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Wirtschaft Vom „VEB“ zur Marktwirtschaft – Wie Unternehmen die Wende meisterten
Nachrichten Wirtschaft Vom „VEB“ zur Marktwirtschaft – Wie Unternehmen die Wende meisterten
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11:09 11.11.2019
Zwischen einer Auswahl verschiedener Plüschtiere sitzt die Geschäftsführerin der Kösener Spielzeug Manufaktur, Constanze Schache. Quelle: dpa
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Dresden

Marktwirtschaft statt Planwirtschaft: Nach dem Fall der Mauer änderte sich für auch für Ost-Unternehmen auf einen Schlag die Welt. Was gestern galt, hatte heute plötzlich keine Bedeutung mehr. „Aus eigener Kraft haben es nur die allerwenigsten geschafft“, sagte Uwe Blien, Experte für regionale Arbeitsmärkte am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Vor allem wegen der Währungsumstellung von Ost- auf Westmark seien damals nur noch wenige Betriebe konkurrenzfähig gewesen. Beim Sprung in die Marktwirtschaft habe daher die Treuhand eine wichtige Rolle gespielt. Ob mit Treuhand oder ohne - mit findigen Ideen haben Betriebe zwischen Chemnitz und Bad Kösen den Umschwung gemeistert - und sind 30 Jahre später immer noch am Markt.

Von der „grauen Maus“ zum Polizeiausstatter

Die Wattejacke „Graue Maus“ - so genannt wegen ihrer Farbe - galt zu DDR-Zeiten als legendär. Generationen von Bauarbeiten und Landwirten trugen das wärmende Stück, hergestellt von Wattana im sächsischen Hohenstein-Ernstthal. „Wir waren der einzige Produzent für Wattejacken in der DDR“, sagt Inhaberin und Geschäftsführerin Gabriele Götze. Vor der Wende arbeiteten rund 500 Mitarbeiter bei Wattana, damals Mitglied im VEB Kombinat „Baumwolle“.

4400 graue Wattejacken gingen am Tag übers Band. 1992 wurde der Betrieb von der Treuhand übernommen und privatisiert, zwischendurch gab es einen Schweizer Investor, bevor das Unternehmen seit 2008 als Wattana GmbH firmiert. Heute arbeiten 40 Mitarbeiter an der Entwicklung von Schutzbekleidung und in der Musternäherei.

Gabriele Götze, Inhaberin der Wattana GmbH, präsentiert eine Fliegerkombi. Quelle: dpa-Zentralbild

Längst ist Wattana mehr als die „Graue Maus“: Das Unternehmen stattet etwa Polizei, Bundeswehr, Marine und Seenotretter aus. Darunter sind Fliegerkombis aus schwer entflammbarem Material oder Anoraks, die vor Salzwasser schützen. Bei der Umstellung von grün auf blau stattete Wattana die sächsische Polizei mit Dienstkleidung aus. „Weil die Polizei wieder mehr Leute einstellt, profitieren wir auch“, sagte Götze. Die 66-Jährige, die seit DDR Zeiten bei Wattana ist, hat beide Systeme erlebt. Die Zeit nach der Wende seien harte Lehrjahre gewesen. Ihr Rezept: „Sich nicht entmutigen lassen, aus Fehlern lernen.“ Wattana setzt aktuell rund 25 bis 28 Millionen Euro pro Jahr um.

Handgenähte Kuscheltiere

„Bernd das Brot“ hat dem Unternehmen mal das Leben gerettet, sagt Helmut Schache. In den 2000er Jahren brach der Umsatz der Kösener Spielzeug-Manufaktur ein. Damals habe es kaum Abnehmer gegeben für die handgenähten, hochwertigen - aber auch teureren Plüschtiere aus Naumburg im Süden Sachsen-Anhalts. Doch Kösener hatte gerade die Lizenz erworben, das sprechende Kastenbrot des Kinderkanals als Kuscheltier verewigen zu dürfen. „Bernd“ fand reißenden Absatz. Heute ist die Manufaktur vor allem bekannt für ihre detailgetreuen Stofftiere von Biene bis Pinguin. Auch das schielende Opposum aus dem Leipziger Zoo wurde einst als Plüschtier produziert.

Eine Spielzeugfacharbeiterin in der Bad Kösener Spielzeug Manufaktur GmbH bereitet die Plüsch- Hasen Hoppel und Purzel, die Küken Nelly und Molly und eine weiße Henne für den Versand zum Osterfest vor. Quelle: dpa-Zentralbild

Diese Idee rettete Kösener wiederum Anfang der 1990er Jahre. Die Treuhand versuchte den früheren volkseigenen Betrieb „VEB Kösener Künstlerpuppenwerkstätten“ zu verkaufen. Zwei Jahre gab es einen großen namhaften Interessenten, dann sprang er ab. Aus 185 Mitarbeitern wurden 45. 1992 entschied Schache, den Betrieb zu kaufen. „Wir haben erstmal alle in Kurzarbeit geschickt, weil wir keinen einzigen Auftrag hatten.“ Doch eine junge Design-Absolventin von der Kunsthochschule Burg Giebichenstein hatte die Idee, naturnahe Plüschtiere zu nähen. „Das war ungewöhnlich für den Markt und bekam schon kurz nach dem Start einen Preis.“ Etwa 2,5 Millionen Euro Umsatz macht Kösener pro Jahr, die Hälfte im Ausland.

Klappzylinder und Bergmannskappen

Das Unternehmen Altenburger Hut & Putz stattet Karnevals- und Traditionsvereine, Film und Theater im In- und Ausland aus - mit handgefertigten Hüten sowie mit Trachten und Kostümen. Dabei wäre mit der DDR fast auch die traditionsreiche Hutfabrikation untergegangen. Aus der Produktionsgenossenschaft des Handwerks „PGH Hut und Putzmacher“ ging das heutige Unternehmen hervor. Die Zahl der Beschäftigten schrumpfte von rund 90 auf heute 12. Sie erwirtschaften einen Umsatz von etwa 500 000 Euro im Jahr, sagt Geschäftsführer Harald Etzold.

In der Altenburger Hut & Putz GmbH arbeitet eine Modistin an den Hüten für einen Karnevalsverein. Quelle: dpa-Zentralbild

Zur Firma gehört neben der Hutfertigung eine komplette Maßschneiderei für Damen und Herren. Nach einer Beinahe-Pleite um die Jahrtausendwende ist das Unternehmen 2005 in neue Produktionsräume in Lödla umgezogen. „Es ist ein ewiger Kampf ums Überleben“, klagt Etzold. Denn nicht nur Billigkonkurrenz aus Asien und knappe Kassen bei Vereinen und Theatern machen dem Unternehmen arg zu schaffen. Auch werde es immer schwieriger, Fachkräfte und hochwertige Materialien zu finden.

Feinkost in der DDR und heute

Fleischsalat gehört zu den Klassikern des 1933 gegründeten Feinkostunternehmen Dr. Doerr aus Dresden. „So wie es ihn zu DDR-Zeiten gab, gibt es ihn heute noch“, sagt Chef Christian Doerr (49), der das Unternehmen in dritter Generation führt. Die Mayonnaise-Rezeptur des Großvaters und Gründers ist gleich geblieben - die Unternehmensgeschichte wechselhaft: 1972 wurde die Firma in der DDR einer Welle mit anderen Betrieben zwangsverstaatlicht.

Eine Mitarbeiterin der Dr. Doerr Feinkost GmbH & Co. KG bereitet in der Produktion die Grundlage für einen Fertigsalat vor. Quelle: dpa-Zentralbild

Doerrs Vater verließ den Betrieb und kaufte ihn 1990 zurück. Los ging es mit 19 Mitarbeitern und einem Umsatz von umgerechnet einer Million Euro. Sein Vater sei ein findiger Unternehmergeist gewesen, die Umstellung auf die Marktwirtschaft daher nicht so schwer, so Doerr. Ein größeres Problem: Den Anschluss zu finden. Seine Eltern haben nach der Wende ‎Feinkostbetriebe im Westen besucht, um zu sehen, „wo die Reise in den Jahren der deutschen Teilung ‎hingegangen ist.“ ‎Die Fleisch, Geflügel- und andere Feinkostsalate werden vor allem im Osten verkauft. Rund 90 Beschäftigte erwirtschaften einen Jahresumsatz von 17 Millionen Euro.

Von RND