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Nachrichten „Wir alle hatten ihn nötig und verdient“
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00:00 21.11.2013
Konstantin Wecker (l.) und Dieter Hildebrandt.
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München — „Noch bin ich nicht tot“ hatte er gesagt. Das war am Dienstag und die Nachricht von seiner Krankheit in der Welt. Im Sommer hatte Dieter Hildebrandt von dem Prostatakrebs erfahren, und es habe ihm den Boden unter den Füßen weggezogen, sagte er. Aber er wolle nicht aufgeben. Nachdem sich sein Zustand vor wenigen Wochen gebessert hatte, durfte er zunächst auch nach Hause. Aber dann gab es einen schweren Rückschlag. Er kam erneut in eine Münchner Klinik und starb dort in der Nacht zu gestern im Kreis seiner Familie.

„Bis zum Schluss hatte er Pläne, hatte gekämpft und wollte sich im Dezember auf der Bühne der Münchner Lach- und Schießgesellschaft von seinem Publikum verabschieden“, schrieb die von ihm mitbegründete Gesellschaft. „Er hätte uns noch so viel zu sagen gehabt. Wir trauern mit seiner Familie um einen wunderbaren Menschen, lieben Freund, Förderer und eine moralische Instanz.“

„Bayern verneigt sich mit Achtung und Respekt“, sagte Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). „Dieter Hildebrandt hat mit spitzer Feder und spitzer Zunge über Jahrzehnte Politikern in Deutschland den Spiegel vorgehalten.“ SPDChef Sigmar Gabriel trauerte um den „wohl charmantesten Kritiker“ seiner Partei und würdigte ihn als „großartigen Kabarettisten“.

Dieter war in jeder Hinsicht für mich ein Vorbild, künstlerisch und moralisch“, sagte sein Freund und Kollege Konstantin Wecker. „Ich habe keinen Menschen gekannt, der moralisch integrer war als er.

Gegenüber all diesen unglaubwürdigen Politikdarstellern ist er ein Leuchtturm gewesen.“

Er habe ihn erst vor vierzehn Tagen zu Hause besucht, sagte Hildebrandts früherer „Scheibenwischer“-Kollege Bruno Jonas. „Da war er noch voller Tatendrang und wollte im Dezember wieder auf die Bühne.

Er war ein Kämpfer. Er war einmalig.“

„Mit ihm verlieren wir alle nicht nur einen auch im hohen Alter noch geradezu jugendlich frischen Ausnahmekabarettisten und klugen Kommentatoren unserer politischen und gesellschaftlichen Zustände, sondern auch eine echte moralische Instanz, bei der Anspruch und Wirklichkeit nicht auseinandergingen“, sagte der Liedermacher und Texter der aufgelösten Band „Biermösl Blosn“, Hans Well. Noch im April hatte Hildebrandt zusammen mit dessen neuer Formation auf der Bühne gestanden.

„Es ist ein großer Verlust“, sagte Hildebrandts enger Freund Dieter Hanitzsch, mit dem er das Online-Kabarett-Projekt „Störsender.tv“ auf die Beine gestellt hatte. Gestern stand auf der Startseite des Projekts: „Danke, lieber Dieter, für alles.“

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) würdigte den Verstorbenen als „scharfzüngigen großen Geist“. Als einer von wenigen Kabarettisten habe er „die Politiker nicht nur aufs Korn genommen, sondern oftmals auch die Politik beeinflusst“.

Linken-Fraktionschef Gregor Gysi schrieb, Hildebrandt sei „genial, humorvoll, provokativ und konsequent“ gewesen. „Wir alle hatten ihn nötig und verdient. Hoffentlich wird die Lücke, die er hinterlässt, nicht zu groß.“

OZ