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Politik Teddybären, warmer Tee und Harry Potter - so lief der Nachtstreik von „Fridays for Future“
Nachrichten Politik Teddybären, warmer Tee und Harry Potter - so lief der Nachtstreik von „Fridays for Future“
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12:07 10.07.2019
Aktivisten sitzen auf einem Sofa bei der „Fridays for Future“-Demonstration in Köln, wo sie von Dienstag auf Mittwoch übernachten wollten. Eine Woche lang streiken Kölner Schüler in der Kölner Altstadt. Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa
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Köln

Wespe ist 13 Jahre alt, und sie will die Nacht zum Mittwoch auf einem Platz in der Kölner Altstadt verbringen. Schräg unter dem Fenster des Büros von Oberbürgermeisterin Henriette Reker, im ersten Nachtlager von „Fridays for Future“.

Für eine lebenswerte Welt auch morgen, für Klimaschutz. „Es ist das erste Mal, dass ich sozusagen auf der Straße schlafe“, sagt Wespe. „Ich bin schon aufgeregt, aber es ist eigentlich alles total locker. Die Menschen hier sind alle richtig cool.“ Sie spricht leise, damit sie die anderen im Schlafzelt nicht aufweckt.

Bereits seit Montagmorgen streiken Kölner Schüler im Namen der „Fridays for Future“-Bewegung für den Klimaschutz. In der letzten Woche vor den Ferien sollen bis Freitag rund um die Uhr Schüler in der Kölner Altstadt die Stellung halten.

Die meisten, die am Dienstagabend gegen 23 Uhr noch da sind, sind schon etwas ältere junge Menschen. „Ich glaube, dass viele Eltern davor zurückschrecken und sagen "Mein Kind schläft auf der Straße? Ach nee!" Da wollen sie lieber, dass ihre Kinder tagsüber hingehen.“ Bei Wespe ist das anders. „Meine Eltern sind total gelassen, da hab ich echt Glück.“ Ihren dicken Schlafsack hat sie schon im Zelt ausgebreitet. „Ich hab auch noch warme Klamotten dabei, deswegen mach ich mir da echt keine Sorgen.“

Ein Teddy und eine Flasche mit Aufkleber von "Fridays for Future": Die streikenden Kölner Schüler waren Dienstagnacht bestens vorbereitet. Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa

In der Reihe gegenüber schlummern schon zwei Schüler auf Isomatten. Andere haben ihre Lager bereits hergerichtet, sind aber offenbar noch draußen. Hier liegt ein kleiner Teddybär, dort „Harry Potter und der Halbblutprinz“. Noch drei Tage Schule, dann sind Ferien, und das hier hat schon etwas von einem Sommercamp. Spülschüsseln mit Geschirr stehen auf dem Boden, in einem Pavillon gibt es Brötchen, Obst und Pasta. „Wir haben eine Küfa, das heißt Küche für alle“, erklärt Pressesprecherin Leonie Bremer. „Die Parents for Future helfen uns da.“ Engagierte Eltern von engagierten Schülern.

Einmal fährt eine Polizeistreife vorbei. „Wir haben einen Nachtschichtplan, der geht immer jeweils zwei Stunden“, sagt Bremer. „Es wird abgewechselt, so dass wir immer eine Security haben und sicherstellen, dass nichts geklaut wird und alles gut ist.“ 

Zwei Schülerinnen von „Fridays for Future“ liegen in ihren Schlafsäcken auf dem Alter Markt in der Altstadt. Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa

Das Medienecho ist groß. „Wir werden auch einen Ort zum Schlafen einrichten, zu dem die Presse keinen Zutritt hat“, steht auf einem Schild. Die Beteiligung mag mit insgesamt 500 Teilnehmern über den Tag verteilt zwar nicht besonders groß sein, aber es ist eben das erste Mal, dass „Fridays for Future“ ganzwöchig und rund um die Uhr stattfindet. Eine Woche voller Freitage sozusagen, ganz nach dem Motto auf einem der Transparente: „Wenn Freitage nicht reichen, streiken wir die ganze Woche!“

Es ist dunkel geworden. Einer der Organisatoren wünscht viel Spaß und versichert, dass es die ganze Nacht über warmen Tee gibt. Kerzen werden entzündet, die Glocke des Rathausturms schlägt. Ronja (15) und Pia (16) aus Leverkusen liegen mit ihren Schlafsäcken auf dem blanken Kopfsteinpflaster und schauen in den Sternenhimmel. „Ich find die Stimmung hier super“, sagt Ronja. „Es ist gemütlich.“

Pia bestätigt: „Ganz nette Leute hier unterwegs. Macht Spaß.“ Und in der letzten Woche vor den Sommerferien laufe an der Schule ja eh nicht mehr viel. Ihre Zeugnisse wollen sie sich am Freitag allerdings abholen. Wohin es dann geht, wissen sie noch nicht. „Vielleicht fahren wir nach Holland.“ Dahin kann man zur Not auch mit dem Fahrrad kommen. 

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Von RND/dpa