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18:57 04.07.2019
Tausende feiern beim Festival „Kosmos Chemnitz - Wir bleiben mehr“. Quelle: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbil
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Chemnitz

Chemnitz einen Tag im Partyfieber. Das „Kosmos – wir bleiben mehr“-Konzert zieht Tausende an, um zu feiern und um den Alltag in der westsächsischen Industriemetropole aufzumischen. Die „Leipziger Volkszeitung“ war vor Ort und hat Eindrücke des zweiten großen Konzertes gegen Rechts gesammelt:

Die Narben, die der Tod von Daniel H. vor einem Jahr hinterlassen hat, verheilen nur langsam. Auch wenn am Tatort mittlerweile keine Blumen und Kerzen mehr stehen.

Ein Optimist hat in verschiedenen Farben „Toleranz“, „Rücksicht“ und „Weltoffenheit“ auf den Gehweg gesprüht.

„Das kotzt einen voll an“

Doch nicht alle sehen das so und freuen sich über das Festgetümmel und den Menschenauflauf in Chemnitz. „Die ganze Stadt ist voll mit dem Scheiss. Das kotzt einen voll an“, sagt ein Jugendlicher in schwarzem Kapuzenpullover zu seinem Freund, mit dem er aus der Straßenbahn steigt.

Vor der Stadthalle verteilt ein Mädchen Anti-Nazi-Aufkleber der „Partei“. Warum sie das tue? Weil es immer mehr Rechtsextremismus in Chemnitz gebe, erwidert die 16-Jährige.

Verfolgen Sie hier das #wirbleibenmehr-Konzert live

„In dem Stadtteil, in dem ich wohne - Gablenz - ist es besonders schlimm,“ sagt sie und fügt dann hinzu. „Wenn ich es mir recht überlege, möchte ich nicht, dass mein Name oder mein Foto in der Zeitung erscheinen.“ Ob sie Angst hat? Sie nickt, lächelt und geht weiter.

„Bisher hat uns keiner angepöpelt“

Ganz anders sieht das Anett Linke (30), die mit dem Stand der „BuntermacherInnen“ an der Straße der Nationen steht und sich auch vor Mikrophonen nicht scheut. „Wir haben uns im vergangenen August gegründet und auf die Fahnen geschrieben, die Gräben in Chemnitz zu schließen.“ Ins Gespräch kommen statt einander auf Demos anzuschreien, sei die Devise.

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Ob das klappe? „Ja, bisher hat uns noch keiner angepöbelt“, sagt sie stolz. Voraussetzung sei allerdings, neutral zu agieren. „Wir schließen niemand von vornherein aus“, sagt die 30-Jährige. Eingeladen werde zum Dialog bei Kaffee und Kuchen - meist im Chemnitzer Stadtteil Bernsdorf. „Und wer kommt, der kommt.“ Vor der Kommunalwahl sei man klingeln gegangen, um die Leute aufzufordern wählen zu gehen. „Egal welche Partei.“

„Alle Generationen auf dem Gelände“

Sören Uhle, Geschäftsführer der Chemnitzer Wirtschaftsförderung und „Kosmos“-Cheforganisator, ist begeistert von der Atmosphäre. „Im Gegensatz zum Bild, was manch einer sonst von Chemnitz hat, sind alle Generationen auf dem Gelände, die Stimmung ist ausgelassen und positiv.“

Dann stellt er klar: Bei der Veranstaltung gehe es nicht nur um Musik und „ums Feiern nur um des Feierns willen“. Sondern eben auch um Inhalte. „Wir wollen das, was unter anderem im August 2018 passiert ist, aufarbeiten“, verspricht er gegenüber der LVZ.

„Wieder mehr zum Miteinander finden“

Wie diese Aufarbeitung aussehen könnte, zeigt sich auf zahlreichen Diskursen in der Stadt – unter anderem im ehemaligen Kaufhaus Xquisit. Dort wo früher Kleiderstangen aufgereiht waren, gibt es ein Podium und vollbesetzte Stuhlreihen davor. „Bewegt was – Ohnmacht umdenken“ ist eines der Themen und Jan Kummer, Sänger der legendären DDR-Punkband AG Geige, einer der Diskutanten.

„Es geht in Chemnitz jetzt vor allem darum, wieder mehr zu einem Miteinander zu finden. Die politischen Lager in der Stadt sind sehr von einer getrennt“, sagt das Chemnitzer Urgestein, dessen Söhne Felix und Till bei Kraftklub spielen und maßgeblich am Vorgängerevent #wirsindmehr beteiligt waren. Und trifft sich darin mit der Buntmacherin Linke.

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Bewegung fordert neben ihm auch Jana Ciernioch von der Mittelmeer-Rettungsorganisation SOS Mediteranee – allerdings nicht nur in Chemnitz:

„Es gibt inzwischen sehr viel Solidarität für die Rettungsaktionen der NGOs im Mittelmeer – sogar von Außenminister Heiko Maas. Dieser Solidarität müssen nun aber auch politische Handlungen folgen“, sagt sie und spricht auch von einer zunehmenden Verschärfung der Situation für alle Flüchtlingsorganisationen im Mittelmeer.

„Rassismus ist oberarm“

Im Stadtpark tobt derweil den ganzen Tag der Parksommer. Kinder-Rapper hopsen über die Bühne, Schüler machen Kabarett. Eine große Zaubershow beginnt, begleitet vom Beifall der Erwachsenen, die unter den großen Bäumen Schatten suchen.

Für einen Augenblick herrscht bei einem Teil der Eltern Verwirrung, weil drei Bereitschaftspolizisten über die Straße hasten. Doch die martialisch gekleideten Beamten wollen sich nur rasch ein Eis aus dem Café „Cortina“ holen.

Daneben steht der Stand eines Fitnessstudios, das mit dem Slogan „Rassismus ist oberarm“ wirbt und einen muskelbepackten Oberkörper mit einem Karl-Marx-Kopf geschmückt hat. Silas Wehner, der Aufkleber verteilt, sagt ein wenig verlegen: „Das ist die Idee unseres Managements gewesen. Werbeaktion.“ Das Ganze sei „vielleicht ein wenig provokant“, aber „das Ziel dennoch einsetzenswert“, grinst er.

Von RND/lvz/Roland Herold & Matthias Puppe

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