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Wirtschaft Trotz aller Streitigkeiten: In MV wächst die Trasse für Gas aus Nord Stream 2
Nachrichten Wirtschaft Trotz aller Streitigkeiten: In MV wächst die Trasse für Gas aus Nord Stream 2
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13:28 25.04.2019
Bauarbeiten an der Erdgasleitung Eugal bei Anklam. Die Schweißstationen – kleine mobile Kabinen – werden über die Rohre gesetzt. Quelle: Martina Rathke
Lubmin

Wenn´s gut läuft, schaffen die Eugal-Pipelinebauer rund 700 Meter Strecke pro Tag. Kein Bach und keine Straße dürfen dafür die Trasse kreuzen, kein Sturm darf über den Acker pflügen.

An diesem Tag läuft es gut: Die Frühlingssonne scheint, das Wetter stimmt. Ein schwarzes Stahlband schmiegt sich über die platte Landschaft bei Anklam. In kleinen mobile Fabriken – sogenannten Schweißstationen – fügen Schweißer die Einzelrohre zu einer Pipeline zusammen, durch die mal russisches Nord-Stream-Gas von der Ostseeküste bei Lubmin bis an die tschechische Grenze transportiert werden soll.

Im politischen Windschatten der umstrittenen Ostseepipeline Nord Stream 2 treibt das in Kassel ansässige Energieunternehmen Gascade derzeit den Bau der Eugal (Europäische Gas-Anbindungsleitung) voran. Von den Querelen um die Nord Stream 2, deren Bau von Dänemark immer noch nicht genehmigt ist und um die derzeit auch in Deutschland heftig gerungen wird, zeigt sich Gascade zumindest äußerlich wenig beeindruckt. „Die Eugal ist ein separates und unabhängiges Projekt“, sagt Unternehmenssprecher George Wüstner. „Wir rechnen mit einer Fertigstellung des ersten Stranges Ende 2019, um diesen wie geplant in Betrieb nehmen zu können.“

Ob dann bereits durch die zweite Ostseepipeline Gas nach Deutschland strömt, ist fraglicher denn je. Erst vor gut einer Woche hatte Nord Stream 2 bei den Dänen die nunmehr dritte Routenvariante um Bornholm beantragen müssen. Auch politisch wird der Gegenwind immer stärker. Der CSU-Politiker Manfred Weber will sich im Fall einer Wahl zum Chef der EU-Kommission für einen Baustopp einsetzen.

Kosten: drei Milliarden Euro

Im Herbst 2018 begann Gascade mit den Bauarbeiten für die drei Milliarden Euro teure und 480 Kilometer lange Trasse von Lubmin nach Sachsen, die weitgehend parallel zur Opal-Trasse verläuft. Rund 29 Kilometer des ersten Eugal-Stranges liegen in Mecklenburg-Vorpommern inzwischen im Boden, vor allem im Trassenabschnitt ab Lubmin.

Bauleiter Sascha Kirmße koordiniert den Trassenbau auf den obersten 71 Kilometer. Das Handy ist dabei sein wichtigstes Arbeitsgerät. Mit Lubmin, Neu Boltenhagen, Pamitz und Anklam beaufsichtigt der 30-Jährige – zwischen den Baustellen pendelnd – die Arbeit an vier Orten. „150 Kilometer mit dem Auto kommen da schon täglich zusammen“, schätzt er. Inzwischen kennt er die Schleichwege zwischen den Baustellen. Zeit, um für wenige Minuten die Landschaft zu genießen, oder für den Anruf auf der nächsten Baustelle.

Umwege für Kastanienbäume

Die Arbeiten unterscheiden sich von Ort zu Ort: Während bei Anklam die Pipeline wie am Fließband Stück um Stück verschweißt und unter den Acker gebracht wird, ist bei Neu Boltenhagen ein Trupp mit der Verpressung eines Rohrabschnitts unter einer alten Allee beschäftigt. „Der Naturschutz stand hier im Vordergrund“, erklärt Kirmße. Um die alten Kastanienbäume nicht zu beschädigen, musste das Rohr in einem Bogen unter der Allee durchgeführt werden.

Auf dem Weg an die tschechische Grenze führt die Eugal über Tausende Grundstücke. Während in Brandenburg mehrere Klagen gegen den Bau anhängig waren, hielt sich das Konfliktpotenzial hier in Grenzen. Rund 5300 Gestattungsverträge schloss Eugal mit betroffenen Grundstückseigentümern in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen ab.

„Nicht schön, aber eine Notwendigkeit“

In 14 Fällen – davon vier in MV – konnten sich Eigentümer und Gascade zunächst nicht einigen. In der Folge kam es zu Besitzeinweisungsverfahren. In Mecklenburg-Vorpommern sind inzwischen alle Verfahren entschieden – zu Gunsten von Gascade.

Landwirt Steffen Kahl, Chef der Ziesetal Agrar GmbH in Neu Boltenhagen, sieht das Verhältnis zu den Pipelinebauern entspannt. „Der Pipelinebau ist nicht schön, aber eine Notwendigkeit“, sagt Kahl. Auf einer Länge von sechs Kilometer durchschneidet die Trasse die Ackerflächen des Agrarbetriebes. Für die 22 Hektar gibt es eine Dienstbarkeitsentschädigung. Dazu kommen Entschädigungszahlungen für Ernteausfälle oder Nachernteschäden. „Das läuft alles ganz vernünftig“, sagt Kahl.

Internationales Team von Arbeitern

Der Vorarbeiter in Neu Boltenhagen, Nelson Hernandez, stammt aus Kolumbien, die Arbeitssprache auf der Baustelle ist Englisch. „Ich habe schon Pipelines in Venezuela, Peru, Georgien und Russland zusammengeschweißt. Jetzt in Deutschland.“ Das Pipelinegeschäft ist international, die Arbeiter stammen aus Polen, Italien, Österreich, Südamerika, Ungarn oder Deutschland – eine wandernde Gemeinschaft.

Der Neu Boltenhagener Steffen Kahl hat die Bauarbeiter als freundliche Truppe kennengelernt. „Die haben hier eine große Akzeptanz“, sagt er. Die Straße werde gereinigt, auch nähmen sich die Arbeiter Zeit, interessierten Dorfbewohnern mal die Technik zu erklären.

Auffrischung von Kindheitserinnerungen

Für die Zeit des Eugal-Baus haben die Arbeiter in Ferienwohnungen, Pensionen oder Hotels Quartier bezogen. Einige sind mit eigenen Wohnwagen auf Campingplätze gezogen. „In einem Containerdorf muss hier keiner wohnen“, sagt Kirmße.

Rund 320 Arbeiter – davon 120 an der Trasse und 200 auf der Baustelle für die Lubminer Gasempfangsstation – leben für etwa ein Jahr in Vorpommern. Gelegenheit, die Region kennenzulernen oder, wie für Thomas Apel, Kindheitserinnerungen aufzufrischen. Der 33-Jährige arbeitet als Schweißer für den bayrischen Pipelinebauer PPS Pipeline Systems, geboren ist er aber in Jena. Die Ostsee kenne er bereits von früher. Deshalb fahre er nicht jedes Wochenende nach Hause, sondern hole gern seine Familie für einen Kurzurlaub nach Vorpommern.

Ferienunterkünfte für Bauarbeiter

Ferienwohnungsvermieter wie Thomas Schulz aus Greifswald-Eldena gehören zu den Profiteuren der Bauarbeiten. Schon beim Bau der Pipeline Nord Stream 1 habe er ein Ferienhaus an Arbeiter vermietet. Dieses Mal auch.

„Das sind sehr angenehme Gäste“, sagt Schulz. Vor allem in den Wintermonaten, wenn sich Ferienwohnungen an Touristen schlechter vermieten lassen, sorgen sie für stabile Einnahmen. „Sie lernen als Arbeiter die Region kennen und kommen später als Urlauber wieder.“

Langfristig ist die Pipeline allerdings kein Jobmotor für die Region. In Lubmin werden nach Angaben des Betreibers Gascade maximal zehn Mitarbeiter in der Eugal-Gasempfangstation tätig sein.

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Martina Rathke

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