchen, die im Land profitabel arbeitet, und die nach immer mehr Flächen lechzt. Bolsonaro will diese Flächen auf Kosten des Amazonasregenwaldes zur Verfügung stellen. Er versucht nicht einmal den Eindruck zu erwecken, dass ihn Umwelt- und Klimaschutz besonders interessieren.

Diese Erfahrung macht zurzeit auch Francisco Olivera da Silva. Der schlanke, wortkarge Mann von 43 Jahren ist Kazike, Chef der indigenen Mura-Gemeinde im Dorf Taquara nahe der Stadt Autazes. Hier, etwa 100 Kilometer von Manaus entfernt, winden sich Dutzende kleine Ströme wie blaue Adern durch den grünen Wald. Es sind Zu- und Nebenflüsse des großen Amazonasstromes.

An solch einem Fluss, dem Rio Madeirinha, liegt Taquara. Zum Ende der Regenzeit führt der Fluss das Wasser rund sechs Meter höher als in der Trockenzeit, Bäume verschwinden bis zur Krone in den trüben Fluten. Die Stelzenhäuser stehen nur knapp über der Wasseroberfläche. Zu Olivera da Silva gelangt man von Autazes nur mit dem Motorboot, man legt direkt am Haus an, watet durch den Schlamm, lässt die Schuhe draußen stehen und betritt sein Haus, das lediglich zu drei Seiten Wände hat und zur vierten Seite völlig offen ist. Türen gibt es nicht. Die Zimmer für Olivera da Silva, seine Frau und seine sieben Kinder sind mit Vorhängen abgetrennt. Die Mura, die seit Jahrhunderten am Rio Madeirinha heimisch sind, wohnen fast alle so, dem Wasser zugewandt. Sie leben mit dem Fluss und vom Fluss. Sie sind Fischer und Bauern. Die Natur, die Erntezyklen und die Regen- und Trockenzeit geben den Rhythmus vor.

„Alles abgebrannt, quasi über Nacht, ohne Erlaubnis“

Doch seit einigen Jahren sind diese Gezeiten des Lebens bedroht. Abholzung, Kaliumabbau und vor allem die Landnahme durch Viehzüchter bedrohen die Existenz der Mura. „Wir sind bald völlig eigekreist von Büffeln“, sagt Olivera da Silva in sanftem Portugiesisch. Seit Jahren gehe das schon so, betont der Kazike, der 80 Familien in Taquara als oberster Führer repräsentiert. Die Flächen für den Ackerbau verschwinden, immer weniger Platz bleibt für die Bananen, den Maniok und den Reis. Immer mehr Platz für Weiden und Tiere. Selbst auf den geschützten Flächen für die Ureinwohner.

Olivera da Silva fährt mit dem Boot ein paar Kilometer flussaufwärts und legt an einer Stelle an, wo mal dichter Wald stand. Nun sieht man dort nur noch vereinzelt verkohlte Baumstümpfe im knietiefen Gras. Im Hintergrund weiden dunkle Wasserbüffel.

„Alles abgebrannt, quasi über Nacht, ohne Erlaubnis“, sagt er. So sei das hier überall. Landinvasoren und Viehzüchter nehmen sich die Indigenengebiete, gefragt wird nicht. Mittlerweile ist der Amazonas einer der größten Produzenten von Büffelmilch und Käse, rund 100 000 Büffel gibt es in der Region. „Unsere Lebensgrundlage ist zunehmend bedroht“, sagt der Kazike. Dann ballt er die Faust. „Aber wir sind Krieger, wir werden uns nicht ergeben.“

Ähnlich martialische Worte des Widerstands gebraucht Alexandre Godinho: „Wir werden die Flagge des Kampfes hissen.“ Der 36-Jährige hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Überleben der Amazonas-Wildbiene mit ihren 400 „indigenen Bienenarten“ zu sichern. Dieser Kampf ist auch ein Stellvertreterkampf – gegen die fortschreitende Rodung des Regenwaldes, die „Agrargifte“, wie der Bienenzüchter die Pflanzenschutzmittel der industriellen Landwirtschaft nennt, den illegalen Bergbau und den Drogenanbau. Kurzum: Es geht um das Konzept der industriellen gegen die ökologische Landwirtschaft. Und es geht auch um die Nahrungsgrundlage der indigenen Völker: „Wir leben von den Früchten des Waldes. Ohne Bienen aber gibt es keine Früchte mehr.”

Seit rund zehn Jahren kommt es in der gesamten Amazonasregion verstärkt zu Landnahmen. Die Rechte der Mura in ihrem demarkierten Gebiet spielen dabei ebenso wenig eine Rolle wie die der anderen vielen Dutzend Ethnien im Rest Brasiliens. „Wenn sie sich wehren, werden sie bedroht und eingeschüchtert“, sagt Edina Pitarelli vom Indigenen-Missionsrat CIMI, der die Ureinwohner in ihrem Kampf gegen die Viehzüchter und mit den Behörden unterstützt.

Im Brasilien Bolsonaros haben es Minderheiten und Indigene immer schwerer. Die Ureinwohner würden an den Rand gedrängt, als Störenfriede empfunden, die das Aufstreben der Wirtschaft verhindern wollten, betont Pitarelli.

Katholische Kirche hilft den Ureinwohnern

Die katholische Kirche sei einer der wenigen Verbündeten der Indiovölker Brasiliens, so Dom Wilmar Santin. Der 66-Jährige ist Bischof von Itaituba im Bundesstaat Pará, einer Diözese, die 175 000 Quadratkilometer umfasst und damit halb so groß ist wie Deutschland. „Die Kirche in Brasilien muss den Urvölkern eine Stimme geben“, sagt er. Er gehört zu den Kirchenmännern, die sich den Einsatz für die Indigenen zur Hauptaufgabe gemacht haben. Und es gibt viel zu tun. „Wir müssen verhindern, dass den Ureinwohnern unter dieser Regierung Rechte wieder weggenommen werden, die sie sich hart erkämpft haben.“

Und die Probleme werden mehr. Die neue brasilianische Regierung legt sich mittlerweile sogar mit den europäischen Regenwaldschützern an. Der Streit entzündet sich am Amazonasfonds. Diese 2008 gegründete Rücklage zur Rettung des Regenwaldes in Höhe von 800 Millionen Euro wird vor allem von Norwegen (94 Prozent), aber auch aus Deutschland (6 Prozent) gespeist. Bezahlt werden Initiativen zum Schutz des Urwalds, die Forschungseinrichtungen, regierungsunabhängige Organisationen oder die indigenen Völker selbst vorlegen. Doch wie lange noch? Der Fonds soll vor dem Aus stehen.

Denn der Bolsonaro-Regierung geht das Ökoengagement zu weit. Sie will die Mittelvergabe aus dem Fonds weitgehend allein kontrollieren. Und so könnten künftig auch Landbesetzer daraus entschädigt werden. Für Oslo und Berlin wäre es eine Horrorvorstellung, würden mit europäischen Steuergeldern Invasoren indigener Gebiete bezahlt werden. Im Moment sind die Projekte gestoppt. Eine Aussicht auf Einigung liegt in weiter Ferne.

Die Qualität der brasilianischen Argumente belegt dabei ein Satz, den Staatschef Bolsonaro jüngst mit Blick auf die umstrittenen Rodungen äußerte: „Ich bin zweimal über Europa geflogen und habe nicht einen Quadratkilometer Wald gesehen.“

Von Klaus Ehringfeld und Tobias Käufer / RND

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