Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Politik Atempause für die transatlantischen Beziehungen
Nachrichten Politik Atempause für die transatlantischen Beziehungen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:51 18.09.2018
US-Präsident Donald Trump. Quelle: imago/UPI Photo
Anzeige
Washington

Wer seine Kurznachrichten auf Twitter verfolgt, erlebt einen aufgeregten, wütenden Präsidenten. Donald Trump legt sich fast täglich mit der Opposition an, beschimpft FBI-Mitarbeiter und erst recht den Sonderermittler. In einem kämpferischen Ton sind in dieser Woche auch seine Botschaften an China gehalten, das er immer tiefer in einen schwer zu kalkulierenden Handelskrieg hineinzieht. Seltsam still bleibt es dagegen mit Blick auf Deutschland und Europa.

Anders als im ersten Amtsjahr hält sich Trump im Moment zurück und überlässt die transatlantischen Beziehungen mehr und mehr seinem Apparat. Und anders als vielleicht zu erwarten stand, weiß die Administration diese Atempause für unzählige Projekte zu nutzen, die es selbst in früheren Zeiten nicht zwangsläufig gegeben hätte.

Anzeige

Zahl der US-Soldaten in Deutschland auf 1500 erhöht

Zu den größten Seltsamkeiten gehören die jüngsten Entwicklungen im Sicherheitsbereich. In Berlin und Brüssel hinterließen die polternden Auftritte des „Commanders in Chief“ nachhaltigen Eindruck, als er die NATO wahlweise für „obsolet“ und dann für „so stark wie nie zuvor“ erklärte. Auch in führenden Bundeswehrkreisen griff leise Panik um sich bei dem Gedanken, dass sich die Schutzmacht der freien Welt teilweise zurückziehen könnte.

Und heute? Fast nebenbei lässt das Pentagon seine Partner in Berlin wissen, dass die Zahl der US-Soldaten in Süddeutschland um 1500 erhöht wird. Darüber hinaus soll der Etat für Übungen und Ausbildung in Deutschland um knapp vier Milliarden Euro erhöht werden. Größenordnungen, die in früheren Jahren mit einem gewissen Brimborium bekannt gegeben worden wären. Nichtsdestotrotz zeigt sich Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen erfreut: „Die US-Entscheidung, die militärische Präsenz bei uns in Deutschland zu verstärken, ist ein willkommenes Zeichen für die Vitalität der transatlantischen Beziehungen.“ Die neuen Soldaten seien ein Bekenntnis zur gemeinsamen Sicherheit.

Eine veränderte Stimmung bekommen vor allem aber die Wirtschaftsfachleute aus Berlin zu spüren. Vergangene Woche war beispielsweise Angela Merkels Top-Berater Lars-Hendrik Röller zu Gast im Weißen Haus – und wurde mit weit geöffneten Armen empfangen. Trumps Wirtschaftsberater Larry Kudlow konnte gar nicht oft genug betonen, welche Bedeutung die amerikanisch-deutschen Beziehungen für die US-Wirtschaft besitzen würden. Tatsächlich verkauft die deutsche Industrie in kein Land der Welt mehr Waren als in die Vereinigten Staaten. Und anders als es Trump oft darstellt, verkaufen auch die Amerikaner höchst erfolgreich ihre Arbeitsergebnisse nach Deutschland - vor allem, wenn man neben den Industrieprodukten auch die Dienstleistungen der kalifornischen Internet-Giganten miteinbezieht.

Von einer dauerhaften Entspannung der Beziehungen kann keine Rede sein

Dass der Handel und Warenaustausch zwischen den Verbündeten einer spektakulären Erfolgsgeschichte gleichkommt, ist in Berlin hinlänglich bekannt. Nun aber hat sich diese Story zumindest auch im Umfeld des Oval Office herumgesprochen. Trotz diverser bürokratischer Hürden zählt Amerika eben zum bevorzugten Investitionsstandort der deutschen Industrie. Von den Auswirkungen zeigt sich auch die US-Regierung beeindruckt: So beschäftigen die Tochtergesellschaften von Firmen wie Siemens, VW oder BMW - und nicht zuletzt der unzähligen Mittelständler – etwa 700.000 Mitarbeiter zwischen der Ost- und Westküste.

Von einer dauerhaften Entspannung kann gleichwohl keine Rede sein, zumal der Streit um die Erdgaspipeline Nordstream 2 anhält und weiterhin die Drohung Washingtons im Raum steht, die beteiligten Firmen im Zweifelsfall mit Sanktionen zu belegen. Doch auch in diesem Konflikt deutet sich zumindest ein Kompromisslinie an: Zum einen sollen die bisherigen Pipelines über die Ukraine zumindest teilweise weitergenutzt werden. Und zum anderen beginnt in Deutschland die Suche nach einem geeigneten Standort für einen Flüssiggasterminal. Da Deutschlands und Europas Gasbedarf weiterhin steigen dürfte, könnte es zumindest hin wieder Bedarf an weiteren Bezugsquellen geben - unter anderem aus Amerika. Nicht ohne Grund absolvierte Dan Brouillette, Vize-Energieminister, in Berlin gerade eine Stippvisite, um die Vorzüge des amerikanischen Flüssiggases herauszustreichen.

Nun lässt sich Brouillettes Besuch durchaus als eine Art robuste Werbeveranstaltung für die US-Rohstoffindustrie beschreiben. Dennoch betont auch Brouillette: Von der transatlantischen Partnerschaft profitieren beide Seiten.

Von Stefan Koch/RND

Politik Innerkoreanisches Gipfeltreffen - Moons heikle Mission in Pjöngjang
18.09.2018
Politik Partei zwischen Aufwind und Sorge - Die AfD – Partei der Getriebenen
18.09.2018
Anzeige