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Wirtschaft Probebetrieb: Darum setzt Lidl jetzt auf ein Smartphone-Bezahlsystem
Nachrichten Wirtschaft Probebetrieb: Darum setzt Lidl jetzt auf ein Smartphone-Bezahlsystem
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16:45 08.07.2019
Lidl will ein eigenes Smartphone-Bezahlsystem etablieren. Quelle: imago/Future Image
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Frankfurt

Der Discounter Lidl will das Bezahlen an der Kasse ganz einfach machen. Und zwar mit dem Smartphone. Lidl Pay heißt die neue Dienstleistung, die der Handelskonzern derzeit in Spanien testet. Im nächsten Jahr könnte sie auch hierzulande eingeführt werden. Datenschützer haben Bedenken.

Der Handelskonzern war lange Zeit sehr zurückhaltend, wenn es um die Digitalisierung ging. Jetzt drücken die Manager aber auf die Tube. Mitte Juni startete der Konzern mit der Lidl-Plus-App. Es handelt sich um eine elektronische Kunden- und Rabattkarte. Schon seinerzeit teilte der Einzelhandelsriese mit: „Nach und nach plant Lidl, zusätzliche Features in die App zu integrieren, um einen noch größeren Mehrwert zu bieten und die Kundenzufriedenheit zu erhöhen.“ Genau das geschieht jetzt mit dem digitalen Bezahlen, das aber nur möglich sein soll, wenn der Nutzer auch die Lidl-Plus-App auf seinem Handy installiert hat.

Vorteile für das Unternehmen

Setzt das Management seine Pläne um, müssen Kunden kein Bargeld mehr dabei haben und müssen und an der Kasse nicht auf Wechselgeld warten. Was auch viele Vorteile für das Unternehmen bringt. Eine Umfrage des EHI-Handelsinstituts hat ergeben, dass viele Händler sich vom elektronischen Bezahlen vor allem mehr Effizienz beim Bezahlvorgang versprechen. Es geht schneller, und das aufwendige und teure Hantieren mit Bargeld wird zurückgeschraubt. Bei den Tests von Lidl Pay in Spanien wird die Abrechnung über die Kreditkartenunternehmen Visa und Eurocard abgewickelt. Branchenkenner vermuten, dass bei einer Einführung hierzulande auch mit dem Lastschriftverfahren agiert wird.

Ein weiterer Vorteil für den Einzelhändler: Er kann mit den Kundendaten seine Sortimente in den Märkten und die Preisgestaltung optimieren. Die Möglichkeiten der modernen Datenanalyse gehen sogar so weit, dass Verschiebungen der Nachfrage bei bestimmten Produkten vorhergesehen werden können – bei heißem Wetter wird dann mehr Bier angeboten.

Lidl liegt im Trend

Lidl liegt mit seinem Vorstoß beim digitalen Bezahlen im Trend und zielt vor allem auf Jüngere: Einst waren die deutschen Verbraucher höchst zurückhaltend beim Bezahlen mit dem Handy. Doch eine Umfrage der Beratungsfirma PWC hat ergeben, dass fast die Hälfte aller Frauen und Männer unter 30 Jahren mit dem Smartphone oder dem Tablet regelmäßig Rechnungen begleichen. Insgesamt setzt jeder Vierte derzeit die Mini-Computer als Bargeld-Ersatz ein. Marktforscher gehen davon aus, dass sich die Zahl in nächster Zeit deutlich steigern wird.

Diese Entwicklung spielt offensichtlich bei den Plänen des Lidl-Managements eine wichtige Rolle: Mittels der Bezahlfunktion soll Lidl Plus unter die Leute gebracht werden. Die App wird derzeit in Berlin und Brandenburg getestet und soll ebenfalls im nächsten Jahr bundesweit zur Verfügung stehen. „Mit der neuen Kundenkarte bieten wir den Lidl-Fans die Möglichkeit, bei jedem Einkauf bares Geld zu sparen“, sagte Dominik Eberhard, Geschäftsführer Digital bei Lidl-Deutschland, beim Start der Smartphone-Anwendung. Der Kunde erhält nach dem Herunterladen einen sogenannten Willkommenscoupon über fünf Euro. Danach gibt es regelmäßig elektronische Rabattmarken für spezielle Angebote.

Und nach jedem Einkauf werden digitale Rubbellose mit weiteren Coupons an den Kunden verschickt. Nachlässe werden über die App auch für „Partner“ wie Flixbus verteilt. Lidl Plus/Pay funktioniert mit einem QR-Code, der mit der App auf das Smartphone geladen wird. An der Kasse hält der Kunde ihn vor einen Scanner. Das bedeutet aber zugleich, dass zahlreiche Informationen gespeichert werden, was Datenschützern Bauchschmerzen bereitet. Lidl weiß dann, in welcher Filiale er oder sie eingekauft hat. Auch die Uhrzeit wird registriert. Die erworbenen Produkte und deren Preise werden erfasst. Daraus lassen sich präzise Profile der Nutzer erstellen über Einkaufsgewohnheiten und Vorlieben.

Sensible Daten

Stefan Brink, Datenschutzbeauftragter in Baden-Württemberg, kündigte denn auch schon beim Start von Lidl-Plus an, die App genau prüfen zu lassen. Unter anderem soll es darum gehen, ob es zulässig ist, Profile von Minderjährigen zu erstellen. Auch soll geklärt werden, wie sensibel die Daten sind. Je nach Einkaufsverhalten – insbesondere bei Drogerieprodukten – sind auch Rückschlüsse etwa über den Gesundheitszustand des Kunden möglich.

Wobei Lidl keineswegs der Pionier bei digitalen Rabattkarten mit Bezahlfunktion ist – der Rivale und Marktführer Edeka agiert damit bereits seit 2013. Nach Einschätzung von Experten stellt das Lidl-Konzept aber eine neue Qualität dar. Die App kann jedenfalls auch Push-Benachrichtigungen anzeigen und Nutzer zur nächsten Filiale navigieren.

Was Datenschützer zudem für bedenklich halten: Lidl behält sich vor, die gesammelte Daten von Firmen außerhalb des europäischen Wirtschaftsraums verarbeiten zu lassen. Lidl betont indes, dass man sich an die Vorgaben der EU-Datenschutzgrundverordnung halte.

Verärgert das die Kunden?

Gleichwohl, es geht um die Analyse von Daten, die Experten „granular“ nennen: Aus den Informationen kann der Einzelhändler theoretisch maßgeschneiderte Angebote für seine Kunden entwickeln, die dann auch einen individuellen Preis haben, der sich an den finanziellen Verhältnissen und seiner Zahlungsbereitschaft orientiert. Bislang scheuen sich Einzelhändler aber, mit individualisierten Preisen zu agieren, weil sie befürchten, dass Kunden dies als ungerecht ablehnen.

Für Marktforscher gibt es keinen Zweifel, dass das digitale Geld wegen der wertvollen Daten, die bei den Transaktionen erzeugt werden, im Einzelhandel enorm an Relevanz gewinnen wird. Apple und Google mischen mit eigenen Bezahlsystemen mit. Derzeit testen überdies viele Unternehmen eigene Bezahlplattformen, auch der Elektronikhändler Mediamarkt-Saturn gehört dazu. Und die Drogeriemarktkette DM hat gerade eine Kooperation mit dem gigantischen chinesischen Bezahldienst Ali Pay gestartet – mit dem Kaufhof und Rossmann oder WMF und Zwilling schon länger kooperieren, um Touristen aus der Volksrepublik das Shoppen zu erleichtern.

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Von RND/Frank-Thomas Wenzel