Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Nachrichten Sensoren schauen Ärzten auf die Finger
Nachrichten Sensoren schauen Ärzten auf die Finger
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:00 10.11.2017
Anzeige
Stralsund

Die Erfolgsgeschichte beginnt im Krankenhausbett. Maik Gronau erholt sich gerade von einer Milz-OP, als er das beobachtet, was ihn auf den wohl genialsten Einfall seines Lebens bringt: Nicht jeder, der sein Stationszimmer betritt, hält sich an die im Krankenhaus geltenden Hygiene-Regeln. Dabei ist es lebensgefährlich, wenn sich das Klinikpersonal nicht ständig die Hände desinfiziert. In Deutschland sterben jedes Jahr an die 30000 Menschen durch Krankenhauskeime. Hauptüberträger: der Mensch. „Viele Infektionen wären vermeidbar“, sagt Gronau (24). Aber im Stress oder aus Nachlässigkeit bleibe jede zweite Handdesinfektion, die eigentlich nötig wäre, aus, so der Stralsunder. Seine Idee: Ein elektronischer Aufpasser soll alle Ärzte, Schwestern und Pfleger dazu bringen, die Desinfektionsmittelspender zu benutzen.

Zusammen mit seinem damaligen Kommilitonen Dirk Amtsberg (33) und Maschinenbauingenieur Marcel Walz (24) entwickelt der Wirtschaftsinformatiker ein ausgeklügeltes System: Sie statten jeden Desinfektionsmittelspender in einer Klinik mit einem Sensor aus. Das Gegenstück, den Transponder, klippt sich jeder Mitarbeiter bei Schichtbeginn an seinen Kittel. Sobald derjenige dann den Hebel eines Spenders drückt, kommunizieren beide Geräte via Funk. So wird vollautomatisch erfasst, wer wo wie häufig und wie viel Desinfektionsmittel zapft. „Das läuft völlig anonym ab. Wir wollen ja niemanden bloßstellen“, betont Gronau. Erfasst werde nur, zu welcher Berufsgruppe der jeweilige Mitarbeiter gehört. Dieses Monitoring liefert Hygienebeauftragten der Kliniken verlässliche Daten, anhand derer sie ablesen können, wo Mitarbeiter in punkto Sauberkeit besser geschult werden müssen. So steigern sie die Desinfektionsquote und senken die Infektionszahlen. Das rettet nicht nur Leben.

Es spart auch Kosten und Arbeitsaufwand, weil weniger durch Krankenhauskeime infizierte Patienten behandelt werden müssen. Hilfreich ist die Technologie auch bei der Logistik: Jeder Sensor misst den aktuellen Füllstand seines Spenders. So ist gewährleistet, dass zu jeder Zeit genug Desinfektionsmittel vorrätig ist.

Mit ihrer Erfindung räumen die Stralsunder auf Anhieb mehrere Innovationspreise ab. Das macht Mut, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. „Mir war klar: Dafür gibt es einen Markt“, sagt Maik Gronau. Er und seine beiden Kompagnons gründen das Unternehmen GWA Hygiene, bauen Prototypen, entwickeln die erste Software.

Das war vor knapp zwei Jahren. Seither ist die GmbH regelrecht durchgestartet. Im April dieses Jahres gingen die Stralsunder mit ihren smarten Sensoren an den Markt. Zehn Kliniken und Seniorenstifte bundesweit haben sie schon damit ausgestattet. Mit rund 100 potenziellen Kunden laufen aktuell Gespräche. Anfragen aus der Gastronomie und von einem Freizeitpark liegen vor. Zudem verhandeln die Jung-Unternehmer mit einem Schweizer Großkonzern, der Desinfektionsmittel herstellt. Kommt GWA mit den Eidgenossen ins Geschäft, könnte das den Durchbruch schlechthin bedeuten, sagt Tobias Gebhardt (28), im Start- up zuständig für Businessdevelopment und Vertrieb. „Das ist ein großer Industrieplayer.“ Entschieden sich die Schweizer, die Sensoren aus MV als Zusatz zum eigenen Produkt an ihre Stammkundschaft zu verkaufen, würde sich für GWA Hygiene ein lukrativer Vertriebsweg eröffnen.

Die bisherige Bilanz kann sich sehen lassen: Dieses Jahr wollen Gronau und Co. beim Umsatz die 100000-Euro-Marke knacken. Im nächsten Jahr sollen aus aktuell 100 Interessenten mindestens 40 zahlende Kunden werden.

Mit dem Status quo geben sich die Tüftler nicht zufrieden. „Unsere Vision ist die smarte Klinik“, sagt Marcel Walz. Über ihre Sensoren könnte beispielsweise die Lichttechnik bedarfsgerecht und vollautomatisch gesteuert werden. An den dafür nötigen Technologien arbeitet das zwölfköpfige GWA-Team bereits.

Antje Bernstein