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Politik „Es ist ein Privileg, sich zu engagieren“
Nachrichten Politik „Es ist ein Privileg, sich zu engagieren“
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18:36 13.03.2019
Luisa Neubauer und Jakob Blasel beim RND-Interview in Berlin Quelle: Jacqueline Schulz

Sie streiken seit vier Monaten freitags für besseren Klimaschutz, Sind Sie beide zu Protest-Profis geworden in den vergangenen Monaten?

Luisa Neubauer: Eine Bewegung wie unsere gab es noch nie in Deutschland. Wir lernen gerade mindestens so viel über den Planeten wie über soziale Dynamiken und darüber, wie sich eine Bewegung weiter entwickeln kann. Wie man es schafft, Menschen so zusammenzubringen, dass man vernünftig miteinander reden kann, obwohl man sich nicht kennt und nie trifft. Am Sonntagabend haben wir oft Telefonkonferenzen mit mehr als 70 Teilnehmenden und eine straffe Agenda.

Jakob Blasel: Es ist ziemlich anstrengend, das zu moderieren, jede Woche kommen neue Leute dazu. Unsere Botschaft war von Anfang an klar und hat sich nicht verändert: Wir wollen die Klimakrise stoppen. Aber das zu formulieren und nach außen zu tragen, fällt mir mit jedem Mal leichter und ich finde jedes Mal bessere Worte, um die Dringlichkeit, die Notwendigkeit und die Bedingungslosigkeit rüberzubringen.

Luisa: Wir haben Zehntausende Menschen mobilisiert in einem Format, das es bisher noch nicht gab. Wir erreichen Schüler von der ersten bis zwölften Klasse, wie erreichen Studierende und Azubis und mittlerweile alle gesellschaftlichen Gruppen, die Freitags vormittags mit uns für so etwas abstraktes wie das Klima auf die Straße gehen. Wir bekommen ein Echo, das nicht nur uns überrascht hat. Wir sind die erste international über die sozialen Medien vernetzte Jugend-Klimabewegung.

Jakob, in zweieinhalb Wochen schreiben Sie Abitur. Kommen Sie diese Woche zum Lernen?

Jakob: Diese Woche eher weniger. Ich bestreike sozusagen meine Abi-Vorbereitungen. Aber was ist wichtiger für meine Zukunft? Etwas gegen die Klimakrise zu tun oder freitags ein paar Stunden zu verpassen? Oder nachmittags keine Zeit zum Lernen zu haben, weil ich den ganzen Tag diese Bewegung mit organisiere? Dann fällt die Abwägung leicht.

Luisa: Das Ironische an der Schulschwänzdebatte ist, dass niemand die Tausenden Stunden sieht, die wir mit Organisieren verbringen: Am späten Abend, am frühen Morgen, und am frühen und auch dann, wenn wir eigentlich in der Schule oder Uni sein müssten. Für uns sind die Freitage vergleichsweise entspannt, weil dann alles organisiert ist und wir einfach nur da sein müssen.

Auch Grundschüler gehen zu den Demos - verstehen die überhaupt die Wichtigkeit des Anliegens?

Luisa: Es ist nicht schwer zu verstehen, dass dieser Planet unsere Lebensgrundlage ist und wir dabei sind, diesen Planeten zu zerstören. Wir sägen den Ast ab, auf dem wir sitzen. Das ist Kindergartenlogik im wahrsten Sinne des Wortes. Und das ist vielen Grundschülerinnen und Grundschülern, die auf unseren Demos reden, sehr deutlich.

Luisa Neubauer, 22, studiert in Göttingen Quelle: Jacqueline Schulz/RND

Jakob: Die Grunddynamik, dass wir gerade eine Katastrophe verursachen, das verstehen auch Kinder. Wir blasen Treibhausgase in die Luft, dadurch entsteht eine Erwärmung, das Eis schmilzt und der Meeresspiegel steigt, das ist für alle verständlich.

Wieviele der jungen Menschen, die bei „Fridays for future“ mitmachen, haben Erfahrung, etwa in Organisationen wie der Grünen Jugend wie Sie?

Luisa: Das wissen wir nicht. Wir sind Tausende Organisatoren, die wir aber zum größten Teil nicht kennen, weil wir sie nie treffen. Was man mitbekommt: Viele denken sehr strukturiert, haben wahrscheinlich Erfahrungen mit so etwas, andere machen zum ersten Mal mit. Wir sind vom ersten Streik am 14. Dezember dabei, junge Leute zu politisieren, wir helfen ihnen, sich zu organisieren.

Jakob: Den ersten bundesweiten Streik haben wir über eine einzige Whatsapp-Gruppe organisiert…

Luisa: … die guten alten Zeiten …

Jakob: … dann hat sich sehr schnell ein Delegiertensystem entwickelt, ein Vertreter aus jeder Stadt, die im regen Austausch sind. Die sind alle mehr oder minder politisch erfahren.

Luisa: Auf den Demos erreichen wir sehr viele, die bisher noch nicht stark politisch motiviert waren. Wir fragen jede Woche, wer das erste Mal auf die Demo geht und jedes Mal sind wieder viele dabei, die noch nie für irgendetwas auf der Straße waren. Wir sind einfach so einladend, dass wir viele ansprechen können.

Jakob: Man muss bei uns nur auf einen WhatsApp-Link klicken dann erfährt man alle Neuigkeiten und ist schnell eingebunden. In Kiel waren bei den ersten Streiks drei Viertel der Leute zum ersten Mal auf einer Demonstration. Und dennoch sind sie zum Mikrofon gegangen und haben gesagt, was sie denken.

Sie kommen beide aus einem bürgerlichen Umfeld in der Vorstadt – hat das ihr Engagement geprägt? Oder hat es das erst ermöglicht?

Luisa: Wir sind beide wahnsinnig privilegiert und das ist uns auch bewusst. Das hat zu tun mit der Art, wie wir aufgewachsen sind, welche Möglichkeiten wir haben, welche Bildungschancen wir bekommen haben. Es ist krass, dass es in Deutschland anscheinend ein Privileg ist, sich zu engagieren. Das ist ein ziemliches Armutszeugnis für eine Gesellschaft.

Jakob: Ich komme aus einer Familie, die sich viel mit politischen Themen beschäftigt. Das sehe ich als mein Privileg. Was wir geschafft haben: wir haben Klima zum Streitthema gemacht. In meiner Klasse haben wir zum ersten Mal darüber diskutiert, ob es nötig ist, dass Schüler mit dem Auto zur Schule kommen. Darüber haben wir vorher nie geredet.

Ist das Ihr Ziel, solche Diskussionen zu befeuern?

Jakob: Es ist nicht das Hauptproblem, dass jemand mit dem Auto zur Schule kommt. Wichtiger ist die Erkenntnis, dass es nicht so weiter geht, dass Alternativen geschaffen werden müssen in unserer gesamten Gesellschaft. Wichtig ist, dass die Leute das unterstützen – und nicht bei höheren Benzinpreisen oder Fahrverboten eine gelbe Weste anziehen. Für diese Erkenntnis müssen wir Mehrheiten schaffen, damit wir eine Zukunft haben.

Mit 18 Jahren war früher sofort klar: Der Führerschein muss her. Ist das angesichts der Klimadebatte auch heute noch so?

Jakob: Ich würd schon sagen, dass es noch Thema ist. Aber ich werde jetzt nicht komisch dargestellt, weil ich jetzt keinen Führerschein mache. Ich glaube, das wäre vor dreißig Jahren nicht so gewesen. Klar ist das auch ein Privileg der Stadtnähe, das geht auf dem Land nicht einfach so.

Bei den Streiks fällt auf, dass die meisten Demonstranten doch recht bürgerlich wirken. Wie kriegt man auch Menschen aus anderen Schichten für den Klimaschutz auf die Straße?

Luisa: Ich denke, das ist die falsche Frage. Wir sollten uns vielmehr fragen, wie wir die Politik kriegen. Und wie kann man so schnell wie möglich die Politik dazu bringen, auch etwas zu machen. Das ist kein Langzeitprojekt, das ist eine Notfalllösung. Wir wollen, dass die Politik jetzt umsetzt, was seit 20 Jahren gepredigt wird. Das Pariser Abkommen ist völkerrechtlich verbindlich und muss eingehalten werden.

Kann sich denn faktisch jeder Klimaschutz leisten?

Luisa: Nein, natürlich nicht.

Jakob: Wir können es uns vor allem nicht leisten, nichts gegen die Klimakrise zu tun. Denn sowohl die ökologischen Folgen, als auch die Folgen für unser gesamtes Zusammenleben wären viel krasser, als eine Steuer auf Fleisch oder ähnliches. Klar bringt das enorme soziale Herausforderungen mit sich, aber eben dafür müssen Lösungen gefunden werden. Die erste Priorität sollte dabei der Klimaschutz sein.

Luisa: Die Frage verdeutlicht doch eigentlich, was gerade schief läuft: Wie kann es sein, dass es teurer erscheint, unsere Lebensgrundlage zu schützen, als sie zu zerstören? Damit klimafreundliches Verhalten irgendwann so normal ist, wie saubere Luft einzuatmen, müssen natürlich in aller Radikalität die Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Bundespräsident Steinmeier, Bundeskanzlerin Merkel und nun mehr als 14 .000 Wissenschaftler – Ihre Bewegung wird von vielen Seiten gelobt. Haben Sie gewonnen?

Luisa: Nein. Für den Planeten macht es keinen Unterschied, ob Angela Merkel „schön“ sagt oder die Tür zufällt. Das ist nett, aber wirkungslos und bringt uns nicht weiter. Wir wollen, dass die Politiker handeln. Und wenn jeder, der uns in den vergangenen Monaten auf die Schulter geklopft hat und gesagt hat `Schön, dass ihr euch kümmert“, in seinem Bereich angefangen hätte, wirklich etwas zu verändern, dann wären wir schon ein deutliches Stück weiter.

Jakob: Nur ein Beispiel: Zur Zeit wird der Klimaschutz-Plan von Umweltministerin Svenja Schulze totgeschwiegen. Und dazu trägt Merkel bei, genauso wie Peter Altmaier.

Luisa: Naja, seien wir mal ehrlich. Es sieht nicht gut aus, junge Menschen zu kritisieren, die für ihre Belange mobilisieren und dabei so kreative Schilder dabei haben. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zum Beispiel sagte uns bei unserem Besuch in Paris, es sei ja total löblich, was wir hier machen.

Jakob: Aber in seinem Brandbrief an Europa hat er kein einziges Mal das Klima erwähnt.

Luisa: Spannend ist hier, dass auf die Proteste der Gelbwesten, vor allem in Frankreich, total schnell reagiert wurde und die Regierung eingelenkt hat. Dieser Aspekt müsste für uns ein Vorbild sein. Wir sollten gucken, wie wir den Druck so ausweiten können, dass diese Dringlichkeit auch in Sachen Klima verstanden wird.

Als Klimaaktivisten sind Sie mittlerweile auch bei dem ein oder anderen Streitgespräch mit Wissenschaftlern und Politiker gewesen. Werden Sie ernst genommen?

Jakob Blasel und Luisa Neubauer im Gespräch mit den RND-Redakteuren Leonie Zimmermann und Jan Sternberg Quelle: Jacqueline Schulz

Luisa: Das ist eine ganz spannende Dynamik, die sich ein bisschen wiederholt. Zu Beginn schmeißt man sich wahnsinnig viel an den Kopf. Im nächsten Schritt kommt der depressive Moment: Beide Seiten versichern einander, dass es so schwierig, etwas zu ändern. Da sind wir ja auch nicht blind – es ist unglaublich komplex, was zu tun ist und wahnsinnig mühsam. Aber dann gibt es immer einen hoffnungsvollen Moment. Und kurz vor dem Ende hauen aber beide nochmal drauf, um das letzte Wort zu haben.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Luisa: Peter Altmaier wollte mir zum Beispiel verkaufen, dass man Wohlstand und Wirtschaftswachstum gegen konsequenten Klimaschutz abwägen müsste. Und bis zu einem gewissen Punkt würde das eine das andere ausschließen. Das zeigt, dass er ein Stück weit nicht verstanden hat, dass wir Veränderung brauchen, die alles übersteigt, was wir bisher gesehen haben.

Mit der Kohlekommission ist die Regierung einen Schritt Richtung Klimaschutz gegangen. Dennoch steigt die Angst vor allem in der Lausitz, wie es weitergehen wird. Was sagen Sie den Arbeitern in der Braunkohle?

Luisa: Die Politik- und Industrieelite versteckt sich hinter 20.000 Arbeitsplätzen. Das ist absurd, bedenkt man, dass auf wirtschaftswissenschaftlicher Ebene eine Energiewende enorm viel Arbeitsplatzpotenzial mit sich bringt. Fakt ist doch: Der Klimaschutz kostet uns keine Arbeitsplätze, sondern lediglich RWE.

Jakob: Es gehen aktuell Milliarden Steuergelder an Kohlekonzerne. Mit den rund 40 Milliarden könnte man jedem der rund 20.000 gefährdeten Mitarbeiter eine Millionen Euro Abfindung zahlen. Ein ganz gutes Grundeinkommen.

Wie hätte man der verfahrenen Situation denn vorbeugen können?

Luisa: Man hätte bereits vor zwanzig Jahren transparent damit umgehen müssen und sagen sollen, dass sich radikal etwas ändern wird. Jetzt geht es eben nur noch darum, wie wir das retten können, was noch zu retten ist - und das nicht auf Kosten der Arbeiter.


Sie haben angekündigt, den Einsatz für den Klimaschutz fortzusetzen, bis sich etwas ändert. Aber wann ist der Punkt erreicht, an dem Sie von einem Erfolg sprechen können?

Jakob: Wenn wir weltweit Klimaziele einhalten. Für mich persönlich wäre ein sehr guter Anfang, wenn die Regierung einen konkreten Plan vorlegt, wie wir bis 2030, mit scherzen Herzens auch 2040, klimaneutral werden können – also rund 95 Prozent unserer Emissionen zu reduzieren.

Luisa: Es gibt für uns keinen Grund, darauf zu vertrauen, dass die Regierung irgendwas einhält. Wir beide, und auch viele andere, werden wahrscheinlich unser Leben lang dafür kämpfen, dass wir eine Zukunft haben können. Ob das jetzt für immer die Protestform ist oder eine andere Art der Organisation, das wird sich zeigen. Es ist ja existenziell, was wir hier machen – und das bleibt es auch.

Anfeuern und Anfeinden – Sie erfahren durch die Demonstrationen viel Aufmerksamkeit. Was hat sich dadurch für Sie geändert?

Luisa: Eine Sache, die wir schnell lernen mussten: Es gibt einige Menschen, die dich kategorisch blöd finden.. Egal, was wir tun, es gibt immer etwas daran auszusetzen. Das ist aber für uns kein Grund, nicht an unsere Ziele zu glauben. Da ist eben sehr viel „what aboutism“ in der Debatte.

Jakob: Es ist schon komisch, auf einmal auf der Straße erkannt zu werden. Aber auch sehr toll, für viele junge Menschen ein Vorbild sein zu können.

Von Leonie Zimmermann und Jan Sternberg/RND

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