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18:19 17.11.2018
Die Teilnehmer einer Demonstration von AfD und dem ausländerfeindlichen Bündnis Pegida in Chemnitz Quelle: Ralf Hirschberger/dpa
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Mainz

Die deutsche Frage ist wieder da. Wer 1990 eine neue deutsche Vormacht fürchtete – und das waren außerhalb von Deutschland nicht wenige –, konnte sich ein Vierteljahrhundert später bestätigt sehen. In der Euro-Schuldenkrise haben die Nachbarn den Deutschen „geoökonomischen Nationalismus“ vorgeworfen und kurz darauf in der Flüchtlingskrise „moralischen Imperialismus“. Die Deutschen waren davon völlig überrascht: Sie sahen und sie sehen sich als gute Europäer.

Diese Diskrepanz zwischen Selbstbild und Außenwahrnehmung ist nicht neu. „Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir wollen auch unseren Platz an der Sonne“, sagte Staatssekretär Bernhard von Bülow 1897 im Reichstag – und betonte dabei wahrscheinlich das „auch“. Andere aber hörten vor allem das „wir“ und die „Sonne“.

Jedenfalls schrieb der britische Diplomat Eyre Crowe 1907, Deutschland sei offenkundig der Meinung, dass es „durch die Stärke und Reinheit seines nationalen Strebens (…) das Recht erworben hat, für die deutschen nationalen Ideale einen Vorrang zu beanspruchen“. Und als Bundespräsident Joachim Gauck 2013 sagte, „wir wollen andere nicht einschüchtern, ihnen auch nicht unbedingt unsere Konzepte aufdrücken, wir stehen allerdings zu unseren Erfahrungen, und wir möchten diese gern vermitteln“, da sprach der französische Indus­trieminister Arnaud Montebourg von den „Diktaten der Frau Merkel“.

Hang zur kulturellen Selbstüberhebung

Diese unterschiedlichen Wahrnehmungsmuster gehen weit zurück in die Geschichte. Ein Knotenpunkt war das frühe 19. Jahrhundert, als die europäischen Gesellschaften begannen, sich als Nationen zu begreifen. In Frankreich konnte sich dieses Nationalgefühl an den bereits bestehenden Staat anlehnen.

In Deutschland ging das nicht, denn es gab keinen vereinten Staat. Daher begriffen sich die Deutschen zunächst als Kulturnation. Das war universalistisch gedacht, wenn zum Beispiel von Menschheitsbefreiung im Geiste der Aufklärung die Rede war.

Von Anfang an aber wohnte diesem deutschen Selbstverständnis zugleich ein Hang zur kulturellen Selbstüberhebung inne. Im frühen 20. Jahrhundert war von „deutschen Tugenden“ die Rede – Innerlichkeit und Tiefe, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, Treue und Gottesfürchtigkeit –, die scharf von der oberflächlichen „westlichen Zivilisation“, wie es hieß, unterschieden wurden: dem Manierismus der Franzosen oder dem Materialismus der Engländer. Slawen wurden als kulturell minderwertig angesehen, Asiaten und Afrikaner ohnehin, übrigens nicht nur in Deutschland.

Befreiende Abkehr von der eigenen Geschichte

Diese Überlegenheitsvorstellungen trieb die nationalsozialistische Rassenlehre mit ihrer Vorstellung vom arischen Herrenmenschen und mit dem daraus folgenden Massenmord ins Extrem. Vor diesem Hintergrund wechselte die Bundesrepublik die deutschen Selbstbilder nach und nach aus.

Mit Demokratie und Pluralismus übernahm sie die Leitvorstellungen der „westlichen Zivilisation“. Sie ging von einer affirmativen Nationalgeschichte zu einem opferempathischen Geschichtsbild über, das auf befreiende Abkehr von der eigenen Geschichte zielte. Und gerade das vereinte Deutschland versteht sich als Zivilmacht und als Friedenskultur.

Diese Selbstbilder kulminierten in der Willkommenskultur des Herbstes 2015, die zweierlei zeigte: wie weit sich die Deutschen inhaltlich von den Selbstbildern der „deutschen Tugenden“ im Kaiserreich entfernt hatten – und wie hartnäckig sich zugleich ein Mechanismus gehalten hatte, nämlich der Hang zum moralisch-kulturellen Überlegenheitsgefühl.

Den Deutschen bleiben Sorgen unverständlich

Deutschland sei zum „Hippie-Staat“ geworden, kommentierte ein britischer Beobachter die Willkommenskultur. Das Land, das in der Euro-Schuldenkrise auf Verträge und Recht gepocht hatte („legalistische Austeritätspolitik“ hieß das in den Worten der Kritiker), ließ Recht und Gesetz nun links liegen, so die Außensicht – ein Beleg für die alte deutsche Sprunghaftigkeit und Unberechenbarkeit.

Und ein Weiteres prägte die Außenwahrnehmungen: die Sorge vor der deutschen Stärke und einer deutschen Vorherrschaft. Den Deutschen selbst bleibt diese Sorge so unverständlich, weil sie sich selbst immer als schwächer, friedlicher und harmloser ansehen, als die anderen es tun. „Deutschland bleibt Deutschland“, sagte Charles de Gaulle 1946 – und auch die Demokratisierung Deutschlands und seine internationale Einbindung haben die deutsche Frage in Europa nicht erübrigt.

Gegenseitige Wahrnehmungen sind wichtig

Nun ist niemand so naiv, von Deutschland heute eine militärische Bedrohung zu fürchten. Aber es ist bezeichnend, dass der französische Präsident François Mitterrand in den Achtzigerjahren von der „deutschen Atombombe“ sprach. Damit meinte er die D-Mark, die Bundesbank und die ökonomische Stärke Deutschlands, die er durch den Euro einfangen wollte.

Die Schlussfolgerung lautet: Gegenseitige Wahrnehmungen sind wichtig, weil sie in dynamischer Wechselwirkung mit internationalen Strukturen und politischem Handeln stehen. Die deutsche Frage in Europa ist ein Balancepro­blem, auch heute noch.

Deutschland muss Rücksicht auf die Wahrnehmungen der anderen nehmen und darf zugleich die notwendige Führung in Europa nicht versäumen. Um deutsche Stärke und europäische Ordnung auszugleichen, braucht es Realismus, Empathie und politischen Willen – und eine deutlich aktivere deutsche Rolle in Europa.

Andreas Rödder, Professor für Geschichte an der Universität Mainz Quelle: Bert Bostelmann

Zur Person: Andreas Rödder ist Professor für neueste Geschichte an der Universität Mainz. Sein Buch „Wer hat Angst vor Deutschland? Geschichte eines Problems“ erschien im S. Fischer Verlag, Frankfurt (368 S., 20 Euro).

Von Andreas Rödder

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