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Politik Die Grünen brauchen einen Kanzlerkandidaten – und kommen damit in die „Todeszone“ der Politik
Nachrichten Politik Die Grünen brauchen einen Kanzlerkandidaten – und kommen damit in die „Todeszone“ der Politik
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14:22 09.06.2019
Robert Habeck, Vorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, vor einem Partei-Logo. Quelle: Hendrik Schmidt/dpa
Berlin

Robert Habeck reagiert meist entweder verärgert oder belustigt, wenn die Frage nach der Kanzlerkandidatur kommt. Gerade eben erst sprach er in der Wochenzeitung „Die Zeit“ von „Kanzlergerede“. Nein, der Vorsitzende der Grünen mag die Frage nicht.

Er findet sie oberflächlich. Er weiß, dass der, der schnell steigt, ebenso schnell fällt. Und schließlich muss er sich wohl erstmal mit dem Gedanken vertraut machen, dass an solch einer Kanzlerkandidatur kaum noch ein Weg vorbei führt. Der Kandidat wird dann nämlich entweder Robert Habeck heißen. Oder es wird eine Kandidatin namens Annalena Baerbock sein. Es ist zudem seit einiger Zeit nicht mehr ausgeschlossen, dass nach der kommenden Bundestagswahl tatsächlich ein Grüner die Republik regiert.

Voriges Mal schafften sie keine 9 Prozent

Damit ist für alle ein Lernprozess verbunden. Sicher, die Grünen haben bei der vorigen Bundestagswahl gerade mal 8,9 Prozent geholt. Die wachsende Zahl ihrer Mitglieder beträgt nicht mehr als ein Fünftel der Mitgliederzahlen von CDU oder SPD. Auch ist der Hinweis berechtigt, dass die Grünen zwischen Wahlen in Umfragen immer mal wieder stark waren, um bei den Wahlen verlässlich auf das alte Niveau herab zu sinken. Trotzdem spricht eine Menge dafür, dass die jüngsten Umfragezahlen von 26 Prozent keine Eintagsfliege sind.

Die Grünen regieren in der Mehrzahl der Bundesländer mit. Sie stellen in Baden-Württemberg den Ministerpräsidenten und trumpften bei den letzten Urnengängen groß auf: in Bayern, in Hessen, in Bremen, in Europa. Bei Jungwählern liegen sie auf Platz eins. Auch ist die Partei geschlossen wie nie, hat zwei Vorsitzende, die begeistern können und ein Thema, das derzeit alles andere dominiert: den Klimaschutz.

Die Stärke rührt aus schwacher Konkurrenz

Hinzu kommt die Schwäche der Konkurrenten. Weder CDU noch SPD sind geeint. Weder CDU noch SPD haben überzeugendes Führungspersonal; die SPD hat momentan bei Lichte besehen gar keines. Und weder CDU noch SPD finden zum Klimaschutz eine überzeugende Haltung.

Die Milieus der Volksparteien erodieren seit Jahrzehnten. Es gibt mithin langfristige Trends, die die Grünen auf unterschiedliche Weise begünstigen. Daraus wiederum folgt: Sie werden ohne Kanzlerkandidatin oder Kanzlerkandidaten nicht auskommen.

Nach dem Schulz-Zug der Habeck-Hype

Das wird weitere Konsequenzen haben. Die Tendenz zur Personalisierung von Politik wird voll auf die einst basisdemokratischen Grünen durchschlagen. Dies kann für die Betroffenen durchaus bedrohlich sein. Alle wissen, was mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz geschah, der wie Ikarus zu nah an die Sonne kam und anschließend zu Boden fiel.

Der Habeck-Hype ist vor allem für einen riskant: für Habeck. Wer ihn hypt, tut ihm nichts Gutes. So oder so werden sich die Grünen noch weiter verändern müssen. Sie müssen die Sympathisanten, die sie zuletzt für sich gewannen, halten. Sie werden also unterschiedliche Interessen und Ansprüche zu bedienen haben.

In die „Todeszone der Politik“

„Ungestraft wird keiner Volkspartei“, schrieb Thomas E. Schmidt kürzlich in der „Zeit“. „Entsprechend wird die Partei immer sanfter, empathischer, verständnisvoller für alle und alles. Ihr Markenkern ist populäre Lyrik geworden, etwas zum Mitsingen.“ Grüner Mut bleibt kostbar.

Mag sein, dass das grüne Zeitalter eben erst begonnen hat. Freilich dürfte die Grünen-Spitze erst nach und nach realisieren, was da auf sie zukommt – was sie zu gewinnen, aber was sie auch zu verlieren hat. Dass Robert Habeck von der Kanzlerkandidaten-Debatte nichts wissen will, ist nur zu verständlich. Der einst informelle Chef der Grünen, Joschka Fischer, hat mal gesagt, das Kanzleramt sei die „Todeszone“ der Politik. Dort werde der Sauerstoff knapp und die Luft extrem dünn.

Von Markus Decker/RND

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