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Wirtschaft Brasilianischer Damm-Betreiber: TÜV Süd hat Bau für sicher befunden
Nachrichten Wirtschaft Brasilianischer Damm-Betreiber: TÜV Süd hat Bau für sicher befunden
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12:04 30.01.2019
Ein Rettungshelfer arbeitet im Schlamm auf der Suche nach möglichen Opfer des Dammbruchs. Eine tödliche Mischung aus Wasser, Geröll und Erde hat Menschen, Tiere und Häuser unter sich begraben. Quelle: O Globo/GDA via ZUMA Wire GDA via ZUMA Wire/dpa
München

Bundesbürger kennen den TÜV in der Regel nur als Autofahrer. Aber technische Überwachungsvereine haben schon immer mehr als nur Fahrzeuge inspiziert. Ihre Wurzeln liegen in der Begutachtung von Industrieanlagen, und spätestens seit der EU-weiten Liberalisierung der Prüfmärkte 2006 drängen TÜV, Dekra & Co über Landesgrenzen hinaus und in immer neue Prüffelder.

Den Münchner TÜV Süd als größte deutsche TÜV-Gesellschaft hat das bis nach Brasilien und zur Inspektion von Staudämmen geführt. Eine dortige Tochtergesellschaft des Konzerns hat den Unglücksdamm der Eisenerzmine Fejao im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais unter die Lupe genommen. Trotzdem ist er gebrochen. Dutzende Menschen sind tot. Hunderte werde vermisst – mit Überlebenden rechnet man aber kaum noch. Milliardenschäden sind absehbar.

In Brasilien wurden nun fünf Beschuldigte verhaftet, und zwei von ihnen sind Mitarbeiter des TÜV Süd. Ein Unternehmenssprecher des Konzerns bestätigt das und erklärt auch, dass man bei Prüfungen des Damms im vorigen Juni und September nach momentanen Erkenntnissen keine Mängel festgestellt habe. Darüber hinaus könne man wegen laufender Ermittlungen keine Auskünfte geben. Auch besorgte Mitarbeiter, die intern mehr erfahren wollen, stoßen auf eine Mauer des Schweigens.

„Nicht jede Prüforganisation macht alles“

Der weltgrößte Erzabbaukonzern Vale, der den Damm betrieben hat, verweist indessen auf die TÜV-Expertise. Das nun gebrochene Bauwerk habe einen Sicherheitsstandard oberhalb der in Brasilien üblichen Norm gehabt. Der TÜV habe dessen physische und hydraulische Sicherheit attestiert. Stimmt das, stellen sich für die Münchner Haftungsfragen.

Verantwortlich für die Dammprüfung war der brasilianische TÜV-Ableger TÜV Süd do Brasil in Sao Paulo und dessen vor sechs Jahren zugekaufte Tochter Bureau de Projetos e Consultoria, die als besonders kompetent bei der Überwachung von Bauwerken galt. Deren Prüfung ist für TÜV-Experten traditionelles Standardgeschäft. Auch andere deutsche Prüfgesellschaften prüfen Bauwerke wie Brücken oder Stauanlagen. Große Dämme und speziell im fernen Brasilien sind aber schon wegen der damit verbundenen Risiken eine Besonderheit.

„Nicht jede Prüforganisation macht alles“, sagt ein Experte. Die drei großen deutschen TÜV-Konzerne Süd, Nord und Rheinland hätten alle ihre eigenen Schwerpunkte. Aber der TÜV Süd sei der größte von ihnen und damit auch der internationalste. Über 40 Prozent der zuletzt 2,4 Milliarden Euro Jahresumsatz stammen aus Auslandsgeschäften. Mehr als die Hälfte der 24 000 Mitarbeiter arbeitet jenseits deutscher Grenzen. Deutsche Prüfgesellschaften und deren Siegel seien im Ausland sehr beliebt, weil deutsche Gründlichkeit und Ingenieurskunst dort oft sprichwörtlich seien, sagen Branchenkenner.

TÜV Rheinland wegen Haftungsfragen bereits vor Gericht

Bei Haftungsfragen sei es wichtig, ob nach einer Norm oder einem staatlichen Baustandard geprüft worden ist. Beim brasilianischen Unglücksdamm war das der Fall. Was möglicherweise droht, davon kann der TÜV Rheinland ein Lied singen, der seit Jahren im Streit um Haftungsfragen vor französischen Gerichten steht. Die Rheinländer hatten die Fertigung von Brustimplantaten des dortigen Herstellers PIP zertifiziert. Die Implantate, die Hunderttausenden Frauen eingesetzt worden sind, stellten sich aber als fehlerhaft heraus. Der TÜV Rheinland fühlte sich von PIP hintergangen und bekam 2015 Recht, doch 2018 wurde das Urteil wieder aufgehoben. Nun muss neu verhandelt werden. Auch beim Einsturz einer Textilfabrik mit vielen Toten 2013 in Bangladesh musste sich der TÜV Rheinland als Prüforganisation rechtfertigen.

Im Fall der PIP-Implantate ist es um einige Millionen Euro gegangen. Beim Dammbruch in Brasilien stehen nach ersten Schätzungen Milliarden zur Diskussion. Primärer Adressat von Haftungsansprüchen sei immer ein Bauwerksbetreiber, sagen Experten. Das wäre Vale. Danach käme aber in zweiter Reihe eine eventuelle Prüfungsgesellschaft. Das ist die brasilianische TÜV-Tochter.

Auch das internationale Versicherungskonsortium, bei dem Vale eine Haftpflichtpolice abgeschlossen hat, wird am Ende wissen wollen, wer den Dammbruch und davon ausgelöste Schäden zu verantworten hat. Noch gibt es auch in diesem Kreis noch keine Erkenntnisse dazu. Vor Sicherheitsrisiken brasilianischer Minen gewarnt hat indessen Julio Grillo. Er ist in Brasilien Chef des nationalen Instituts für Umweltschutz. Allein im Bundesstaat Minas Gerais gebe es über 300 unsichere Staudämme, hat er gerade der britischen BBC gesagt und das vergangenen Dezember schon vor Ort publik gemacht.

Von Thomas Magenheim/RND

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