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Politik Wartezeiten in der Psychotherapie: Nötig ist ein intelligentes Lotsensystem
Nachrichten Politik Wartezeiten in der Psychotherapie: Nötig ist ein intelligentes Lotsensystem
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20:00 13.12.2018
Psychisch Kranke bekommen erst nach langer Wartezeit einen Therapieplatz. Quelle: dpa
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Berlin

In der Beschreibung des Problems sind sich alle Seiten einig: Wer ein psychisches Leiden hat – und das sind aufgrund von Arbeitsverdichtung und Leistungsdruck immer mehr Menschen –, bekommt zu spät Hilfe. Auf einen Therapieplatz müssen Betroffene im Schnitt fast ein halbes Jahr warten.

Nicht selten verschlechtert sich ihr Zustand in dieser Zeit so stark, dass eine Einweisung ins Krankenhaus nötig ist, oder sogar Schlimmeres passiert. Das ist ein inakzeptabler Zustand und eines Landes nicht würdig, das sich rühmt, weltweit eines der besten Gesundheitssysteme zu haben.

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Es ist deshalb zu begrüßen, wenn Gesundheitsminister Jens Spahn versucht, eine Lösung zu finden. Doch die Verbände der Psychotherapeuten haben einen regelrechten Shitstorm dagegen entfacht. Von „Selektion“ der Patienten ist die Rede, von Bevormundung, von Diskriminierung – nur weil Spahn über neue Wege nachdenkt.

Auch in der Psychotherapie muss möglich sein, was in jeder Praxis und jeder Klinik täglich zehntausendfach passiert: eine Entscheidung darüber zu treffen, ob jemand sehr dringend Hilfe braucht oder ob noch etwas gewartet werden kann.

Kein neues Nadelöhr schaffen

Das Recht auf freie Therapeutenwahl ist ein hohes Gut. Auch die Kompetenz der Therapeuten will niemand in Frage stellen. Aber was nützt beides einem Menschen, der nirgendwo einen Termin bekommt, der nicht mehr ein und aus weiß, der häufig gar nicht versteht, was eigentlich mit ihm passiert. Er braucht nur eines: möglichst schnell jemanden, der sich um ihn kümmert.

Natürlich wäre es absurd, wenn künftig bei jeder psychotherapeutischen Behandlung eine Voruntersuchung nötig wäre, die Betroffene in einer seelischen Ausnahmesituation zusätzlich belasten und ein neues Nadelöhr schaffen würde. Nötig ist ein intelligentes Lotsensystem, um die knappen Behandlungskapazitäten sinnvoll ausnutzen. Denn klar ist auch: So nötig mehr Therapieplätze sind, die Erfahrung sagt, dass sie am Ende nie reichen werden.

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Von Timot Szent-Ivanyi/RND

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