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12:20 09.09.2019
Um den Wald für den Klimawandel fit zu machen, muss man jetzt handeln. Quelle: Uli Deck/dpa
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Die Buche lässt die Blätter hängen. Sachte rascheln sie im Wind. Obwohl es Hochsommer ist, ragen ihre Astspitzen bereits kahl in den Himmel. Roland Hoch lässt das Fernglas auf seine Brust sinken. Dann schaut er seinen Kollegen an: „Ich würde sagen: 50 Prozent“, sagt er. Forstwissenschaftler Stefan Meining nickt mit düsterem Gesichtsausdruck. 50 Prozent, das heißt, dass die Baumkrone nur noch zur Hälfte Blätter trägt. Der Rest ist bereits zu Boden gesegelt. Meining – blonde Haare, Lachfalten, Hang zum Lakonischen – notiert die Zahl auf seinem Tablet, das ihm an einem Gurt um den Hals baumelt.

Hoch und Meining arbeiten als Forstwissenschaftler für die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg. An diesem sonnigen Vormittag im August begutachten sie ein Waldstück in der Nähe des Attentals zwischen Freiburg-Ebnet und Stegen. Zwischen Mitte Juli und Mitte August fahren die beiden Forscher jedes Jahr wie viele andere Forscherzweierteams festgelegte Stichprobenpunkte im Wald an, um vorher gekennzeichnete Baumkronen zu begutachten. Ihre gesammelten Daten fließen in den Waldzustandsbericht 2019. Im Herbst soll er erscheinen. Darin wird stehen, wie es dem Wald aktuell geht. Die ersten Beobachtungen lassen nichts Gutes erwarten.

Die Forscher machen sich Sorgen um den Wald

Meining und Hoch sind jetzt täglich draußen. Aus den Bewegungen der Forscher spricht die Routine: Mit Insektenschutzmittel einsprühen, Ferngläser um den Hals hängen, noch einen Schluck aus der Wasserflasche. Los geht’s in knöchellangen braunen Hosen, T-Shirts und Wanderschuhen. Seit knapp drei Wochen stapfen sie täglich durch den Wald. Tauchen ein in eine Welt, die wie keine andere für unverfälschte Natur steht. Auch an diesem Morgen strahlt dieser Ort Ruhe und Frieden aus. Das Licht fällt sanft durch die Baumkronen. Es herrscht angenehme Stille, nur eine einsame Grille zirpt vor sich hin.

Ich bin schon überrascht, wie schwer sich die Buche gerade tut.

Stefan Meining,;Forstwissenschaftler

Lesen Sie hier: Rettet den Wald: Warum der Klimawandel unsere Wälder bedroht

Gegen halb zehn erreichen sie den Stichprobenpunkt. Es handelt sich um einen Pflock, der in den Boden getrieben wurde. Ihn umgeben 24 markierte Bäume, verteilt in allen vier Himmelsrichtungen. Die beiden Forscher messen die Baumkronendichte in 5-Prozent-Stufen: Null Prozent entspricht einer voll belaubten Baumkrone; 100 Prozent meint einen toten Baum. Je niedriger die Prozentzahl, desto mehr Laub trägt der Baum. Je dichter die Krone, desto vitaler der Baum. Der Buche am Stichprobenpunkt geht es offensichtlich nicht gut. Ein Einzelfall? Auch wenn die Forscher erst warten wollen, bis der endgültige Bericht im Herbst vorliegt, machen sie sich Sorgen. Kränkelnde Buchen sind ein Phänomen, das man in dieser Vielzahl bislang nicht kannte. Die Dürre plagt sie.

Borkenkäfer fallen über Buchen her

Die vergangenen Jahre waren für den Wald eine Herausforderung: Wetterextreme – erst Dauerregen und Sturm, dann Hitze – haben ihm zugesetzt. Der Jahrhundertsommer 2018 dann lieferte ideale Bedingungen für Borkenkäfer, die sich nun über die Bäume hermachen können.

Roland Hoch zückt ein Messer und treibt es unter die Rinde eines gefällten Baumes am Wegrand. Die abgetrennte Rinde gibt dem Blick frei auf ein typisches Brutbild des Borkenkäfers. Die freigelegten Larven leben noch und zappeln in den kleinen Gängen, die von der sogenannten Rammelkammer, in die die Borkenkäfermännchen die Weibchen locken, rechts und links abzweigen. Dass die Larven direkt unter der Rinde aufwachsen, hat seinen Grund: Dort gelangen sie an die wertvollen Nährstoffe des Baumes. Dort kappen sie jedoch auch die Leitbahnen des Baumes und hindern ihn daran, ungestört Wasser hoch- und runterzutransportieren. Eigentlich kämpfen vor allem Fichten und Tannen mit dem Borkenkäfer. „Dass jetzt immer öfter der Buchenborkenkäfer an die Buchen geht, ist kein gutes Zeichen“, sagt Hoch.

Lesen Sie hier: Borkenkäfer 2019: Was macht er und wieso ist er so schädlich für unsere Wälder?

Lässt sich der Wald noch retten?

Eine Buche im Trockenstress klappt als Erstes die Blätter zusammen, um weniger Verdunstungsfläche anzubieten. Die Blätter bilden dann eine typische Schiffchenform. Hilft das nicht, wirft sie ihr Laub komplett ab. „Nährstoffe, die eigentlich in den Stamm vom Blatt zurückfließen sollten, gehen so verloren“, sagt Roland Hoch.

Dass ausgerechnet sie – die Mutter des Waldes – an vielen Orten dahinsiecht, alarmiert selbst Wissenschaftler, denen Panikmache missfällt. „Ich bin schon überrascht, wie schwer sich die Buche gerade tut. Immerhin ist sie hier heimisch“, sagt Stefan Meining auf der Rückfahrt und weist auf braune und rostrote Baumwipfel in den Waldhängen des Attentals.

Weil sich die Lage allmählich sichtlich zuspitzt, stellt sich eine Frage mit neuer Dringlichkeit: Lässt sich der Wald, so wie man ihn kennt, noch retten?

Deutschland sucht nach dem Baum für die Zukunft

An vielen Orten Deutschlands hat mittlerweile ein Casting der anderen Art begonnen: „Deutschland sucht den Superbaum“. Forscher fahnden nach Bäumen, die widerstandsfähig genug sind, um dem Klimawandel zu trotzen, und dabei gleichzeitig viel CO₂ binden, sprich: dicke Stämme haben und eine große Höhe erreichen. Der Baum der Zukunft muss anpassungsfähig sein, resistent gegen Trockenheit, Schädlinge und Hitze, er muss sich schnell von Dürren erholen, viel CO₂ binden und obendrein noch Erträge erwirtschaften.

Der Freiburger Forstwissenschaftler Martin Kohler – olivgrüne Arbeitshose, weinrotes T-Shirt, Käppi – hat schon seit zwölf Jahren ein paar Kandidaten im Blick. Seit 2008 wachsen auf einem ehemaligen Acker der Stadt Freiburg Bäume, die in Zukunft eine wichtige Rolle spielen könnten. Auf dieser Versuchsfläche recken 14 verschiedene Baumarten ihre Wipfel in den Himmel – oder 8700 Bäume, die jährlich Daten abwerfen. Die drei Hektar große Fläche ist aufgeteilt in 56 sogenannte Plots. Jeder Plot ist 500 Quadratmeter groß. Ein Flickenteppich der Baumvielfalt.

Lesen Sie hier: Interview mit Peter Wohlleben: Waldsterben in Deutschland – das sind die wahren Probleme

Auf den einzelnen Plots stehen einheimische Baumarten wie Buchen, Eschen, Kiefern direkt neben eingeführten wie Douglasie, Roteiche, Zerreiche und Robinie. Dass der Boden auf dem diese Bäume stehen recht homogen ist, erleichtert den Forschern die Vergleichbarkeit und macht dieses Projekt einzigartig. Alle Bäume – ob heimisch oder fremd – finden hier ähnliche Bedingungen vor. So kann Martin Kohler genau beobachten, welche Bäume die Hitze besser aushalten, sich schneller erholen.

Das Vermessen eines Ökosystems ist kompliziert

Wie kompliziert das Vermessen eines Ökosystems sein kann, zeigt sich schon zu Beginn der Exkursion: Martin Kohler entsteigt dem Wagen, den er an einem Feldweg zurücklässt, mit einem Stapel an eingeschweißten Diagrammen, Tabellen und Karten, die zusammengerollt unter seinem Arm klemmen. Auf einem Pfad – vom wenigen Regen des Vortags noch feucht – läuft er in Richtung Wald. Pfützen, Brennnesseln, Eidechsen – Kohler scheint all dies nicht wahrzunehmen. Er redet von Staunässe, Anwuchsprozenten und innerortlicher Konkurrenz.

Als er das Dickicht verlässt, auf einen straßenbreiten Grasstreifen hinaustritt, erstreckt sich der Jungwald vor ihm. Dicht und grün. Rasch findet Kohler einen Zugang und taucht ein in eine Welt aus weichen Schatten, Kühle und blinzelnden Lichtstrahlen, die nicht so recht zu der Geräuschkulisse im Hintergrund zu passen scheinen: dem nicht abreißenden Dröhnen der A5.

Nach ein paar Metern hält Kohler vor einer Zerreiche. Er streckt den Arm aus und zieht einen Ast zu sich heran. Die Ränder der ovalen Blätter bilden tiefe Buchten, an deren Ende die filigranen Seitenrippen münden, welche das Blatt wie Adern durchziehen. Die aus Kleinasien stammende Eichenart kann bis zu 200 Jahre alt werden und eine Höhe von 35 Metern erreichen. Sie bevorzugt sommerwarme, nährstoffreiche Böden.

Den einen Superbaum gibt es nicht

Schon zu Beginn der Exkursion macht Kohler klar, dass er keine konkrete Baumart nennen wird, die eine Alternative zu den bestehenden Baumarten darstellt. Den einen Superbaum gibt es also nicht. Dafür sei es zu früh, der Wald noch zu jung. Er und sein Team müssten die Bäume länger beobachten. Seine Begeisterung für die Zerreiche kann er dennoch nicht verbergen.

Selbst wenn wir glauben, den Baum gefunden zu haben, dann ist noch nicht gesagt, wie Insekten, Vögel und andere Pflanzenarten darauf reagieren.

Martin Kohler,;Forstwissenschaftler

Nachdem er seine Unterlagen auf dem Waldboden ausgebreitet hat, zieht Kohler nach einigem Stöbern ein Diagramm hervor. Mithilfe der Grafik erläutert er die bisherigen Messungen. Zusammenfassend lasse sich sagen, dass die Zerreiche die Feinwurzeln auch in tieferen Bereichen angelegt habe als die heimische Stieleiche; eine höhere Fotosyntheseleistung vor allem nach den vergangenen trockenen Sommern aufweise, entsprechend also mehr CO₂ binde und eine recht hohe Transpirationsrate habe, sagt Kohler. Kunstpause. Seine ohnehin hoch angesetzten Augenbrauen, steigen noch ein bisschen höher. Er wirkt selbst erstaunt über die Vorzüge der Zerreiche.

Um die Wurzelbildung zu untersuchen, entnehmen die Forscher regelmäßig sogenannte Bodensäulen. Stoßen sie auf viele feine Wurzeln, die auch mal tiefer reichen, ist das ein Hinweis darauf, dass der Baum auch in trockenen Perioden gut Wasser ziehen kann.

Lesen Sie hier: Der „Kollaps“ droht – so soll das Waldsterben verhindert werden

Wie gut die Bäume klarkommen, lässt sich noch genauer an den Wachstumsreaktionen ablesen. Diese messen die Forscher über Bohrkerne. Dazu entnehmen sie dem Stamm des zu beprobenden Baumes eine Holzsäule. Der Abstand der Jahresringe gibt Aufschluss über die Wachstumsraten. Auch hier stellten die Zerreichen auf dem Universuchsgelände ihre Resistenz und Anpassungsfähigkeit unter Beweis.

Die Robinie - ein aussichtsreicher Kandidat

Von fünf angepflanzten Eichenarten war sie die einzige, die nach Trockenzeiten ein Wachstumsplus zu verzeichnen hatte. Noch einen weiteren vielversprechenden Kandidaten stellt Martin Kohler vor: die Robinie. Er pirscht sich weiter durch den Wald vor und bleibt plötzlich stehen: „Das ist eine Baumart, die recht interessant ist, denn sie wächst in ihrer Jugend recht schnell und bietet viel Biomasse. Sie bindet also viel CO₂, bringt den Waldbauern Erträge und produziert recht verwitterungsresistentes Holz.“ Nachteil der Robinie: Wenn sie genug Licht bekommt, ist sie kaum mehr zurückzudrängen – und nimmt den anderen Baumarten die Sonne. Das muss man eben wissen und sie nicht in Waldhainen anpflanzen. Jetzt klettert Martin Kohler auf ein Gerüst, das etwas deplatziert mitten im Wald steht. Vier dieser mobilen Plattformen gibt es. Sie ermöglichen den Forschern einen Blick auf die Baumkronen. Doch die Robinie hat das Gerüst längst überholt.

Martin Kohler klettert die Sprossen hoch. Oben lehnt er sich ans Geländer: „Selbst wenn wir glauben, den Baum gefunden zu haben, dann ist noch nicht gesagt, wie Insekten, Vögel und andere Pflanzenarten darauf reagieren. Wir müssen versuchen, das ganze Ökosystem mitzudenken“, sagt er.

Um den Wald für den Klimawandel fit zu machen, muss man jetzt handeln

Es ist also kompliziert mit dem Wald. Denn selbst wenn sich unter den mediterranen Baumarten welche finden, die eine echte Alternative zu den bedrohten heimischen Waldbäumen darstellen – es kostet Jahrzehnte, bis Bäume ausgewachsen sind. Um den Wald für den Klimawandel fit zu machen, müssen die verantwortlichen Personen jetzt handeln.

Lesen Sie hier: Können Bäume das Klima retten?

Freie Wahl haben die Förster dabei aber nicht: EU-Richtlinien und die Standards der Waldzertifizierung geben ganz klar vor, dass in ausgewiesenen Habitatwäldern nur mit überwiegend „natürlicher Vegetation“ verjüngt werden darf. Also idealerweise vornehmlich mit den heimischen Bäumen. Das heißt: In ursprünglichen Eichenwäldern sollten auch nur Eichen gepflanzt werden.

Ob Hochleistungsbäume, die viel Ertag abwerfen, wie die umstrittene Douglasie in großem Stil angepflanzt werden dürfen, wird sich also erst noch zeigen müssen. Eines ist jedoch klar, den einen Superbaum gibt es nicht: Es braucht einen Mix aus verschiedenen Baumarten. Denn nur ein vielfältiger Wald ist robust genug, um dem Klimawandel zu trotzen.

Von Nadine Zeller/RND

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