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Wirtschaft Alternativen zum Gas: USA setzen weiter auf Kohle und Atomkraft
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18:58 05.07.2019
Greg Kennedy, Projektleiter der CO2-Speicherung im Kohlekraftwerk Petra Nova in Thompsons (Texas) Quelle: Axel Büssem
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Washington/Thompsons

Dank neuer Gaskraftwerke haben die USA ihren CO2-Ausstoß im Stromsektor seit 2005 um 28 Prozent gesenkt. US-Gas ist zudem dank Fracking in schier unendlichen Mengen vorhanden und dadurch extrem günstig. Aus wirtschaftlicher Sicht wäre es daher sinnvoll, die Energieversorgung komplett auf Erdgas umzustellen. Doch das wird wohl nicht passieren: Auch im amerikanischen Energiemix der Zukunft werden voraussichtlich Kohlestrom und Atomkraft enthalten sein. Die OZ erklärt, warum das so ist.

Ein Grund liegt in der schieren Größe des Landes. Die Gasvorkommen sind auf einige Regionen beschränkt. Das Gas in Pipelines bis in den letzten Winkel zu leiten, wäre zu teuer. Daher setzen die Unternehmen eher darauf, das Gas vor allem an der Küste des Golfs von Mexiko zu verflüssigen und zu exportieren.

Große Unterschiede zu Deutschland

Die USA haben auch nicht so ein engmaschiges zusammenhängendes Stromnetz wie Deutschland. Es ist zudem stark föderal aufgebaut. Selbst wenn man also in den Fördergebieten riesige Gaskraftwerke bauen würde, könnten weit entfernte Regionen den dort produzierten Strom nicht nutzen. Ein ähnliches Problem kennt Deutschland mit dem Windstrom von der Küste, der bis heute nicht in den Süden geleitet werden kann.

Die US-Energieversorgung liegt zudem in privaten Händen. Jedes Unternehmen entscheidet selbst, welche Art Strom es nutzen möchte. Es gibt auch keine politischen Vorgaben wie in Deutschland, wo der Atom- und Kohleausstieg von der Bundesregierung beschlossen wurde. Der stellvertretende US-Energieminister Dan Brouillette gibt lediglich eine Prognose ab: „Der Anteil der Kohle wird weiter sinken, Atomstrom etwa gleich bleiben, erneuerbare Energien und Gas nehmen zu und Öl spielt kaum noch eine Rolle.“

Gas hat Kohle überholt

Seit 2010 ist der Anteil von Kohle am US-Strom bereits von 45 auf 30 Prozent gesunken und liegt damit hinter Erdgas (34 Prozent). Doch US-Präsident Donald Trump hatte den Kohlekumpels versprochen, den „Krieg gegen die Kohle“ zu beenden. Erreichen will er das mit dem Einsatz „sauberer Kohle“: Das CO2 in den Abgasen von Kohlekraftwerken kann aufgefangen und im Boden gespeichert werden. 200 Millionen Dollar gibt die US-Regierung in diesem Jahr dafür aus.

Im Kohlekraftwerk Petra Nova in Thompsons (Texas), immerhin das zweitgrößte der USA, wird dieses als CCS bekannte Verfahren bereits seit 2017 angewandt. Projektleiter Greg Kennedy erklärt: „90 Prozent des CO2 wird so aufgefangen. Damit sparen wir pro Jahr 1,4 Millionen Tonnen CO2 und sind eines der saubersten Kohlekraftwerke der USA.“

CO2 verbessert Ölförderung

Das CO2 wird weiter genutzt: Dank seiner besonderen chemischen Eigenschaften lässt sich damit Erdöl aus Gestein lösen, das bei der konventionellen Förderung nicht erreicht werden kann. Also pumpt man das CO2 aus Petra Nova durch eine Pipeline zu einem Ölfeld, wo es in die Erde geleitet wird. Die Ölförderung konnte so von 300 auf 1000 Barrel (je 159 Liter) pro Tag erhöht werden, erklärt Kennedy. Bei jedem Förderdurchgang bleiben 10 bis 20 Prozent des CO2 in der Lagerstätte, der Rest wird oben aufgefangen und wiederverwendet.

Lou Hrkman, im US-Energieministerium zuständig für „saubere Kohle“, prognostiziert: „Das Kohlekraftwerk der Zukunft wird keine oder fast keine CO2-Emissionen mehr produzieren.“ Eine Milliarde Dollar wurde in das CCS in Petra Nova investiert, davon 170 Millionen Dollar Fördermittel. Zudem fördert die US-Regierung die Methode mit bis zu 40 Dollar pro Tonnen CO2. Die Kosten in Petra Nova liegen derzeit laut Kennedy bei 47 Dollar pro Tonne. „Wir glauben, dass wir in vier Jahren auf 30 Dollar kommen können.“

Neue Mini-Atomkraftwerke?

Rund 20 Prozent des US-Stroms kommt derzeit aus den 90 Atomkraftwerken im Land. „2006 gab es noch Pläne, die Atomkraft in den USA wegen der hohen Gaspreise stark auszubauen“, erinnert sich Matthew Crozat, Chefstratege beim Institut für Nuklearenergie (NEI). „Doch inzwischen hat Erdgas den Energiemarkt auf den Kopf gestellt.“ Eine Megawattstunde Strom aus Atomkraft koste derzeit 32 Dollar, bei Gas seien es 20 bis 25 Dollar. „Daher wurden in den letzten 20 Jahren fast nur noch Gaskraftwerke gebaut, es gab lediglich ein neues Atomkraftwerk“, so Crozat.

Aufgeben will Crozat die Idee der Energie aus der Kernspaltung jedoch nicht. Hoffnung gibt ihm ausgerechnet der Klimawandel: „Viele Umweltschutzgruppen, die früher gegen Atomkraft waren, haben inzwischen ihre Meinung geändert“, sagt er. Der Grund: Atomkraftwerke produzieren kein CO2. Crozat kann sich daher eine neue Generation von kleineren und sicheren Atomkraftwerken im 100- oder sogar 10-Megawattbereich vorstellen. „Rund 60 Unternehmen investieren derzeit in neue Atom-Technologien. Mitte der 2020er-Jahre könnten die ersten Reaktoren neuen Typs in den USA gebaut werden“, glaubt er.

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