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Wirtschaft Bahn und Fluglinien sollen Kunden bei Verspätungen automatisch entschädigen
Nachrichten Wirtschaft Bahn und Fluglinien sollen Kunden bei Verspätungen automatisch entschädigen
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18:22 15.11.2018
Reisende am Hamburger Hauptbahnhof: „Unangemessenen Verwaltungs- und Rechercheaufwand zu Lasten der Verbraucherinnen und Verbraucher.“ Quelle: dpa
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Berlin

Wer regelmäßig Bahn fährt, kennt das: Der Zug sammelt Minute um Minute Verspätung, und irgendwann verteilen die Bahnmitarbeiter graue Umschläge mit dem Aufdruck „Fahrgastrechte Formular“. Wer die 25 Prozent des Fahrpreises, die bei 60-minütiger Verspätung fällig werden, oder die 50 Prozent bei einer um zwei Stunden verspäteten Ankunft zurückhaben möchte, muss die zwei eng bedruckten Seiten ausfüllen. Bei Flugreisenden sieht es kaum besser aus: Ist ein Flug verspätet oder fällt er aus, droht eine langwierige Auseinandersetzung mit der Airline. Derart kompliziert ist die Geltendmachung von Ansprüchen, dass sich inzwischen sogar eigene Dienstleister darauf spezialisiert haben.

Geht es nach dem Willen des saarländischen Umwelt- und Verbraucherschutzministers Reinhold Jost (SPD) soll mit diesem Papierkrieg bald Schluss sein. Kunden von Bahn oder Fluggesellschaften sollen ihnen zustehende Entschädigungen ohne Antrag ausbezahlt bekommen – wenn sie ihr Ticket digital gebucht und bezahlt haben. Eine entsprechende Initiative will das Saarland am 23. November in den Bundesrat einbringen.

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Abwehrreflex gegen die eigenen Kunden

„Wie und wo der Verbraucher seine Ansprüche auf finanzielle Entschädigung geltend machen kann, ist noch immer zu oft mit einem unangemessenen Verwaltungs- und Rechercheaufwand zu Lasten der Verbraucherinnen und Verbraucher verbunden“, heißt es in dem Entschließungsantrag, der dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorliegt, und über den zuerst die Bild-Zeitung berichtet hatte.

„Es darf nicht die Regel sein, dass Transportgesellschaften den Ansprüchen ihrer Kundinnen und Kunden zunächst mit einem verwaltungstechnischen Abwehrreflex begegnen“, schreiben die Vertreter des Saarlandes weiter. „Viel effektiver und gerechter wäre es, das System umzukehren und ein automatisiertes Entschädigungsverfahren gesetzlich verpflichtend zu machen.“

Jede Fluggesellschaft kenne die Buchungsdaten ihrer Fluggäste, jede Bahngesellschaft bei Online-Buchungen die Buchungsdaten ihrer Kunden. „Es ist deshalb nicht einzusehen, warum Flug oder Zug per App gebucht werden können, die Entschädigung dann aber schriftlich auf komplizierten Formularen beantragt werden muss“, heißt es in dem Schriftsatz des saarländischen Ministers.

„Ziel sollte es daher sein, notfalls durch gesetzliche Maßnahmen ein antragsloses und automatisiertes Entschädigungsverfahren für die Transportunternehmen verpflichtend zu machen.“ Die Bundesregierung müsse eine entsprechende gesetzliche Regelung prüfen.

EU-Parlament fordert höhere Entschädigungen

Nach Willen des EU-Parlaments soll es in der Zukunft noch deutlich höhere Entschädigungen geben. Kommt der Zug mehr als zwei Stunden zu spät an, soll etwa der komplette Ticketpreis fällig werden. Ob die Europaabgeordneten mit ihren Forderungen Erfolg haben, steht noch nicht fest. Bevor die neuen Regeln in Kraft treten können, müssen sie einen Kompromiss mit dem Rat der Mitgliedstaaten finden.

Angesichts der umständlichen Antragsstellung hat der Bahnsprecher einen Tipp: Das Formular online ausfüllen und im Computer speichern. Daten wie Anschrift oder Kontoverbindung müssen dann nicht jedes Mal wieder eingetragen werden. Das spart etwas Zeit. Ausdrucken und verschicken oder am Bahnhof vorbeibringen, ist aber unvermeidlich.

Von Andreas Niesmann/RND