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Politik Libyen: Mindestens 40 Menschen sterben bei Angriff auf Migrantenlager
Nachrichten Politik Libyen: Mindestens 40 Menschen sterben bei Angriff auf Migrantenlager
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16:32 03.07.2019
Dutzende Migranten sind bei einem Luftangriff auf ein Lager nahe Tripolis ums Leben gekommen. Quelle: Hazem Ahmed/AP/dpa
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Tripolis

Den Anblick, den der Arzt Chalid bin Attia aus dem Migrantenlager Tadschura bei Tripolis beschreibt, ist erschütternd. „Das Lager war zerstört, die Menschen weinten, waren in Panik“, sagt der Mitarbeiter des libyschen Gesundheitsministeriums im Telefoninterview mit der BBC. „Das Licht war aus, wir konnten nicht viel sehen. Es war schrecklich, überall war Blut.“

Es war wohl ein Luftangriff, der das Lager tief in der Nacht zum Mittwoch erschüttert. 44 Menschen sterben, rund 130 weitere werden verletzt. Der schlichte Bau, der einer einfachen Lagerhalle glich, liegt in Trümmern. Fotos zeigen schwarze Leichensäcke im Schutt. Krankenwagen hätten die Leichen zunächst nicht mitnehmen können, sagt Bin Attia. „Wir haben sie einfach mit Säcken abgedeckt.“

Mitarbeiter des Roten Halbmonds bergen nach dem Luftangriff Leichen. Quelle: Hazem Ahmed/AP/dpa

Der libysche Präsidentschaftsrat machte die Truppen des abtrünnigen Generals Chalifa Haftar für die Attacke verantwortlich und sprach von einem Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Haftars selbsternannte Libysche Nationalarmee (LNA) hatte am Montag bereits schwere Angriffe auf Tripolis angekündigt. Der Präsidentschaftsrat forderte die Vereinten Nationen auf, die Attacke zu untersuchen. Im April hatte Haftar den Angriff seiner Truppen auf die Hauptstadt befohlen. Seitdem ist es der Angriff mit den meisten Opfern. Der Warlord will nach eigenem Bekunden die Kontrolle über die Streitkräfte erringen und kontrolliert mittlerweile große Gebiete Libyens.

UN: Rückführung von Migranten nach Libyen stoppen

Im Lager in Tadschura, wo eine Explosion vor zwei Monaten bereits ein Loch in ein Dach riss, trifft es nun die Schwächsten. Mehr als 600 Männer, Frauen und Kinder waren der Organisation Ärzte ohne Grenzen zufolge dort untergebracht. Allein in der Zelle, die getroffen wurde, seien mehr als 120 Menschen untergebracht gewesen. Für Menschen aus bitterarmen Ländern wie dem Sudan, Eritrea und Somalia dient Libyen als Transitland auf dem lebensgefährlichen Weg nach Europa, den sie etwa wegen Krieg, Armut oder Verfolgung in ihrer Heimat antreten.

Haftars Truppen bestreiten, das Lager ins Visier genommen zu haben, und erklären, die LNA plane Angriffe „akribisch“ und berücksichtige dabei auch den Schutz von Zivilisten. Die Regierung von Libyens Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch macht dagegen Haftars Truppen verantwortlich. Sie spricht von „Kriegsverbrechen“ und „Genozid“ und fordert eine unabhängige Untersuchung. Al-Sarradsch genießt den Rückhalt der Vereinten Nationen, hat über Tripolis hinaus aber kaum noch Einfluss.

Vereinte Nationen fordern Konsequenzen in der Flüchtlingspolitk

Einer politischen Lösung scheint Haftar endgültig eine Absage erteilt zu haben. Statt die eigentlich für Mitte April geplante Nationalkonferenz abzuwarten, die Rahmenbedingungen für ein Ende des Konflikts schaffen sollte, hat der 75-Jährige einen Angriff auf die Hauptstadt angeordnet. Statt also in Verhandlungen oder Wahlen als stärkste Kraft des Landes hervorzugehen, will er die Macht im Land gewaltsam erobern. Das Magazin „Foreign Policy“ beschrieb den ergrauten General zuletzt als „verblendet“ und „größenwahnsinnig“.

Die Vereinten Nationen fordern nach dem mutmaßlichen Angriff Konsequenzen in der Flüchtlingspolitik. Die Rückführung von Migranten auf dem Mittelmeer nach Libyen müsse sofort gestoppt werden, forderte das UN-Flüchtlingshilfswerk am Mittwoch. Bereits in den vergangenen Wochen habe das UNHCR gewarnt, dass das Lager im Vorort Tadschura von Tripolis großen Risiken im Kreuzfeuer ausgesetzt sei, beklagte Sprecher Charlie Yaxley.

Europa finanziert umstrittene Küstenwache

Die in der Frage gespaltenen Regierungen in Europa und den USA tragen zur libyschen Abwärtsspirale bei. Neben halbherzigen Forderungen nach einer Waffenruhe und einer Rückkehr zu politischen Gesprächen hat der Westen sich auf keine gemeinsame Libyen-Linie einigen können. Frankreich wurde vorgeworfen, Haftar stillschweigend unterstützt zu haben - auch wegen der großen Ölreserven im Land. Rom soll Paris etwa verdächtigt haben, sich einen größeren Anteil an den Energievorkommen in Libyen sichern zu wollen, wo der italienische Energiegigant ENI eine traditionell starke Stellung hat.

Ähnlich sprunghaft handeln die USA. Eigentlich hatten deren Außen- und Verteidigungsministerium Haftar zum Rückzug bewegen wollen. Doch dann stärkte US-Präsident Donald Trump dem General mit einem persönlichen Telefonat den Rücken und steuerte die diplomatischen Bemühungen in eine Sackgasse. Als Haftar Tripolis angriff, zog Washington seine Soldaten dort hastig zurück und überließ dem General das Feld. Der Willen, nach dem Militäreinsatz mit Frankreich und Großbritannien zum Sturz des Langzeitmachthabers Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 erneut in Libyen einzugreifen, geht gegen null.

Konflikt auf dem Rücken von Zivilisten

Und so tobt der Machtkampf weiter. Libyen driftet schrittweise ab in einen unlösbaren Stellvertreterkrieg, wie er in Syrien oder dem Jemen geführt wird. Haftar genießt dabei die Unterstützung Ägyptens und der Vereinigten Arabischen Emirate, auch Russland mischt mit. Auf der anderen Seite stehen etwa Katar und die Türkei. Seit April wurden 700 Menschen getötet, etwa 70 000 weitere wurden durch Kämpfe vertrieben.

Der blutige Konflikt wird nun auch auf dem Rücken von Migranten und Flüchtlingen ausgetragen. Ihre einzige Rettung scheinen dieser Tage Hilfsorganisationen zu sein und Menschen wie die Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete.

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