Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Seewirtschaft 100 Tage im ewigen Eis: Rostocker forscht am Nordpol
Nachrichten Wirtschaft Seewirtschaft 100 Tage im ewigen Eis: Rostocker forscht am Nordpol
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 17.11.2019
Die „Polarstern“ unternimmt derzeit die größte Arktisexpedition aller Zeiten. Quelle: Stefan Hendricks/Alfred-Wegener-Institut
Anzeige
Rostock

Das wird eine lange Nacht: Der Rostocker Meeresforscher Volker Mohrholz nimmt an der Mission „Mosaic“ im Polarmeer teil. Er untersucht dort Mechanismen, die für die Dicke der Eisdecke verantwortlich sind. Am Sonnabend wird Mohrholz das letzte Mal für mehr als drei Monate Tageslicht sehen. Dann fliegt er ins norwegische Tromsø und besteigt dort einen Eisbrecher. Der bringt ihn zum Forschungsschiff „Polarstern“, das derzeit festgefroren nahe dem Nordpol treibt. Es folgen 100 Tage Dunkelheit im ewigen Eis.

Position der „Polarstern“ im Eis des Nordpolarmeers. Quelle: Arno Zill

Spezialist für Meeres-Turbulenzen

Mohrholz arbeitet am Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde (IOW) im Bereich physikalische Ozeanographie. „Wir haben uns in den letzten Jahren auf die Messung von Bewegungen und Turbulenzen in den Meeren spezialisiert“, erklärt Mohrholz. Genau diese Expertise sei bei der Forschungsmission im Eis gefragt: „Durch den Wind bewegt sich das Eis im Polarmeer mit etwa 500 Metern pro Stunde“, erklärt Mohrholz. Da das Eis an der Unterseite nicht etwa glatt, sondern sehr rau ist, verursacht diese Bewegung Turbulenzen im Wasser. Bei einer Eisdicke von knapp zwei Metern können die Unebenheiten, die unter anderem durch das Zusammenschieben von Eisschollen entstehen, bis zu einen halben Meter betragen. Dadurch wirken gewaltige Kräfte: „Das ist wie ein riesiges Reibeisen, das man über das Wasser zieht“, veranschaulicht der Forscher.

Polar-Eis wird immer dünner

Dieses Phänomen hat einen großen Einfluss: „Durch die Turbulenzen wird im Meer wärmeres Wasser nach oben transportiert. Das Eis wiederum gibt die Wärme an die Luft ab. So bildet sich irgendwann ein Gleichgewicht, das die Eisdicke bestimmt.“ Wenn sich das Wasser erwärmt – wie derzeit im Zuge des Klimawandels –, wird also das Eis dünner, obwohl die Lufttemperatur unverändert unter minus 20 Grad liegt.

Bilder aus dem Eismeer

Es ist die größte Arktis-Expedition aller Zeiten: Der Forschungseisbrecher „Polarstern“ driftet ein Jahr lang durch die zentrale Arktis. Wissenschaftler erhoffen sich, entscheidende Kenntnisse zum Weltklima zu sammeln. Mit dabei – der Rostocker Meeresforscher Volker Mohrholz.

Auch für die Ostsee relevant

Die Forschung ist auch für die Ostsee relevant: In der nördlichen Ostsee zwischen Schweden und Finnland liegen die letzten Seegebiete, die im Winter noch dauerhaft mit Eis bedeckt sind. Gleichzeitig sind dies die einzigen Regionen der Ostsee, in denen es am Meeresboden keinen Sauerstoffmangel gibt. „Eis hat einen geringeren Salzgehalt als das Meerwasser“, erklärt Mohrholz. Das Salz sammelt sich bei der Eisbildung im Wasser unter dem Eis, das dadurch schwerer wird und absinkt. Dabei nimmt es Sauerstoff mit in die Tiefe, der dort Leben ermöglicht. „Wenn das Eis schmilzt, findet dieser Prozess nicht mehr statt“, sagt Mohrholz. Dann könnten sauerstoffarme Zonen entstehen, wie sie auch in anderen Gebieten der Ostsee schon zu finden sind.

600 Wissenschaftler aus 19 Ländern

Eingeschlossen im Eisdriftet das deutsche Forschungsschiff „Polarstern“ ein Jahr lang durch das Nordpolarmeer. Dadurch können die über 600 beteiligten Wissenschaftler aus 19 Ländern erstmals ganzjährig, also auch während des arktischen Winters, wichtige Messdaten sammeln. Um das Schiff herum wird zudem ein ganzes Netzwerk von Stationen auf dem Eis aufgebaut. Hier richten verschiedene Forscherteams Messstellen ein, um Ozean, Eis und Atmosphäre sowie das arktische Leben im Winter zu erforschen. Es kommen Helikopter, Raupenfahrzeuge und Schneemobile zum Einsatz. Die Wissenschaftler versprechen sich von der größten Arktisexpedition aller Zeiten fundamentale Erkenntnisse für das Verständnis des Klimawandels. Geleitet wird die Mission vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), in Bremerhaven. Insgesamt sind 70 Institutionen beteiligt, darunter das Leibniz-Institut für Ostseeforschung (IOW) in Warnemünde.

Beheiztes Zelt über Loch im Eis

Bei der Arktisexpedition wird Mohrholz die Turbulenzen im Wasser mit Hilfe eines Bewegungssensors in einer Sonde untersuchen. Diese hängt er in das Eisloch, das die anderen Forscher bereits für ihre eigenen Experimente neben der „Polarstern“ gebohrt haben. Mit einer anderen Sonde können sie Temperatur, Salz- und Sauerstoffgehalt oder die Dichte des Planktons bis in mehrere tausend Meter Tiefe messen. Über dem Loch steht ein beheiztes Zelt.

Sechs Eisbärwachen – acht Stunden am Tag

Bestimmt wird der Arbeitsalltag nicht etwa von der Tageszeit – die spielt in der ewigen Nacht keine Rolle. Entscheidend ist der Schutz vor Eisbären: „Wir haben dort sechs Eisbärwachen, die acht Stunden am Tag im Dienst sind“, sagt Mohrholz. Wer außerhalb dieser Zeiten arbeiten will, muss selbst für Schutz sorgen: „Es müssen mindestens zwei Wachen aufpassen.“ Die Vorsicht ist berechtigt, schon mehrfach wurden Eisbären ganz in der Nähe des Schiffs gesichtet. Mohrholz selbst nahm letzte Woche an einem Schießtraining teil. „Geschossen wird aber nur, wenn Leib und Leben in akuter Gefahr sind. Wenn der Eisbär kommt, ziehen wir uns zurück. Er war ja schließlich zuerst da“, betont der Forscher. Dann wird auch das teure Equipment zurückgelassen. Gewarnt werden die Crewmitglieder durch Stolperdrähte rund um das Schiff, die wiederum Leuchtraketen auslösen.

Dreieinhalb Monate Finsternis

Ansonsten bleibt es jedoch in der Arktis weitgehend dunkel. So weit nördlich zeigt sich die Sonne schon jetzt überhaupt nicht mehr. „Dreieinhalb Monate ununterbrochene Dunkelheit – das wird sicher eine Herausforderung“, glaubt Mohrholz. Der erfahrene Expeditionsteilnehmer macht sich aber keine Sorgen: „Es gibt an Bord genug Freizeitmöglichkeiten: einen Fitnessraum, eine Sauna und sogar ein Schwimmbecken.“ Das Internet reicht zwar nur zum Senden von Texten und einigen Bildern. „Aber ich glaube, es ist sehr erholsam für die Seele, eine Weile mal kein Fernsehen und keine Katastrophennachrichten zu sehen.“

Weihnachten an Bord mit Wein

Auch das Weihnachtsfest wird an Bord begangen. „Es gibt eine kleine Feier mit gutem Essen und der einen oder anderen Flasche Wein“, weiß Mohrholz. Seine Frau und seine drei Kinder will er am Heiligen Abend anrufen: „Wir sind zwar am Ende der Welt, aber nicht aus der Welt.“ An persönlichen Sachen will der Rostocker vor allem elektronische Bücher, aber auch ein echtes Buch mitnehmen. Der Titel will so gar nicht zu einer Arktis-Expedition passen: „Ein letztes Mal in Afrika“. „Ich habe bis jetzt – neben der Ostsee – vor allem im südlichen Afrika geforscht“, erklärt Mohrholz seine ungewöhnliche Wahl. Er rechnet noch mit einem sehr persönlichen Andenken an die Heimat: „Meine elfjährige Tochter verfolgt sehr interessiert, was ich mache. Sie wird mir sicher noch ein Kuscheltier in den Seesack stecken.“

Lesen Sie auch:

Von Axel Büssem

Bei der Taufe der „Aidamira“ werden am 30. November Stars zu erleben sein. Johannes Oerding wird live auf der neuen Aida performen und Franziska Knuppe das 14. Schiff der Kreuzfahrtflotte taufen.

06.11.2019

Millioneninvestition in Vorpommern: Die Schweizer Ameos-Gruppe baut neben ihr Anklamer Klinikum ein neues Gebäude mit Chirurgie, Innerer Medizin, Pädiatrie, Gynäkologie und Intensivstation. Das Land MV gibt 25 Millionen Euro dazu.

30.09.2019

Was studieren die jungen Leute in Wismar? Wo kommen sie her? Was wurde früher hier gerne studiert? Klar ist: An der Hochschule Wismar studiert man mit „Meerwert“.

18.09.2019