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Wirtschaft IHK Rostock: Warum muss Jens Rademacher gehen?
Nachrichten Wirtschaft IHK Rostock: Warum muss Jens Rademacher gehen?
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21:06 03.12.2019
Wechselt von Rostock nach Stralsund: Noch IHK-Hauptgeschäftsführer Jens Rademacher. Quelle: André Horn/IHK; Montage RND
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Rostock

Am Tag nach der Ankündigung, dass Jens Rademacher ab Januar nicht mehr Chef der Industrie- und Handelskammer Rostock sein wird, werden die Gründe nicht ganz klar. Nach den Worten des IHK-Präsidents Klaus-Jürgen Strupp folgte Rademacher einerseits einem Vorschlag des Präsidiums, vom Posten des Hauptgeschäftsführers in Rostock als Leiter der deutlich kleineren Geschäftsstelle nach Stralsund zu wechseln.

Andererseits sei ein Wechsel Rademachers eigener Wunsch gewesen. „Er will sich nach so langer Zeit in Rostock beruflich verändern“, sagte Strupp. Die Kammer stärke so ihre Präsenz in Vorpommern, für diese Aufgabe sei der gestandene „IHK-Profi“ genau der Richtige.

Berufung nach Stralsund sei ein Gewinn

Rademacher selbst reagierte am Dienstag nicht auf Anfragen. In der Pressestelle hieß es, er sei in Stralsund, um sich ein Bild über seine künftigen Aufgaben zu machen. Mitglieder der IHK-Vollversammlung, bei dessen Tagung am Montagabend die Personalentscheidung fiel, üben sich überwiegend in eisernem Schweigen.

Bernd Möller, Unternehmer aus Stralsund, sagt doch etwas: „Jens Rademacher ist eloquent und fair, ein guter Partner.“ Aus vorpommerscher Sicht sei seine Berufung nach Stralsund ein Gewinn. Die Gründe dafür kennt Möller nicht. Es war der letzte Tagesordnungspunkt in der Sitzung, er musste früher weg.

Stimmung angeblich auf dem Tiefpunkt

In der Rostocker Kammer werden allerdings auch andere Stimmen laut. „Ich freue mich, dass er nicht mehr das Kommando hat“, sagt ein Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte. Wie er und drei weitere IHK-Beschäftigte unabhängig voneinander schilderten, ist Rademacher alles andere als ein einfacher Chef.

Vier Vorzimmer-Assistentinnen sollen in nur fünf Jahren entnervt hingeworfen haben. Er habe Mitarbeiter „kaputt gespielt“ und vorgeführt, heißt es. Die Stimmung sei auf dem Tiefpunkt, die Fluktuation hoch. „Ich weiß von zwei Kündigungen innerhalb von vier Wochen, die explizit damit begründet worden sind, dass sie nicht mehr unter Geschäftsführer Rademacher arbeiten wollen“, berichtete ein anderer Beschäftigter.

Putschgerüchte gab es schon im Sommer

Bereits im Sommer gab es Überlegungen, Rademacher bei der Vollversammlung im Winter zu Fall zu bringen, sagte damals ein Beteiligter der OZ. Beweise, ob das alles stimmt, gibt es nicht. Eine Anfrage zu seinem Führungsstil lässt Rademacher unbeantwortet. Kommissarischer Hauptgeschäftsführer wird satzungsmäßig sein bisheriger Stellvertreter Peter Volkmann.

Wir wissen nichts von diesen Vorwürfen, heißt es sowohl bei Präsident Strupp als auch in der Pressestelle. In der am Montagabend verbreiteten Presseerklärung ist von einer einvernehmlichen Entscheidung die Rede.

Sprecher einer Initiative gegen Wohnungsbau

Erst vor einigen Tagen sorgte der IHK-Chef für Aufmerksamkeit, weil er als Sprecher einer Bürgerinitiative gegen ein Wohnungsbau-Vorhaben in seiner Nachbarschaft in Rostock-Gehlsdorf ankämpft. Bei einem offiziellen Vertreter der Wirtschaft wirft das Fragen auf. Es gab Kritik, unter anderem im Ortsbeirat. 2017 warf der scheidende IHK-Vizepräsident Hinrich Wolff der IHK-Geschäftsleitung mangelnde Kommunikationsfähigkeit vor.

Seit Anfang der 1990er bei der IHK

Der 57-jährige Rademacher wurde 2014 von der Vollversammlung zum Hauptgeschäftsführer ernannt, nach bundesweiter Ausschreibung mit über 100 Bewerbern. Er übernahm in einer Krise: Sein Vorgänger musste nach nur 16 Monaten gehen, nachdem Untreuevorwürfe gegen ihn erhoben worden waren, die mutmaßlich aus der Kammer selbst stammten.

Zusammen mit Ex-Präsident und Jetzt-Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen brachte Rademacher die Kammer in ruhiges Fahrwasser, lobt das Präsidium. Rademacher arbeitete seit Anfang der 1990er-Jahren bei der Rostocker IHK und gehörte lange als Chef-Justiziar der Geschäftsführung an. Diese Funktion wird er auch künftig behalten. Dafür wird der Arbeitsweg für den Rostocker deutlich länger.

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