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Promis "Haben Sie die Nummer von Frau Johansson?"
Nachrichten Promis "Haben Sie die Nummer von Frau Johansson?"
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21:36 11.09.2015
Von Stefan Stosch
Auf Du und Du mit den Großen der Szene: Schauspieler Daniel Brühl Quelle: Stefan Klüter
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Herr Brühl, Sie spielen in Ihrem neuen Film "Ich und Kaminski" einen eitlen, anmaßenden, unausstehlichen Kulturjournalisten. Haben Sie sich das Rollenvorbild in der Wirklichkeit abgeschaut?
Na ja, was soll ich sagen, wir beide kennen uns ja nun auch schon seit "Good Bye, Lenin!", und das war 2003 ... nee, im Ernst, dieser Kulturjournalist Sebastian ist eine herrlich überzeichnete Romanfigur von Daniel Kehlmann. Wobei ich sagen muss: So zwei, drei merkwürdige Figuren sind mir schon im Laufe der Jahre begegnet. Als Schauspieler habe ich ja das Privileg, mit Journalisten aller Couleurs zu tun zu haben.

Zum Beispiel?
Ich nenne keine Namen, aber da war mal ein Österreicher, der war eine Karikatur seiner selbst, ein richtiger Schmierlappen. Niemand würde einem so einen Typen abnehmen, wenn man ihn eins zu eins in einen Film überträgt. Allerdings: Blender gibt es überall, gerade hier in Berlin. Da überschätzen sich manche. Bohrt man nach, ist oft keine Substanz dahinter. Manchmal hat das tragische Züge.

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Trotzdem ist Ihre Rolle ungewöhnlich: Schauspieler wollen mit Ihren Figuren Sympathiepunkte einheimsen, das dürfte Ihnen mit Ihrem Journalisten kaum gelingen.
Das Uncharmante fand ich ja so klasse! Gerade nach "Good Bye, Lenin!". Ich wollte mein Image von damals brechen, wenn ich wieder mit Wolfgang Becker drehe. Auf den Vorzeigeschwiegersohn von damals hatte ich nun wirklich keine Lust mehr, der im Verdacht steht, ständig alten Herrschaften über die Straße zu helfen. Wir haben uns vorab gezielt Filme angeschaut, in denen unsympathische Typen mitspielen, Jack Nicholson war da ein guter Kandidat.

Hätten Sie 2003 zu träumen gewagt, so eine Karriere hinzulegen?
Planen kann man so etwas natürlich nicht. Selbstbewusst war ich aber immer schon. Wenn aber damals eine Wahrsagerin in eine Glaskugel geschaut und mir all das prophezeit hätte, dann hätte ich sofort mein Geld zurückverlangt. Klar, nicht jeder Film war im Rückblick toll, aber der große Bogen hat gestimmt. Und den ersten großen Schub hat "Good Bye, Lenin!" gebracht. Damals war ich ein echtes Küken, ich hatte zwei, drei Filme gemacht und zog erst danach von Köln nach Berlin. Heute bin ich, nun ja, eher ein mittelalter Hase.

Also ist der "Lenin"-Film abgehakt?
Nicht ganz. In den entlegensten Ecken der Welt werde ich noch immer darauf angesprochen, zum Beispiel beim Wandern in Chile. In solchen Momenten wundere ich mich immer: Sehe ich etwa noch so aus wie damals? Inzwischen sind aber glücklicherweise ein paar andere Filme dazugekommen, die den Leuten im Gedächtnis haften geblieben sind.

Welche? "Inside WikiLeaks"?
Nee, der weniger, den hat ja kaum jemand gesehen. Aber Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" zum Beispiel. Oder auch "Rush" mit mir als Niki Lauda. Ein abgedrehter Taxifahrer hat mal auf einer fünfspurigen Straße mitten in Buenos Aires eine Vollbremsung riskiert, als er merkte, wer in seinem Wagen saß.

Warum?
Er riss die Tür auf und schrie: Bitte, fahr mein Taxi, Niki! So eine ähnliche Szene gibt es ja in "Rush". Ich wollte noch darauf hinweisen, dass da eine Verwechslung vorliegt. Aber dann saß ich schon hinterm Steuer. Allerdings nur kurz: Vor lauter Aufregung habe ich den Rückwärtsgang eingelegt. Da hat er gemerkt, dass ich wohl doch nicht der echte Niki Lauda bin. Mario hieß der Fahrer, ich habe noch seine Visitenkarte. Und ein schönes Foto haben wir auch gemacht. Das war schon surreal.

Demnächst sind Sie in einem echten Hollywood-Blockbuster dabei: Wie haben Sie die Rolle in der Marvel-Verfilmung von "Captain America" ergattert?
Ganz einfach: Ich bekam einen Anruf von meinem Agenten in den USA: Marvel-Mastermind Kevin Feige wollte mich treffen. Ich drehte gerade in London, und Feige wollte gleich am nächsten Morgen dort mit mir frühstücken. Im ersten Moment dachte ich panisch: Wie soll ich so schnell alle Marvel-Filme schauen, damit ich mich nicht um Kopf und Kragen rede?

Haben Sie es geschafft?
Zum Glück war es auch so ein prima Treffen. Man kann aber bei so einem Meeting nie sicher sein, was daraus wird. Man fühlt sich gut, aber dann hört man nie wieder etwas davon. Drei Tage später aber kam der Anruf. Und jetzt bin ich dabei – in einer für den Film nicht ganz unwichtigen Nebenrolle. Mehr darf ich aber wirklich nicht verraten. Ist mir strengstens verboten worden.

Was ist denn anders am Set eines Blockbusters?
Gar nicht so viel. Meine Erfahrung ist: Je größer der Star, desto entspannter tritt er auf – ganz ohne Allüren. Es macht zum Beispiel richtig Spaß, mit Robert Downey Jr. zu quatschen – ein echtes Hollywood-Viech: Er kam im gelben Jogginganzug ans Set. Später hat er mir ein Geschenk mitgebracht, einen versilberten Schlüsselanhänger mit seiner "Iron Man"-Maske, limitierte Auflage von einem Juwelier in Los Angeles. Hier, schauen Sie: Den trage ich jetzt immer bei mir – wie ein Zwölfjähriger, sagt meine Freundin.

Und wie lief es mit den anderen Schauspielern?
Bei "Captain America" ist ja das Who is Who Hollywoods dabei, Scarlett Johansson, Jeremy Renner, Paul Bettany oder Paul Rudd. Die meisten kennen sich. Da kann man als Außenseiter schnell blöd in der Ecke rumstehen. Die Kollegen sind aber alle richtig enthusiastisch auf mich zugekommen, haben mich über deutsche Filme ausgequetscht oder zu Basketballspielen mitgenommen. Beim Dreh in Berlin sollte ich dann umgekehrt den Fremdenführer spielen.

Und jetzt haben Sie von allen die Handynummern?
Sagen wir: ein paar. Bloß weiß man nie genau, ob das private Nummern oder die von Produktionshandys sind. Letztere werden nach dem Dreh wieder abgeschaltet. Aber mit Chris Evans bin ich noch in Kontakt. Und mit Benedict Cumberbatch ist durch "Inside WikiLeaks" eine richtige Freundschaft entstanden.

Wer hat denn schon in Ihrer Tapasbar gesessen, die Sie in Berlin-Kreuzberg betreiben?
Warten Sie, die Liste ist länger: Ian McKellen, Benedict Cumberbatch, Michael Fassbender, Philip Seymour Hoffman, Clive Owen, Ron Howard – und auch Audrey Tautou, mit ihr saß ich ja in der Berlinale-Jury. Und Geoffrey Rush hat seinen Geburtstag in der Bar gefeiert.

Und Helen Mirren, mit der Sie "Die Frau in Gold" gedreht haben?
Nein, Helen noch nicht. Aber die Arbeit mit ihr war beeindruckend. Sie hat sofort meine Befangenheit gespürt. Dagegen konnte ich gar nichts machen bei einer Schauspielerin ihres Kalibers. Beim ersten Abendessen saß ich neben ihr und dachte: Oh Gott, wie komme ich jetzt bloß schlagfertig und intelligent rüber? Sie hat mir aber schnell jede Angst genommen. Nach drei Minuten dachte ich: Die kenne ich ja schon ewig. Oh Mann, die Frau ist witzig. Und sexy.

Inzwischen gehören Sie selbst in die Rubrik Star. Sind Sie vorsichtiger geworden mit dem, was Sie öffentlich preisgeben?
Man muss sich da ein bisschen locker machen – jedenfalls solange es nicht um wirklich harte Aussagen geht. Natürlich wird man dauernd falsch zitiert, man kann das nicht kontrollieren. Ein paar Wörter werden aus einem Satz entfernt, und schon ändert sich die Bedeutung. Früher habe ich mich dann fürchterlich aufgeregt, das ist vorbei.

Man kann sich mit eigenen Stellungnahmen wehren. Til Schweiger tut das.
Sie meinen Social Media? Mich überfordert dieses ganze Gedöns. Anfangs habe ich halbherzig mitgemacht, weil ich dachte, ich müsste das tun. Aber jetzt unternehme ich gar nichts mehr in diese Richtung. Ich will nicht alles mit der Welt teilen und zu allem meinen Senf dazugeben. Da bin ich eher der altmodische Typ. Lieber sollen meine Filme für mich sprechen. Damit kann man ja auch eine Haltung ausdrücken.

Ein guter Bekannter

Sein neuer Film "Ich und Kaminski" (Kinostart: 17. September) bedeutet für Daniel Brühl eine Art Rückkehr zu den Wurzeln: Bekannt wurde er mit der Komödie "Good Bye, Lenin!" (2003), damals hieß der Regisseur Wolfgang Becker, der inzwischen zu einem Freund und Mentor geworden ist – und nun hat Becker auch die aktuelle Komödie inszeniert.
In "Good Bye, Lenin!" verkörperte Brühl ein braves DDR-Landeskind, das seiner schwer kranken Mutter (gespielt von Katrin Sass) den Untergang des ostdeutschen Staates verschweigt, um ihre Genesung nicht zu gefährden. Einen selbstloseren Sohn hätte sich die Mutter nicht wünschen können.

In der Verfilmung des Romans von Daniel Kehlmann dürften für Brühl nicht so viele Sympathiepunkte abfallen: Der 37-Jährige tritt in "Ich und Kaminski" als kotzbrockiger Journalist auf, der noch schnell eine Biografie über einen berühmten Maler schreiben will, bevor dieser hoffentlich pünktlich zur Buchveröffentlichung ganz marketinggerecht das Zeitliche segnet.

Das deutsche Kino allein ist inzwischen aber längst zu klein für Daniel Brühl. Er hat sich zum regelrechten Exportschlager entwickelt – und das nicht erst, seit er als Cappy-Träger mit Hasenzähnen in perfektem Österreichisch grantelte, dass es eine Lust war: In Ron Howards Drama "Rush" (2013) spielt er den Rennfahrer Niki Lauda mit verblüffender Nähe zum Original. Dafür heimste Brühl viel Lob und dann auch noch eine Golden-Globe-Nominierung ein.

Zeitgleich spielte er den deutschen Computerhacker Daniel Domscheit-Berg – angelegt als skeptischen Gegenpol zum diabolischen Wikileaks-Gründer Julian Assange (Benedict Cumberbatch) in "Inside WikiLeaks" (2013).
Brühl, Sohn eines deutschen Fernsehregisseurs und einer spanischen Lehrerin, bringt eine besondere Qualifikation für grenzüberschreitende Auftritte mit: Er lebt zeitweilig in Barcelona, hat dort auch eine Wohnung  und spricht nicht nur fließend Spanisch, sondern auch Katalanisch, Englisch und Französisch. Seine Karriere begann er als 15-jähriger Teenager in der ARD-Seifenoper "Verbotene Liebe", wo er als Straßenkind Benji mit weißer Ratte auf der Schulter zu sehen war.

Im Kriegsfilm "Merry Christmas" (2005) war er dabei und auch in Julie Delpys Komödie "2 Tage Paris" (2007). Im spanischen Kino sorgte er mit seiner Darstellung des katalanischen Anarchisten Salvador Puig Antich für gehöriges Aufsehen: "Salvador – Kampf um die Freiheit" (2006) brachte ihm eine Nominierung für den Goya ein, den spanischen Filmpreis. Auch in Tarantinos Nazi-Farce "Inglourious Basterds" mischte Brühl zwischen all den US-Stars (angeführt von Brad Pitt) mit. In Michael Winterbottoms Drama "Die Augen des Engels" über die Amerikanerin Amanda Knox, die verdächtigt wurde, 2007 im italienischen Perugia eine Studentin getötet zu haben, spielte er einen mit sich selbst hadernden Regisseur.

Demnächst ist Brühl in "Colonia" an der Seite des einstigen "Harry Potter"-Stars Emma Watson zu sehen: Ein junges Paar gerät in Pinochets Chile in die Gewalt der Geheimpolizei und wird in die berühmt-berüchtigte Colonia Dignidad verschleppt. Der Film von Regisseur Florian Gallenberger hat jetzt beim Filmfestival in Toronto seine Premiere – eine viel bessere Adresse für globale Blitzlichtgewitter lässt sich kaum vorstellen. sto

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