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Wirtschaft Trotz großer Risiken: Europa setzt auf eigene Akkus
Nachrichten Wirtschaft Trotz großer Risiken: Europa setzt auf eigene Akkus
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17:17 30.04.2019
Bekommt Europa eine Batteriefertigung? Quelle: dpa-Zentralbild
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Brüssel

Deutschland und Frankreich wollen noch diese Woche die Pläne für eine Batteriefertigung in Europa vorantreiben. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier werde dazu am Donnerstag seinen Kollegen Bruno Le Maire in Paris treffen, kündigte Altmaiers Staatssekretärin Claudia Dörr-Voß am Dienstag in Brüssel an. Die EU-Kommission erwartet bis Juni Förderanträge für ein europäisches Batterieprojekt und will bis Ende Oktober eine Entscheidung treffen.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hatte berichtet, Deutschland und Frankreich wollten ein Konsortium fördern, das von der Opel-Mutter PSA und dem französischen Batteriehersteller „Saft“ gebildet wird. Dörr-Voß bestätigte eine Absichtserklärung gegenüber der EU-Kommission.

Maros Sefcovic Sefcovic, Vizepräsident der EU-Kommission, ergänzte, dass diese bereits darauf geantwortet habe. Einzelheiten nannte er unter dem Hinweis auf Geschäftsgeheimnisse nicht. Nach Einschätzung von Branchenkreisen könnte das Opel-Komponentenwerk in Kaiserslautern als Standort für die Batteriefertigung in Betracht kommen.

Asien hat bislang die Nase vorn

Bei der Akku-Technik haben bisher Unternehmen aus Japan, Südkorea und China die Nase vorn. Die Angst vor einer Abhängigkeit von den asiatischen Zulieferern grassiert. Deshalb will die Kommission eine Produktion durch EU-Unternehmen mit staatlicher Hilfe auf die Beine stellen.

Altmaier hat für eine Fertigung europäischer Hersteller in Deutschland Subventionen in Höhe von einer Milliarde Euro in Aussicht gestellt. Zudem will die französische Regierung 700 Millionen Euro locker machen. Staatspräsident Emmanuel Macron hat die Errichtung von zwei Fabriken ins Gespräch gebracht – eine diesseits und eine jenseits des Rheins.

Sefcovic hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Ende der Amtszeit der aktuellen Kommission im November Vorzeigbares auf den Weg zu bringen. Dafür müsste es jetzt sehr zügig voran gehen. Schließlich müssen die Anträge für die staatlichen Unterstützungen gestellt und genehmigt werden. Dann braucht es auch noch das Okay der EU-Kommission, die entscheiden muss, ob die Beihilfen mit den Wettbewerbsregeln in Übereinstimmung stehen. Zu den Bedingungen gehört unter anderem, dass in den Konsortien Unternehmen aus mindestens zwei EU-Staaten mitmachen.

Altmaier kann Versprechen nicht halten

Altmaier sprach Ende November von „wachsendem Interesse“ an den Batteriesubventionen. Details nannte er nicht. Viele Firmen mit Rang und Namen wurden immer wieder genannt. Darunter BASF, Siemens und Varta. Auch Start-ups wollen mitmischen: Dazu zählen der schwedische Batteriespezialist Northvolt und der E-Auto-Bauer Ego – dahinter steckt Günther Schuh von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, der auch schon bei der Entwicklung des Elektrolieferwagens Streetscooter dabei war.

Altmaier hatte versprochen, dass Investitionsentscheidungen bis Ende März fallen. Doch nichts geschah. Das Zusammenstellen der Unternehmensgruppen gestaltet sich offensichtlich recht schwierig.

Zugleich gehen die Autobauer die Sache einigermaßen gelassen an. Der Grund dafür: Sie haben sich bis in die Mitte des kommenden Jahrzehnts mit umfänglichen Lieferverträgen abgesichert – eben bei jenen Konzernen, vor denen die EU-Strategen Angst haben. Volkswagen kooperiert vor allem mit LG Chem (Südkorea). Der chinesische Batterieriese CATL baut gerade im thüringischen Erfurt ein Werk, das BMW beliefern soll.

Daimler hat Verträge mit mehreren Lieferanten abgeschlossen. In Europa ist bereits ein Dutzend großer Batteriezellfabriken geplant. Unter anderem sind Samsung SDI und SK Innovation (beide Südkorea), der Tesla-Lieferant Panasonic (Japan) und BYD (China) mit von der Partie.

Werden Steuergelder verbrannt?

Die Sache ist vertrackt. Die Boston Consulting Group (BCG) rechnet damit, dass es um das Jahr 2022 zu massiven Überkapazitäten kommen wird, weil die Nachfrage nach E-Autos langsamer wachsen werde als die Kapazitäten für die Herstellung von deren Batterien – nebst einem kräftigen Preisverfall. Bei einem überhasteten Bau staatlich subventionierter Fabriken könnte also Steuergeld in Milliardenhöhe verbrannt werden.

Bosch hat jedenfalls im vorigen Jahr entschieden, die Finger von der Zellfertigung zu lassen. Der Einstieg hätte etwa 20 Milliarden Euro gekostet – bei höchst unsicheren Geschäftsaussichten. Das Grundproblem ist: Mit Akkus lässt sich nur Geld verdienen, wenn man auf enorm große Stückzahlen setzt. Gleichzeitig weiß niemand, wie sich die Technik entwickelt. So erwarten Marktforscher, dass schon bald Feststoffbatterien kommen könnten, die heutige Lithium-Ionen-Akkus ziemlich alt aussehen lassen.

Es geht um die übernächste Batteriegeneration

„Wer bei den Batteriezellen mitspielen will, muss einen langen Atem von acht bis zehn Jahren haben und bereit sein, hohe Risiken einzugehen“, sagte Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Dennoch befürwortet er staatliche Unterstützung für den Aufbau einer europäischen Fertigung.

Batterien seien die Kernkomponente von E-Autos, deshalb sei es wichtig, Kompetenzen dafür hierzulande aufzubauen. Subventionen müssten als Anschubfinanzierung fungieren, um vor allem Forschung und Entwicklung voran zu treiben, sagte Bratzel. Es gehe darum, bei der nächsten und übernächsten Batteriegeneration wettbewerbsfähig zu sein. Bratzel schwebt eine Unterstützung ähnlich wie beim Flugzeugbauer Airbus vor. Der hat bei der Entwicklung neuer Flugzeuge von günstigen, staatlich abgesicherten Krediten profitiert.

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Ingenieure und Manager stehen jedenfalls in den Startlöchern. So wurde Ende März unter Führung von Volkswagen und Northvolt die European Battery Union mit Firmen und Wissenschaftlern aus sieben EU-Staaten gegründet. Nächstes Jahr sollen die ersten Forschungsprojekte starten. Alle Partner wollten ihre Investitionen erhöhen. Diese Aufwendungen könnten durch die vom Wirtschaftsministerium ausgelobten Fördermittel „finanziell abgebildet werden“, heißt es bei Volkswagen.

Von RND/Frank-Thomas Wenzel und dpa