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Nachrichten Wenn Kinder zur Ware werden: Das Milliarden-Geschäft mit der Jugendhilfe
Nachrichten Wenn Kinder zur Ware werden: Das Milliarden-Geschäft mit der Jugendhilfe
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00:06 09.03.2015
Jugendhilfe- Kritiker Heinz Buschkowsky
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Rostock

Nach dem Tod des Schweriner Mädchens Lea-Sophie, das ihre Eltern 2007 verhungern lassen hatten, änderte sich in der Kinder- und Jugendhilfe bundesweit vieles. Um solche Fälle zu verhindern, nehmen die Jugendämter bedeutend schneller Kinder aus ihren Familien heraus und weisen sie in Heime und Pflegefamilien ein.

Im Jahr 2013 gab es in Mecklenburg-Vorpommern insgesamt 994 „Inobhutnahmen“. 2,39 Millionen Euro zahlten die Landkreise den auschließlich privaten Trägern für die Unterbringung.

Öffentliche, staatlich betriebene Heime gibt es nicht. Ein Heimplatz kostet in der Regel mehrere tausend Euro im Monat. Im Januar beklagte der Landesrechnungshof, die Kommunen würden zu oft den Wünschen der Heimbetreiber nach „einer guten Auslastung“ nachgeben. Folge: Im Nordosten sind Kinder und Jugendliche vier Monate länger in Heimen untergebracht als im Durchschnitt der ostdeutschen Länder und doppelt so lange wie in Sachsen-Anhalt. Seit Jahren kritisiert Heinz Buschkowsky (SPD), Noch-Bürgermeister von Berlin-Neukölln, das System der Jugendhilfe. „Wir reden von einer Industrie, die Milliarden ausreicht, ohne faktische Kontrolle des Staates“, sagte der Politiker in der Fernseh-Dokumentation „Mit Kindern Kasse machen“, die Ende Februar im Ersten lief.

In dem Film räumen überforderte Jugendamts-Mitarbeiterinnen offen ein, dass sie keinen Überblick haben, was mit den Kindern und Jugendlichen passiert, die sie in Heime einweisen. Prüfungen seien oberflächlich oder erfolgten gar nicht. Oft liegen auch viele hundert Kilometer zwischen Heim, Vormund und Jugendamt.

In Deutschland werden 100 Kinder und Jugendliche täglich in Obhut genommen, haben die WDR-Reporterinnen Nicole Rosenbach und Anna Osius herausgefunden. Seit 2008 stieg ihre Zahl um 64 Prozent. Bei den Heimbetreibern herrscht Goldgräberstimmung, legt der Film nahe. Kinder sind zur Ware geworden. Ein süddeutscher Träger kassierte beispielsweise im Monat 5500 Euro vom Jugendamt dafür, dass er ein 15-jähriges Mädchen bei Pflegeeltern in Polen unterbrachte, die dafür 600 Euro bekamen. Bruttogewinn: 4900 Euro. Eine fachkundige Betreuung des therapiebedürftigen Kindes fand nicht statt.

Inzwischen lebt das Mädchen in einer anderen Einrichtung.



gkw