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Seewirtschaft Kingfish schwimmt fernab vom Meer
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00:00 17.09.2018
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Rostock/

Völklingen. Mehr als 400 Kilometer vom nächsten Meer entfernt tummeln sich in der Stadt Völklingen im Saarland

Peter Zeller, Geschäftsführer der Fresh-Fischzucht, hat mit einem Netz einen Kingfisch aus einem seiner Zuchtbecken gefischt. Quelle: Foto: Oliver Dietze/dpa

Großer Fisch-Hunger

14 Kilo Fisch pro Jahr und Kopf essen die Deutschen nach Angaben des Fischinformationszentrums in Hamburg im Schnitt. Das Gesamtaufkommen an Fisch und Fischereierzeugnissen lag bundesweit 2016 bei rund 2,2 Millionen Tonnen. Aus deutscher Binnenfischerei und Aquakultur kamen 286 000 Tonnen.

Hunderttausende Meeresfische. Aus riesigen Salzwasserpools werden Kingfish, Doraden und Wolfsbarsche herausgefischt und an Kunden in Deutschland, Luxemburg, Österreich, Italien und der Schweiz geliefert. Die Anlage auf dem Gelände einer früheren Kokerei ist etwas Besonderes: „Es ist die erste Fischfarm, die wirklich unabhängig vom Meer im großen Stil produzieren kann“, sagt der Geschäftsführer der Firma Fresh Völklingen GmbH, Peter Zeller.

Meerwasser-Anlagen sind in der Aquakultur noch die Ausnahmen. In Mecklenburg-Vorpommern produziert etwa das Unternehmen Cara Royal in Grevesmühlen (Nordwestmecklenburg) seit einiger Zeit Garnelen in salzhaltigem Wasser. „Rund 2000 Kunden beliefern wir derzeit mit den Delikatessen“, erklärt Geschäftsführer York Dyckerhoff. Der Großteil der Abnehmer der White Tiger Garnelen seien Privatkunden.

Auch Fresh sieht sich auf Erfolgskurs: „Unsere Kunden kaufen uns die Farm leer. Wir haben viel weniger Fisch, als nachgefragt wird“, sagt Zeller. Er hat die Anlage vor drei Jahren mit einer privaten Schweizer Investorengruppe gekauft – für drei Millionen Euro, nachdem das 2007 gestartete Projekt den Stadtwerken Völklingen deutlich mehr als 20 Millionen Euro Schulden beschert hatte.

Bislang konnte in Deutschland keine Anlage, wie sie in Völklingen existiert, wirtschaftlich betrieben werden, teilt das Schweriner Agrarministerium mit. Der Vorteil des Betreibers sei, eine 20 Millionen Euro teure Anlage für drei Millionen Euro erworben zu haben. Die Landesforschungsanstalt beurteile „die Wirtschaftlichkeit solcher Anlagen derzeit eher skeptisch“. Das sei allerdings nur eine Frage der Zeit.

In MV werden in Aquakulturen hauptsächlich afrikanische Welse, Karpfen und Forellen sowie Zander produziert. Konkret: Im Jahr 2016 wurden 902 Tonnen afrikanische Welse, 300 Tonnen Karpfen, 93

Tonnen Forellen und vier Tonnen Zander aufgezogen und zum Teil vermehrt, so eine Sprecherin.

In Völklingen werde Kingfish produziert, der üblicherweise im südlichen Pazifik zu Hause sei und „um die ganze Welt“ fliegen müsse, bevor er auf unseren Tellern lande. Durch die Produktion vor Ort „reduzieren wir den CO2-Abdruck“ um bis zu 90 Prozent, betont Fresh-Chef Zeller.

Die Produktion liege derzeit bei rund 200 Tonnen Fisch im Jahr. „Wir sind auf gutem Weg, 500 Tonnen in den nächsten zwölf Monaten zu erreichen“, sagt der Züricher, der vorher Marketing bei der Fluglinie Swiss gemacht, Werbeagenturen geführt und Greenpeace beraten hat.

Zeller sieht in der Anlage in Völklingen mehr als eine Farm, sondern einen Prototyp für weitere urbane Fischfarmen. „Sobald das System seine volle Kapazität erreicht, lässt sich das multiplizieren.“

Viele Besucher kämen, um sich zu informieren: aus Bangladesch, aus China, aus Mexiko. „Ich gehe davon aus, dass es in der Zukunft in jeder Stadt ab drei Millionen Menschen so eine Farm gibt.“

Nach Kenntnis von Professor Ulfert Focken vom Institut für Fischereiökologie des Thünen-Instituts in Bremerhaven ist die Völklinger Zuchtanlage die einzige in Deutschland, die unabhängig vom Meer Fische produziert. Der technologische Aufwand sei hoch, sodass die Produkte teuer sein müssten. „Die Völklinger bedienen einen Nischenmarkt“, sagt Focken.

Bei den dort produzierten Fischen handele es sich für eine Kreislaufanlage um „schon eine ziemlich große Menge“, sagt er. Gemessen an Fischzuchten etwa im Mittelmeer, die mehrere tausend Tonnen im Jahr produzierten, sei es aber „ein Klacks“. Laut der Welternährungsorganisation FAO lag die Aquakultur-Produktion 2016 weltweit bei 80 Millionen Tonnen – Tendenz steigend. „Die Aquakultur wird mehr Fisch produzieren müssen, wenn wir die Versorgung der Weltbevölkerung mit Eiweiß sicherstellen wollen“, meint Focken.

Das System in Völklingen funktioniere überall auf der Welt, meint Zeller: Es gibt geschlossene Wasserkreisläufe, die die Becken biologisch rein halten. Die Fütterung läuft automatisch über einen Futterautomaten, der über den Pools seine Bahnen zieht, und Strom kommt auch aus der eigenen Solaranlage.

Axel Meyer und Birgit Reichert

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