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Wirtschaft Stromsparen in den USA: Die Energierebellen vom Whisper Valley
Nachrichten Wirtschaft Stromsparen in den USA: Die Energierebellen vom Whisper Valley
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18:58 05.07.2019
Alyssa Collins (27) war 2017 die erste Bewohnerin von Whisper Valley. Links im Bild ist der Stromverteiler, rechts auf dem Dach die Solarpanele Quelle: Axel Büssem
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Whisper Valley

Fast 15 Tonnen CO2 produziert jeder US-Bürger pro Jahr. Das ist einer der höchsten Werte weltweit und etwa doppelt so viel wie im EU-Durchschnitt. Die Gründe dafür liegen einerseits im hohen Industrialisierungsgrad der USA. Auch das Industrieland Deutschland hat pro Kopf einen doppelt so hohen CO2-Ausstoß wie Großbritannien. Andererseits liegt es aber auch an der Überflusskultur in den USA: Die Autos sind größer als in Europa, es wird mehr Fleisch gegessen, die meisten Häuser vor allem im Süden haben Klimaanlagen und bei jeder Mahlzeit außer Haus werden riesige Mengen an Wegwerfgeschirr verbraucht.

In ganz Amerika? Nein, ein kleines Dorf bevölkert mit Energierebellen stellt sich zumindest beim Stromverbrauch dem Trend entgegen: In Whisper Valley vor den Toren der texanischen Hauptstadt Austin ist jedes Haus mit Solaranlagen bedeckt und ein Erdwärmesystem durchzieht den Untergrund.

Keine Baum-Umarmer

Vor dem Gemeindehaus von Whisper Valley (deutsch: Flüstertal) erstreckt sich ein gemütlicher Pool. Jeder Bewohner ist eingeladen, darin zu planschen. Obwohl es heute etwas kühl ist, bietet das Becken angenehme Temperaturen: Beheizt wird es mit der Überschusswärme aus dem Erdwärmenetz, an das alle Gebäude im Tal angeschlossen sind, erklärt Günther Reibling. Der Bayer finanziert mit seiner Firma Taurus das Projekt, das einmal 7500 Häuser umfassen soll. „Die Häuser sind potenziell Null-Energie-Häuser – das hängt allerdings vom Verhalten der Bewohner ab. Wir schreiben nicht vor, wann sie ihre Fenster öffnen dürfen, aber wir informieren sie, wie sie Strom sparen können.“

Einer der bislang 75 Bewohner ist Jay Hubert. Seit drei Monaten wohnt der 41-Jährige mit seiner Familie in Whisper Valley. „Wir sind keine Baum-Umarmer“, scherzt er, „aber wir wollten Sonnenenergie und ein Elektro­auto. Hier kann ich beides nutzen und es lohnt sich finanziell.“ Denn obwohl er sein E-Auto an der eigenen Steckdose auflädt, konnte Hubert seine Stromrechnung im vergangenen Monat ins Negative drücken: 20 Dollar beträgt die Grundgebühr bei der Stromkooperative Blue Bonnet, Jay zahlte zuletzt nur 16 Dollar, weil er aus seinen Solar- und Geothermieanlagen mehr Strom ins Netz einspeiste, als er bezog.

Billiger als normale Häuser

325 000 Dollar bezahlte er für sein Haus – Durchschnitt in Whisper Valley: Die Preisspanne reicht von 240 000 bis 400 000 Dollar. „Das ist weniger als vergleichbare normale Häuser in der Region Austin“, erklärt Reibling. Er erklärt das unter anderem mit den günstigen Einkaufspreisen: „Es macht einen Unterschied, ob ich eine Wärmepumpe kaufe oder tausend.“ So ist es deutlich billiger, das gesamte Wohngebiet von Anfang an energiesparend zu errichten, als etwa einzelne Häuser im Nachhinein umzurüsten. Für Whisper Valley habe er das Rad nicht neu erfunden: „Wir haben nur bestehende Elemente verbunden“, so Reibling.

90 Häuser stehen schon in Whisper Valley, 500 Grundstücke sind verkauft. 60 Prozent der Investoren kommen aus dem deutschsprachigen Raum, andere aus Israel, Großbritannien und den USA. Über mangelnde Nachfrage kann sich Immobilienmaklerin Lenore Spinn nicht beklagen: Sie sitzt in einem der drei Musterhäuser und muss nicht lange auf Kundschaft warten. „Ich bin seit November 2018 hier und habe bereits zwölf Häuser vermittelt. Erst heute habe ich ein weiteres Geschäft abgeschlossen.“ Viele der neuen Bewohner zögen von Kalifornien nach Texas, weil es an der Westküste einfach zu teuer geworden sei und sie dennoch den umweltfreundlichen kalifornischen Lebensstil weiterführen wollen.

Eine tolle Gemeinschaft

Alyssa Collins kam dagegen ganz aus der Nähe nach Whisper Valley. Die heute 27-Jährige war im November 2017 die erste Bewohnerin. „Ich habe mich schon am College mit Nachhaltigkeit befasst und fand die Idee toll, in einem Haus zu leben, das nullenergiefähig ist. Das kann viel für mich und vielleicht auch für die ganze Welt ausmachen.“ Als Automatisierungsingenieurin arbeitet Alyssa viel von zu Hause aus, was dank des überall verlegten schnellen Internets im Ort kein Problem sei.

Zunächst sei es schon ein wenig unheimlich gewesen, so ganz allein in einer ganzen Siedlung. „Aber gleich am ersten Abend schaute die Polizei vorbei, um nach mir zu sehen.“ Inzwischen habe sich eine gute Nachbarschaft entwickelt. „Wir helfen uns gegenseitig. Ich habe zum Beispiel keine Ahnung vom Gärtnern – andere hier dagegen schon“, sagt Alyssa. „Ich glaube, das kann mal eine tolle Gemeinschaft werden.“

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