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Wirtschaft Der Fall Uber: So hart kann es sein, eine KI als Chef zu haben
Nachrichten Wirtschaft Der Fall Uber: So hart kann es sein, eine KI als Chef zu haben
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18:36 10.05.2019
Der Fahrdienstvermittler Uber ist jetzt an der Börse. Quelle: AP
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Berlin

Technologie hat die Arbeitswelt schon immer geprägt: Die Dampfmaschine brachte Arbeiter in großen Fabriken zusammen. Dank des Fließbands wurde die Aufteilung der Arbeit in einzelne Handgriffe zum Standard. Und mit den ersten Industrierobotern begannen Arbeiter, weniger selbst zu arbeiten, als mechanische Kollegen zu steuern. Mit dem Siegeszug Künstlicher Intelligenz steht nun die nächste Revolution bevor: Der Computer übernimmt das Kommando.

Beim nun börsennotierten Fahrdienstvermittler Uber ist das in den USA Realität, wie die Wissenschaftlerin Alex Rosenblat beschreibt: Bei Uber errechnen Algorithmen mit den Aufenthaltsdaten von Kunden, wo sich Fahrer für mögliche Kunden bereithalten müssen. Algorithmen kalkulieren mittels Geodaten optimale Routen, denen Fahrer folgen müssen. Und Algorithmen bestimmen Anhand der Nachfrage in der Uber-App und der Zahl der verfügbaren Fahrer verbindliche Preise für die Touren.

Möglich ist das, weil der technische Fortschritt bei Sensoren und Netzwerken dazu führt, dass immer mehr Daten vorhanden sind. Und weil diese mittels immer besserer Algorithmen sowie Künstlicher Intelligenz (KI) einfacher ausgewertet werden können. Längst ist es machbar, den Status von Produkten oder Dienstleistungen vom Auftragseingang über die einzelnen Arbeitsschritte bis hin zur Auslieferung zu verfolgen. Aber was an Daten vorhanden ist, kann auch zur Steuerung von Prozessen – oder von Mitarbeitern – genutzt werden.

Gnadenlose Algorithmen

Nachdem sie eigenen Angaben zufolge Hunderte Gespräche mit Fahrern geführt hat, sieht Rosenblatt diese Entwicklung bei Uber allerdings ausgesprochen kritisch. Einerseits wegen des Umgangs mit Mitarbeitern, die Uber in den USA möglichst als Selbstständige ohne soziale Absicherung beschäftige. Andererseits, weil die Algorithmen als „gesichtslose Chefs“ die Arbeit der Fahrer bestimmen.

Uber-Fahrer protestierten anlässlich des Börsengangs gegen die Arbeitsbedingungen bei dem Fahrdienstvermittler. Quelle: AP

Rosenblat berichtet von Fahrern, die anderswo warteten, als der Algorithmus vorschlug – und die deshalb abgemahnt wurden. Sie erzählt von Fahrern, die entgegen der Anweisung einen Stau umfuhren – weshalb ihnen vom Algorithmus der Lohn gekürzt wurde. Und sie schildert, dass die Fahrer von Uber irgendwie versuchen, möglichst gute Bewertungen durch den Algorithmus zu kriegen. Ohne, dass sie das Bewertungssystem verstanden hätten. „Passen sich die Fahrer nicht diesen Anweisungen an, wird ihr Account deaktiviert“, sagt Rosenblat.

Einziger Ansprechpartner für die Fahrer sei in solchen Fällen nur ein Callcenter auf den Phillipinen. Einen vor Ort ansprechbaren Disponenten – wie im klassischen Taxigewerbe – gebe es nicht. So seien viele Fahrer mit ihren Problemen auf sich allein gestellt, sagt Rosenblat. „Uber beschäftigt zwar nur einen kleinen Teil der US-Arbeitnehmer, aber die Auswirkungen dieser Arbeitskultur sind viel größer“, fürchtet sie.

In Schwaben steuert „Mary“ 100 Mitarbeiter

Auch Efstathios Michailidis kennt das Gefühl, von einem Computer Befehle zu kriegen. Er ist Betriebsratsvorsitzender bei Aqua Römer, einem Mineralwasserabfüller im schwäbischen Göppingen. „Bei uns steuert Mary 100 Beschäftigte“, sagt Michailidis. Mary ist eine Künstliche Intelligenz, die mit tausenden Sensoren unter anderem das Lager im Blick hat - und den Mitarbeitern per Kopfhörer sagt, welche Aufgaben sie als nächstes erledigen sollen.

„Als uns die Einführung angekündigt wurde, haben wir sofort mit Streik gedroht“, erzählt Michailidis. Zu groß sei die Angst gewesen, dass Mary die einzelnen Mitarbeiter persönlich beurteilen könnte. Schließlich habe die KI alle Daten, um zu wissen, wie lange der Einzelne für bestimmte Arbeitsschritte brauche. „Was ist, wenn ich zu langsam oder zu alt bin?“, beschreibt Michailidis eine der damaligen Sorgen.

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In Göppingen definierten deshalb die Unternehmensführung und der Betriebsrat klare Regeln für den Einsatz von Mary. Die laufen darauf hinaus, dass Mary zur Steuerung des Betriebs fast ungehemmt Daten sammelt „Die dürfen aber nicht ausgewertet werden“, erklärt Michailidis. Eine Leistungskontrolle anhand der Daten sei deshalb nicht möglich, was auch in einer Betriebsvereinbarung festgeschrieben wurde.

„Es funktioniert gut“, sagt Michailidis heute über das Zusammenspiel mit Mary. Dank der Organisation durch die KI würden die Mitarbeiter fast fehlerfrei arbeiten.

Es hängt vom Arbeitgeber ab

Rainer Hoffmann, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes, kennt das Beispiel Aqua Römer. Es zeige, dass Aushandlungsprozesse in der Sozialpartnerschaft nützlich sein, um die Digitalisierung zu gestalten, sagte Hofmann jüngst auf der Digitalkonferenz re:publica. Dort betonte er, dass der Durchbruch bei Künstlicher Intelligenz für Arbeitnehmer viele Chancen biete. „Weniger Repetitives, weniger Verdichtung, mehr Effizienz“ führte Hoffmann als Argumente an.

Zugleich gestand er ein, dass es in den zahlreichen Unternehmen ohne betriebliche Mitbestimmung anders laufen könnte. „Nicht die Künstliche Intelligenz ist das Problem, sondern die unterentwickelte Intelligenz mancher Arbeitgeber,“ sagt Hoffmann.

Von RND/Christoph Höland

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