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Politik „Sie droschen auf mich ein, bis ich ohnmächtig wurde“: Erdogan-Gegner berichten von Folter
Nachrichten Politik „Sie droschen auf mich ein, bis ich ohnmächtig wurde“: Erdogan-Gegner berichten von Folter
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12:56 15.07.2019
Ein türkischer Polizist (links) nimmt in der Putschnacht einen türkischen Soldaten fest. Quelle: Sedat Suna / DPA
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Ankara

Als Ahmet mitten im Zentrum einer westtürkischen Stadt entführt wurde, war es helllichter Tag. Der Mann wusste zwar, dass es ein Wagnis war, auf die Straße zu gehen, da nach ihm als angeblichem Terroristen gefahndet wurde. „Aber man kann nicht immer in der Wohnung herumsitzen“, sagt er.

Kaum hatte er das Haus verlassen, umringten ihn vier große Männer. „Sie zwangen mich in einen schwarzen Kleintransporter, legten mir Handschellen an und zogen mir einen Sack über den Kopf.“

So begannen im Frühsommer 2018 die Leiden des Managers eines türkischen Konzerns, der seinen Namen aus Angst um Angehörige in der Türkei nicht publiziert sehen will. Ahmet war Monate zuvor untergetaucht, nachdem er auf einer staatlichen Terrorliste von Führungspersonen des Netzwerks des Islampredigers Fethullah Gülen aufgeführt worden war.

„Sie droschen auf mich ein, bis ich ohnmächtig wurde“: Ahmet, türkisches Folteropfer. Quelle: Frank Nordhausen

Der in den USA lebende Gülen war ein Verbündeter des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, wurde von ihm infolge eines Zerwürfnisses aber zum Terroristen erklärt und nach dem gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli 2016 als dessen Drahtzieher bezeichnet. Der Umsturzversuch jährt sich an diesem Montag zum dritten Mal. In der auf ihn damals folgenden Säuberungswelle wurden mehr als 50.000 Menschen festgenommen und über 150.000 Personen aus dem Staatsdienst entlassen. Am härtesten traf es die Gülenisten.

Ahmet lebt seit seiner Flucht aus der Türkei zusammen mit seiner Familie in einem kleinen Ort im Rheinland. Er hat in Deutschland politisches Asyl erhalten.

Ahmet erzählt, dass ihn die Männer am Tag seiner Entführung zunächst auf ein Polizeirevier schleppten und mehrere Stunden verhörten, immer mit dem Sack über dem Kopf. „Sie wollten, dass ich Namen von Mitgliedern unserer Bewegung nenne“, berichtet der gedrungene, vollbärtige Mann. „Aber das lehnte ich ab. Daraufhin droschen sie auf mich ein, bis ich ohnmächtig wurde.“

Schläge vom ersten Tag an

Anschließend wurde Ahmet zu einem unbekannten Ziel gefahren. Er glaubt, dass man ihn in ein Gebäude nahe der Hauptstadt Ankara brachte. Dort wurde er in eine fensterlose winzige Zelle gesperrt, die weder Bett noch Toilette hatte, dafür Kamera und Mikrofone. Während er seine Erlebnisse schildert, stockt er immer wieder. Die Worte eines Vernehmers haben sich ihm eingebrannt: „Wir sind der Staat. Wir sind das Gesetz. Wenn du kooperierst, kommst du lebend hier raus, wenn nicht – als Leiche.“

Vom ersten Tag an sei er am gesamten Körper geschlagen worden, berichtet Ahmet. „Ich wurde stundenlang mit den Armen an die Zimmerdecke gekettet.“ Dabei sei er mit Stöcken vergewaltigt worden. „Wurde ich ohnmächtig, stellten sie mich unter die Dusche.“ Seine Kleidung wurde ihm abgenommen.

„Drei Monate lang war ich völlig nackt, bis auf den Sack über dem Kopf.“ Die meiste Zeit habe er ununterbrochen stehen müssen, „die Arme auf den Rücken gefesselt“. „Sobald ich mich an die Wand lehnte oder umfiel, kamen die Wärter und schlugen mich, bis ich wieder aufstand.“ Wollte der tiefgläubige Moslem beten, stürmten Wärter in seine Zelle und prügelten auf ihn los. „Das befiehlt eine Regierung, die sich muslimisch nennt!“, sagt er.

Seine Peiniger hätten „eindeutig eine Folterausbildung“ gehabt, meint Ahmet. Man hatte den Ex-Manager offensichtlich in eine geheime Folterstätte verschleppt. „Als sie merkten, dass die Tortur sinnlos war, wurde ich zwei Wochen lang nicht mehr geschlagen, um die Folterspuren zu verwischen.“ Dann hätten sie ihn auf einem Feld in Zentralanatolien ausgesetzt.

Hoffnung auf die Gerichte

Freunde halfen Ahmet und seiner Familie wenig später, nach Deutschland zu fliehen. Er leidet unter Schlafstörungen und den Folgen der Knochenbrüche. Irgendwann möchte er Strafanzeige stellen, damit sich die Folterknechte und ihre Anführer vor Gericht verantworten müssen – auch der Staatschef. Erdogan hat erst kürzlich wieder behauptet: „Systematische Folter und Misshandlung gehören der Vergangenheit an. Unsere Haltung lautet: Null Toleranz für Folter.“

Ahmet kann darüber nur lachen. „Natürlich geschieht alles auf Befehl Erdogans“, sagt er.

Folter hat deutlich zugenommen

Menschenrechtsorganisationen bestätigen die Meldungen über Folterungen durch Sicherheitskräfte in der Türkei. „Die Folter hat seit dem Putschversuch wieder deutlich zugenommen“, erklärt Emma Sinclair-Webb von Human Rights Watch in Istanbul. Die Entführungen und Misshandlungen nennt sie „schwere Verbrechen“, und sie fordert eine internationale Untersuchung.

Dieser Zeitung gelang es, außer mit Ahmet noch mit zwei weiteren Männern zu reden, die laut eigenen Angaben schwerer Folter ausgesetzt wurden. Auch sie wünschen sich, dass die Grausamkeiten der Welt bekannt werden.

Der Unternehmer und Familienvater Cüneyt, der ebenfalls anonym bleiben will, wurde im Frühjahr 2017 in ein Foltergefängnis gesteckt. Der ältere Herr ist ein überzeugter Anhänger Gülens und gehörte 1992 zu den rund 300 Gründern der gülenistischen Bank Asya, die bereits vor dem Putschversuch von der Regierung geschlossen worden war, weil sie als wichtigster Financier der Bewegung galt.

„Am schlimmsten war die psychologische Folter“: Cüneyt, Gülen-Anhänger. Quelle: Frank Nordhausen

Sein besonderes Pech war, dass er dem Sektenführer Gülen einst persönlich begegnet war und man ihm deshalb unterstellte, dass er Spezialkenntnisse habe, sagt Cü­neyt beim Gespräch in einem Restaurant in Hessen. Nachdem Antiterrorpolizisten ihn bei einer Straßenkontrolle in der Ägäismetropole Izmir verhaftet hatten, brachten sie ihn in den Keller eines berüchtigten Polizeireviers. Fast zwei Wochen lang sei er dort misshandelt worden. „Die Polizisten wollten, dass ich belastende Dokumente über Gülen und hochrangige Anhänger unterschreibe, die sie mir vorlegten.“

Flucht nach Deutschland

Als er nicht kooperierte, begannen die Misshandlungen, erzählt Cü­neyt. „Sie zogen mich aus, fesselten meine Hände und Füße mit Plastikbindern und schlugen mich mit Knüppeln. Dabei brüllten sie: ,Unterschreib endlich!’“ Die Schläge zertrümmerten sein Trommelfell, führten zu einer Gehirnerschütterung und Erinnerungslücken, er wurde mit Stromstößen traktiert. „Aber am schlimmsten war die psychologische Folter, wenn sie damit drohten, meine Frau und meine Töchter vor meinen Augen zu vergewaltigen.“

Während des Gesprächs muss Cüneyt immer wieder weinen. Er erzählt, dass er schließlich einem Richter vorgeführt wurde, der einen Haftbefehl unterschrieb. „Im Gefängnis erfuhr ich, dass viele andere Häftlinge auch gefoltert worden waren.“ Nach wiederholten Schwächeanfällen wurde Cüneyt vorübergehend freigelassen – und flüchtete nach Deutschland, wo er im vergangenen November seinen Asylantrag stellte. „Ich hatte davon gehört, dass im Südosten gefoltert würde – aber doch nicht bei uns im Westen der Türkei!“, sagt er.

„Sie warfen mich in einen Müllcontainer“

Im kurdischen Südostanatolien war die Folter nie wirklich verschwunden. Sechs Monate vor dem Putschversuch wurde der junge Bauer Mahmut Yildiz aus der Kurdenmetropole Diyarbakir von Antiterrorpolizisten fast totgeschlagen. Ein Arzt hat ihm kürzlich ein schweres Leberproblem diagnostiziert, möglicherweise Krebs. Aber medizinische Hilfe hat Yildiz im armen Griechenland, wohin er sich vor einem halben Jahr mithilfe eines kurdischen Netzwerks retten konnte, nicht zu erwarten.

„Ich wünsche mir, dass niemand mehr so etwas erdulden muss“: Mahmut Yildiz. Quelle: Frank Nordhausen

Mahmut Yildiz ist kein Gülenist, auch kein Anhänger der kurdischen Untergrundorganisation PKK, er ist überhaupt kein politischer Mensch. Als Teile des Militärs gegen Erdogan putschten, saß er bereits seit vier Monaten als angeblicher Terrorist im Gefängnis. Dass Yildiz die Folter überlebte, hat er nur einem Versehen seiner Peiniger zu verdanken, die ihn bereits für tot hielten. „Sie hatten mich in einen Müllcontainer geworfen“, erzählt der kleine, kräftige Mann in einem Café einer griechischen Stadt, „dann riefen sie den Krankenwagen und sagten den Ärzten, dass sie mich darin entdeckt hätten.“ Das war am Nachmittag des 8. Januar 2016.

Zehn Stunden zuvor war Mahmut in das Altstadtviertel Sur der Millionenstadt gefahren, um eine seiner Schwestern mit dem Auto abzuholen. Die Familie war in Sorge um sie, da sich damals in einigen Straßenzügen junge PKK-Kämpfer Gefechte mit der Polizei lieferten.

Der junge Mann wusste nicht, wie ihm geschah, als er plötzlich von einer Truppe schwer bewaffneter Antiterrorpolizisten eingekreist und sofort so brutal geschlagen wurde, dass er blutend am Boden lag. „Sie brüllten: ,Haben wir dich, Terrorist!’“, erzählt er. Die Sonderpolizisten fesselten ihn mit Handschellen, verbanden ihm die Augen und schafften ihn in ein ziviles Gebäude, wo sie weiterprügelten. „Gib uns Namen!“, hätten sie geschrien. „Wo sind die anderen Terroristen?“.

Yildiz kennt die Namen

Bald war Yildiz blutüberströmt, seine Nase, die rechte Schulter und Rippen waren gebrochen. Dann sei auch er vergewaltigt worden, auf noch brutalere Art, mit einem Gewehr, bis er innerlich blutete. „Aber ich kannte gar keine PKK-Kämpfer“, beteuert er. „Und selbst wenn, hätte ich niemanden verraten.“ Schließlich verlor Yildiz das Bewusstsein.

Drei Tage später wachte er im Krankenhaus auf. Die Ärzte stellten zahlreiche Brüche und eine Gehirnblutung fest – aber Yildiz lebte. Es gelang ihm, Freunde zu benachrichtigen, die eine Anwältin zu ihm schickten. Sie machte Fotos von ihm und sorgte dafür, dass ein medizinischer Bericht verfasst wurde.

Im Protokoll stehen die Namen der Peiniger

Wenig später wurde Yildiz in ein Gefängnis verlegt, wo man ihn als „Verrückten“ bezeichnete und unter starke Psychopharmaka setzte. Nach neun Monaten erreichte die Anwältin seine Entlassung. Freunde finanzierten ihm die Flucht nach Griechenland, wo er politisches Asyl beantragte.

Da der oberste Gerichtshof der Türkei die Klage seiner Anwältin gegen die Folterer abgelehnt hat, will sie jetzt den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anrufen. Anders als viele andere Folteropfer kennt Yildiz die Namen seiner Peiniger, denn sie stehen im offiziellen Protokoll des Krankenhauses.

„Nichts ist so schlimm, wie dieses Gefühl, das die Vergewaltigung mit dem Gewehr auslöste“, sagt Mahmut Yildiz – eine Form der Demütigung durch sexuelle Gewalt, die durch die Terrororganisation „Islamischer Staat“ bekannt geworden ist. Dass der türkische Staat sie benutzte, lässt den jungen Kurden „an allem“ zweifeln, auch an der Religion. „Ich wünsche mir, dass niemand mehr so etwas erdulden muss“, sagt er traurig. „Dafür werde ich kämpfen bis zum Ende.“

Von Frank Nordhausen/RND

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