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00:00 04.03.2017
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Grevesmühlen

Der Ton im Revier zwischen Lübeck und Wismar ist rauer geworden – das spüren die Polizisten in Grevesmühlen. Beleidigungen, tätliche Angriffe auf Beamte sind längst kein Ausnahmefall mehr. „In solchen Momenten mache ich mir klar“, sagt Steffi Nietz (42), Polizeihauptkommissarin und Dienstgruppenleiterin in Grevesmühlen, „dass die meisten nicht mich als Mensch, sondern in erster Linie die Uniform meinen.“

„Ich nehme solche Vorfälle ernst“

Doch Steffi Nietz ist ein Mensch – eine sportliche, hübsche Frau mit großen, graugrünen Augen, die in einem Moment lustig funkeln, im nächsten nachdenklich und dann wieder sehr entschlossen in die Welt schauen können. Sie ist eine Frau, die in ihrer Freizeit das gern tut, was die meisten anderen Menschen auch gern tun. Sie lebt auf einem Dorf mit zwei großen Hunden, eine ganz normale Frau eben. Aber eben auch eine Frau, die für viele Stunden am Tag in einer blauen Uniform steckt. Es ist ihr Beruf, darauf zu achten, dass die Gesetze, die das Zusammenleben aller Menschen in einer Gemeinschaft regeln, eingehalten werden. „Auch wenn ich das innerlich zu trennen versuche, ich nehme solche Vorfälle ernst“, sagt sie, „wie alle meine Kollegen. Wer die Grenze überschreitet, bekommt eine Anzeige wegen Beleidigung. Bei tätlichem Angriff ist das gar keine Frage.“

Manchmal, gibt sie dann zu, überhört sie kleinere Attacken, die noch nicht den Tatbestand der Beleidigung erfüllen und dennoch zumindest von mangelndem Respekt zeugen. So wie an einem Montagnachmittag die Bemerkungen eines Mannes in Klütz auf dem Parkplatz des Baumarktes.

Steffi Nietz und ihr Streifenkollege an diesem Tag, Polizeiobermeister Dirk Lentz (37), haben eine Autofahrerin kontrolliert. Sie war nicht angeschnallt. Auf dem Parkplatz des Baumarktes spricht Steffi Nietz die Frau an. Sie streitet es nicht ab, auch wenn sie, als sie bemerkte, dass die Polizei hinter ihr fährt, schnell den Gurt umgelegt hat. Steffi Nietz erklärt ihr, was sie Autofahrern immer wieder erklärt, wenn sie sie wegen solcher Delikte kontrolliert und verwarnt. „Es geht nicht nur um die Einhaltung der Gesetze, auf keinen Fall um Schikane. Es geht vor allen Dingen um Ihr Leben. Glauben Sie mir, ich weiß, wie Menschen aussehen, die nicht angeschnallt in einen Unfall verwickelt werden.“

„Ja, um so einen Scheiß kümmert ihr euch“

Die Autofahrerin scheint zu verstehen, offensichtlich ist sie erleichtert, dass die beiden Polizisten so freundlich sind. Bereitwillig macht sie noch einen Atemalkoholtest. „0,0 Promille“, zeigt Dirk Lentz ihr das Ergebnis. Nur dieser Mann, versteckt hinter einem Handwerkerauto, motzt feige aus der Entfernung: „Ja, um so einen Scheiß kümmert ihr euch. Lasst doch die Frau in Ruhe, kümmert euch mal lieber um das, was wichtig ist.“ Bevor ihn jemand fragen kann, was er denn wichtig findet, steigt er in das kleine Auto, das neben dem Handwerkerauto parkt und saust weg. Er sitzt nicht selbst am Steuer, eine Frau fährt, vielleicht seine. Vielleicht hat er selbst nicht einmal einen Führerschein.

Steffi Nietz gehört zu den „alten Hasen“ bei der Polizei. Sie hat 1992 angefangen, ist den klassischen Weg gegangen: Auszubildende, Polizeimeisteranwärterin, dann Polizeimeisterin. In vielen Bereichen hat sie Erfahrungen gesammelt, als Bereitschaftspolizistin, später im Einzeldienst in Ludwigslust, zehn Jahre Leitstelle Schwerin in der Notrufzentrale. Noch einmal Polizeischule, Aufstieg in den gehobenen Dienst, seit 2011 Dienstgruppenleiterin in Grevesmühlen. „Ich mag den Kontakt zu Menschen“, sagt sie. „Daran ändern auch die härteren Bedingungen nichts.“ Dass das Benehmen der Polizei gegenüber auch anzeigt, dass sich das gesellschaftliche Klima verändert hat, davon ist sie überzeugt. Seit Jahren sinkt die Zahl der Straftaten in Nordwestmecklenburg, die Anzahl der Gewaltstraftaten jedoch ist gleichbleibend hoch – was im Endeffekt bedeutet, sie steigt. Häusliche Gewalt wird immer brutaler, Einbrecher und Betrüger werden immer dreister.

Vom Feldjäger im Afrikaeinsatz zum Polizisten

Dirk Lentz ist erst seit einem halben Jahr bei der Polizei, vorher acht Jahre Bundeswehr – Feldjäger bei der Militärpolizei, stationiert in Eckernförde. Einsätze im Kosovo, auch in Ostafrika, Kenia.

Er kam über das Sonderprogramm, das Innenminister Lorenz Caffier (CDU) für die Polizei in MV aufgelegt hat. Es läuft auch in anderen Bundesländern und ebnet zum Beispiel Militärpolizisten den Weg in die Polizeibehörde. Sie erhalten den Rang des Obermeisters und durchlaufen eine komprimierte Ausbildung bei der Polizei: Theorie in der Fachschule für öffentliche Verwaltung, Rechtspflege und Polizei, landestypische Grundkenntnisse, Praktika.

Seit November ist Lentz in Grevesmühlen. Vorher war er für ein vierwöchiges Praktikum bei der Autobahnpolizei. Er bleibt noch bis Ende des Monats, nächste Station Wismar, Kriminaldauerdienst, danach zwei Monate Kripo. Dann wird er seinen Dienst bei der Autobahnpolizei antreten. „Ich bin froh über dieses Programm“, sagt er, „so konnte ich bei der Polizeiarbeit bleiben und in meine Gegend zurück.“

Er ist Nordwestmecklenburger, verheiratet, zwei Kinder. Der anstrengende Schichtdienst bei der Polizei schreckt ihn nicht, auch wenn seine Frau im Krankenhaus ebenfalls in Schichten arbeitet. „Dafür gibt es glücklicherweise noch die Oma. Ohne die wäre es schwierig.“ Auch Lentz bereut seine Entscheidung für den Dienst bei der Polizei nicht. Es ist auch der Zusammenhalt unter den Kollegen, der ihm gut gefällt.

„Ein Minister, der die Straßenseite wechselt“

Polizisten unterstützen sich gegenseitig, sagt Steffi Nietz. „Wir halten zusammen.“ Was wichtig ist, denn mit insgesamt 43 Beamten auf dem Grevesmühlener Revier sind es eigentlich sieben zu wenig.

Doch den Innenminister machen sie nicht dafür verantwortlich. Die Beamten sind der Meinung, dass Caffier jeden politischen Spielraum ausnutzt. Was für Außenstehende manchmal ein wenig monarchenhaft scheint – wenn Caffier „von seinen Beamten, seiner Polizei, seinen Feuerwehrleuten“ spricht – ist für die Polizisten ein Beweis, dass der oberste Dienstherr im Land hinter ihnen steht. Dass er sich aktiv, auch in der Bundespolitik, dafür einsetzt, dass sich ihre Arbeitsbedingungen verbessern. Es bedeutet den Polizisten viel, dass Caffier „ein Minister ist, der die Straßenseite wechselt, wenn er Polizisten sieht“. Heißt, er geht auf seine Beamten zu, wenn er ihnen begegnet – unabhängig davon, wie viele Sterne sie auf ihrer Uniform tragen. Es geht also auch um Respekt und Wertschätzung bei der Polizei – nicht nur im Grevesmühlener Revier. Etwas, das sich Steffi Nietz und ihre Kollegen für die Gesellschaft wieder mehr wünschen. „Genau deshalb“, sagt die Polizeihauptkommissarin, „machen wir diesen Job. Und wir machen ihn weiter, freundlich und bestimmt.“

OZ