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13:38 21.05.2019
Als Radler ein Exot: Sandro Calmanti muss sich in einer Stadt voller Autoliebhaber  behaupten. Fotos: Tom Sundermann  Quelle: Tom Sundermann
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Rom

An diesem Morgen ist die Luft klar. Der Regen, der seit Wochen auf die italienische Hauptstadt Rom prasselt, hat sie reingewaschen. Doch normalerweise ist sie hier an der Viale Etiopia im Nordosten der Metropole zum Schneiden. Der Berufsverkehr überzieht das Wohngebiet mit einem Nebel aus Stickoxid und Feinstaub. Die ewige Stadt droht an Abgasen zu ersticken.

„Hier in Rom wächst jeder mit dem Glauben auf, dass man sich nur im Auto fortbewegen könne“, sagt Sandro Calmanti. Er greift zur Cappuccino-Tasse, hinter ihm dröhnt die Straße.

Sein eigenes Auto hat er vor ein paar Jahren abgeschafft. Jetzt nimmt er nur noch das Rad – und wünscht sich, dass mehr Römer seinem Beispiel folgen würden. Er ist Vizepräsident im Verein Salvaiciclisti – zu Deutsch „Rettet die Radfahrer“.

Das ist die Expedition EU

Die Expedition EU ist ein crossmediales Projekt der Zeitungsgruppe Neue Westfälische, des Redaktionsnetzwerks Deutschland, dem europäischen Radionetzwerk Euranet plus, Podcastfabrik und den OWL Lokalradios. Drei Reporter berichten in den 15 Tagen vor der Europawahl täglich aus 15 Ländern. Die Recherchereise wird unterstützt von der Bertelsmann Stiftung.

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Von Beruf ist Calmanti Klimaforscher bei einem Umweltinstitut. Und im Februar vergangenen Jahres wollte er ganz genau wissen, was er bei seinen Radfahrten einatmet. Der Verein beschaffte 200 Messgeräte, die Mitglieder an Balkonen oder Straßenschildern anbrachten, um einen Monat lang die Stickoxidwerte in der Stadt zu messen. Seitdem gibt es eine Karte, auf der sich die Schadstoffbelastung für Rom fast straßengenau ablesen lässt, viel detaillierter als durch die Handvoll offizieller Messstationen.

Eine ruhige Straße: In weiten Teilen von Rom liegen die Abgaswerte über dem Limit. Quelle: Tom Sundermann

Die Ergebnisse sind verheerend: In der Spitze ergaben sich rechnerische Werte von 90 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahr – gemessen unter anderem hier, an der Viale Etiopia. „Das ist ein verrückter Wert!“, sagt Calmanti. Europaweit gilt für Stickoxid ein Limit von 40 Mikrogramm. Bereits bei einer halb so hohen Konzentration drohen nach aktueller Studienlage Gesundheitsschäden. Stickoxid wird mit der Entstehung von Asthma, Kreislauferkrankungen und Krebs in Verbindung gebracht.

Zehntausende Tote jedes Jahr durch dicke Luft

In der Studie kam auch heraus, dass neun von zehn Römern an Orten mit überhöhter Konzentration leben – nämlich dort, wo die Stadt am dichtesten besiedelt ist. „Sehen Sie sich um“, sagt er und zeigt auf die Hochhäuser nebenan, „hier wohnen etliche Menschen, in der Nähe sind Parks und Schulen, auch die meiner Kinder.“ Das Fahrrad seines Sohnes ist das einzige, das vor dem Schulhaus um die Ecke steht.


Die dicke Luft hat dramatische Folgen – nicht nur in der Hauptstadt, sondern in ganz Italien: In keinem westeuropäischen Land sterben mehr Menschen vorzeitig an den Folgen von Luftverschmutzung, wie eine Berechnung der Europäischen Umweltagentur von 2015 ergab – über 84.000 Tote.

EU-weit ist die Lage nur in Bulgarien und Rumänien schlimmer. Ähnlich die Situation beim gefürchteten Feinstaub: Gut 64 Prozent aller Italiener atmen laut Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Luft mit einem Feinstaubgehalt über dem Grenzwert von 15 Mikrogramm. Laut einer Zusammenstellung der Bertelsmann Stiftung landet das Land damit auf Platz 20 von 28 EU-Mitgliedern.

Hauptstadt-Architektur: Beeindrucke Fassaden gehören zum Stadtbild von Rom – die  Belastung durch Stickoxid und Feinstaub dagegen ist unsichtbar.  Quelle: Tom Sundermann

Ob Feinstaub, Stickoxid oder CO2: An der Frage um Luft und Klima kann sich die Zukunft eines ganzen Kontinents entscheiden. Auch deshalb ziehen seit Monaten weltweit Schüler an Freitagen durch Innenstädte, um bei den Fridays-For-Future-Demonstrationen mehr Bewegung im Klimaschutz zu fordern. Sie formulieren eine Sorge, die viele andere gern wegschieben: dass zusammen mit der Reinheit der Luft irgendwann auch die Menschheit untergeht.

Klimakampf auf zwei Rädern

Der Kampf ums Klima wird an vielen Fronten geführt. In Rom hat der Radfahrer-Verein dem Stadtrat kürzlich ein Konzept für bessere Radwege vorgelegt. Denn die sind kaum zu entdecken.

„Der Verkehr ist wahnsinnig, viele trauen sich nicht, auf dem Rad zu fahren, weil es so gefährlich ist“, sagt Calmanti. Tatsächlich haben Radler einen großen Vorteil: Sie kommen fix am Verkehr auf den notorisch verstopften Straßen vorbei.

Verwunderlich ist die konsequente Missachtung der Radfahrer nicht: „Italien ist nun einmal das Land des Automobils“, sagt er. Dort kommen auf 100 Einwohner rund 61 Fahrzeuge – europäischer Spitzenwert. In Deutschland sind es gut 55.

Doch während sich manche Fahrer von Dieselautos wegen drohender Fahrverbote von der Politik in der Bundesrepublik verraten fühlen, sind diese südlich der Alpen seit Jahrzehnten gängige Praxis. Genutzt hat das wenig. Auch bei der Verbreitung von Dieselmotoren ist Italien Spitzenreiter.

Sperrzone für Diesel bis 2025 geplant

In Rom will Bürgermeisterin Virginia Raggi bis 2025 das Zentrum komplett zur Sperrzone für Diesel erklären. Aktivist Calmanti geht das nicht schnell genug. „Das ist ein bisschen enttäuschend, wir haben den Notstand doch jetzt!“

Für ihn ist klar: Damit die Luft aufklart, müssen die Bürger sich umstellen. Doch eingeübte Verhaltensmuster stellen so ziemlich die höchste Hürde dar. „Wenn du gegen alte Gewohnheiten kämpfst, denken die Leute, du bist verrückt“, sagt Calmanti. Damit kann er leben. Als Radler ist er in der Hauptstadt ohnehin ein Exot zwischen all den Autofahrern: „Wenn ich fahre, fühle ich mich wie ein Außerirdischer.“  

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