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Nachrichten Politik Grünen-Spitze eilt von Erfolg zu Erfolg
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06:10 31.05.2019
Die beiden ­Grünen-Vorsitzen­den Annalena Baerbock und Robert Habeck werden ­immer als harmonisches ­Doppel wahrgenommen – wie hier beim Grundsatzkonvent ihrer Partei. Quelle: Fotos: ­Michael ­Kappeler/dpa
Berlin/Potsdam

Den ganzen Wahnsinn des Wochenendes hat sich Annalena Baerbock in Grün auf einigen verknickten Blättern Papier angestrichen. Zwischen 23 und 25 Prozent in Potsdam, sogar deutlich zweistellig im ländlichen Kreis Havelland II in Brandenburg. Grüne Markierungen überall, Zeichen des Erfolgs, Spuren der vergangenen Europawahl. Es ist Mittwochmorgen in Baerbocks Potsdamer Büro. Etwas mehr als 48 Stunden liegt der Triumph zurück.

„Havelland II!“, ruft Baerbock. „Schauen Sie mal, das ist hier oben.“ ­Baerbock läuft zu einer Karte Brandenburgs an der Wand ihres Büros und deutet auf den ländlichen Wahlkreis im Nordwesten des Bundeslandes. Grün waren hier bisher bestenfalls die Wiesen. Seit dem Wochenende ist alles anders.

Erstmals haben die Grünen bundesweit über 20 Prozent der Stimmanteile erringen können. Bei der Europawahl wurde die Ökopartei zweitstärkste Kraft, die SPD scheint als politische Heimat der linken Mitte abgelöst. Mehr noch: Die CDU ist, ohne die CSU gerechnet, kaum noch stärker als die Grünen. Plötzlich scheint alles möglich, selbst ein grüner Kanzler (so titelt der „Stern“) oder eine grüne Kanzlerin (so wünscht es sich die „taz“).

Ja, was denn nun, fragt man sich. Und schon ist man mittendrin in der Geschichte über das Verhältnis der beiden Parteichefs Annalena Baerbock und Robert Habeck. Seit Habeck und Baerbock die Grünen nach der Bundestagswahl 2017 übernommen haben, scheint es für die Partei nur noch bergauf zu gehen.

Seitdem geben sich Habeck und ­Baerbock sehr viel Mühe zu betonen, dass nicht einer der beiden für den Erfolg verantwortlich sei, sondern beide zu genau der Hälfte. Wo immer es geht, verweist Habeck auf Baerbock, und wenn das nicht reicht, dann hilft das Umfeld der beiden nach und wirbt für gleiche Betrachtung der beiden. Die Vergemeinschaftung des Erfolges: in der Grünen-Spitze ist sie längst Realität.

Habeck und Baerbock vermeiden jeden Wettbewerb untereinander, und auch sonst geht ihnen manch typisches Machtinstrument ab. Die Frage, ob die Grünen tatsächlich zur Volkspartei werden, umkurven sie. Die Frage nach der Kanzlerkandidatur ist tabu. Über Koalitionen wird nicht gesprochen, der politische Gegner stets sachlich kritisiert, nie spöttisch.

Aber werden die Grünen damit den Erwartungen gerecht, die viele ihrer Wähler mittlerweile an sie haben? Oder sind sie zu vorsichtig und verspielen die Chance, die sich ihnen durch die Schwäche von Union, SPD und FDP bietet? Oder anders gefragt: Kann man ohne echten Machtwillen an die Macht?

Am Montagmorgen sitzt Robert Habeck im Saal der Bundespressekonferenz, der Saal ist voll, Habecks Langarmshirt gegen ein weißes Hemd getauscht. Selbst die Strubbelfrisur sitzt bemerkenswert ordentlich. Sitzt da ein Kanzlerkandidat? Habeck spricht, plötzlich ein Blitzlichtgewitter. „O.k.“, sagt Habeck und senkt die Hände, flach und gespannt, als wollte er sagen: „Nun beruhigt euch mal wieder.“

Der Grünen-Chef spielt mit den Gepflogenheiten Berlins. Es ist eine Mischung aus Fremdeln und Kokettieren, je nach Tagesstimmung. Habeck gefällt sich in der Rolle des unbedarften Außenseiters. Dabei ist er seit zehn Jahren Spitzenpolitiker. Er war Fraktionschef im Kieler Landtag, Landesminister, stellvertretender Ministerpräsident, jetzt Parteichef.

Baerbock und Habeck – sie beide sind die Gesichter des Grünen-Erfolgs. In einer Zeit, in der Politikern vielerorts Misstrauen und Verachtung entgegenschlagen, fliegen dem Spitzenduo die Sympathien zu. Mit ihrer betont pragmatischen, unideologischen Art führen sie die Partei raus aus der Ökonische rein ins Bürgertum. Der Zuspruch in Umfragen und Wahlergebnissen diszipliniert die traditionell streitlustige grüne Partei. Dass die Grünen eine Doppelspitze aus dem Realo-Lager akzeptiert haben, ist einer der entscheidenden Faktoren für den inneren Frieden der Partei.

Rückblick: Ein Samstag im Dezember 2017, Robert Habecks Telefon klingelt. Am folgenden Montag will er öffentlich machen, dass er als Parteichef antritt, ein Interview mit der „taz“ ist vereinbart. Am Telefon ist die Bundestagsabgeordnete Baerbock. „Du, ich hab mir überlegt, ich kandidiere auch“, sagt Baerbock. Sie wolle damit sofort an die Presse gehen.

„Hast du die Parteispitze informiert?“, fragt Habeck.

„Nö“, sagt Baerbock.

Habeck ist, je nach Deutung, verblüfft bis düpiert. Nun muss er nachziehen.

Sieben Wochen später, Bundesparteitag in Hannover. Die Delegierten befürchten, dass der Politstar Habeck den Parteitag zur Ego-Show macht. Da tritt Baerbock in Stiefeln und Lederjacke auf die Bühne. „Bei allem Respekt für Robert“, ruft sie in ihrer Bewerbungsrede. „Wir wählen hier nicht die neue Frau an Roberts Seite, sondern die neue Bundesvorsitzende.“ Jubel im Saal. „Was für ein Auftritt“, sagt Habeck, als er dran ist. „Vielleicht habe ich ja Glück und darf der Mann an deiner Seite sein.“

Noch am selben Tag, auf der Parteitagsbühne, beschließen Baerbock und Habeck, vieles anders zu machen als ihre zerstrittenen Vorgänger im Amt, Cem Özdemir und Simone Peter. Ein vielfach gedrucktes Foto zeigt sie beim Tuscheln. „Ich weiß noch genau, was wir da gesagt haben“, erzählte Habeck jüngst beim „Berliner Salon“ des RedaktionsNetzwerks Deutschland. „Wir machen das zusammen: Wir schieben unsere Schreibtische in ein Büro, haben eine Büroleitung, eine Pressestelle – nicht zwei.“

Vom gemeinsamen Büro ist seither immer wieder die Rede, um die Einheit der Parteispitze zu illustrieren. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Habeck und Baerbock so gut wie nie zur selben Zeit im Büro sind. Das macht häufiges Telefonieren nötig. Schließlich sind Habeck und Baerbock – aller demonstrativen Harmonie zum Trotz – ziemlich unterschiedliche Typen.

Baerbock, Völkerrechtlerin, geht analytisch an die Dinge heran, mit Fai­ble für Details – ob es um den Kohleausstieg geht oder den Brexit. Habeck, Schriftsteller und Philosoph, stellt lieber Thesen auf und kleidet sie in wuchtige, nicht immer klare, aber stets wohlklingende Worte. Sie ist rational, er emotional. Auch wegen dieser Verkehrung typischer Geschlechterrollen fällt dieses Politpaar aus dem Rahmen.

Er beflügelt sie, sie erdet ihn. So umschreiben Menschen, die beide gut kennen, ihre Zusammenarbeit.

Manchmal aber driftet der beflügelnde Habeck ab. Dann ist er schludrig und unkonzentriert und macht Fehler. Etwa als er es in einem Twitter-Video so klingen ließ, als spreche er Bayern und dann Thüringen ab, demokratisch zu sein. Es hagelte Spott und Häme. Habeck löschte sein Twitter-Profil.

Baerbock wiederum riskiert, mit ihrer erdenden Art das zu werden, was sie nicht sein will: langweilig. Den kämpferischen Ton aus ihrer Anfangszeit als Parteichefin hat sie abgelegt. Zwar mahnt sie immerzu eine „radikale“ Politik an, klingt dabei aber stets versöhnlich und kompromissbereit.

Die Grünen haben sich Nettsein verordnet. Attacken auf politische Gegner sind nicht mehr zu vernehmen. Statt sich an anderen abzuarbeiten, setzen sie lieber eigene Themen. So drückten die Grünen dem Land eine Debatte über eine Plastiksteuer und eine zum bedingungslosen Grundeinkommen auf.

Ihre zunehmende Beliebtheit wird mittlerweile zum Problem für die Grünen. Die kleine Parteizentrale in Berlin-Mitte ist dem großen Zuspruch kaum mehr gewachsen. Es fehlt an Kapazitäten für die Vernetzung mit ländlichen Kommunen, in denen die Grünen neuerdings auch erstarken. Etliche Anträge von Neumitgliedern können kaum bearbeitet werden. Wer nicht bei drei auf den Bäumen sei, der könne angesichts der Grünen-Wahlerfolge bei den Kommunalwahlen umgehend Posten übernehmen, sagte Habeck am Montag in Berlin.

Wächst da nun eine neue Volkspartei heran? Grüne mögen den Begriff nicht. „Wir sind eine Partei für die Breite der Gesellschaft“, sagt Baerbock am Mittwoch in Potsdam, es klingt etwas bürokratisch. Auch Habeck will das ­V-Wort nicht für die Grünen beanspruchen. Lieber sagt er: „Wir sind ins Zen­trum der politischen Debatte eingerückt.“

Vielleicht schreckt der angestaubte Klang des Wortes „Volkspartei“ die Grünen ab. Vielleicht schüchtert sie aber auch die darin mitschwingende Erwartung ein. Denn Volkspartei, das ist Macht, das ist Wille, Führungsanspruch. Es bedeutet auch, dass ein Kanzlerkandidat – oder eine Kanzlerkandidatin – aufgestellt werden muss. Und über nichts wollen die Grünen im Moment weniger gern reden.

Das heißt keinesfalls, dass sie darüber nicht nachdenken. Habeck und ­Baerbock wissen, dass der Moment kommen wird, in dem sie die Frage klären müssen. Ein Jahr haben sie dafür noch Zeit, vielleicht etwas mehr. Es ist schon kurios: Bei der im Dauerabschwung befindlichen SPD ist die K-Frage bereits wieder zentrales Gesprächsthema hinter den Kulissen, bei den viel stärkeren Grünen nicht.

Mit ein wenig Glück entscheidet das Fernsehen die Frage für Habeck und ­Baerbock. Dann werden ähnlich wie in Bayern ein Unionspolitiker und ein Grüner eingeladen, so wie es die Umfragen hergeben. Und spätestens dann müssen die Grünen springen, Ja sagen, den Machtanspruch erheben, den sie gerade von sich schieben.

Aber vielleicht ist genau das auch das Erfolgsgeheimnis der Grünen in diesem Jahr. So wie bei Habeck und Baerbock die Rollenbilder vertauscht sind, so durchbrechen auch die Grünen die Klischees machtbesessener Parteien, die sich vor allem um Posten und Kandidaturen Gedanken machen. Gerade in Zeiten, in denen sich die Traditionsparteien CDU und SPD vor laufenden Kameras zerlegen, gewinnen die Grünen damit Zuspruch. Selbst in Havelland II, dem Flecken oben links auf Annalena Baerbocks Landkarte.

Von Marina Kormbaki und Gordon Repinski / RND

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