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Nachrichten Wissen Fachkräftemangel: Handwerk bietet Alternativen zum Studium
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04:00 03.06.2019
Das Handwerk bietet gute Alternativen zu einem Studium. Quelle: (c) dpa-Zentralbild
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Hannover

Zugegeben, die Frage ist ziemlich provokativ: „Und? Was hast du heute gemacht?“ Sie entstammt der aktuellen Werbekampagne des deutschen Handwerks und unterstellt dem Gefragten, dass er eigentlich nichts gemacht hat. Jedenfalls nichts Richtiges; nichts, was man am Ende mit den Händen berühren und emotional und materiell wertschätzen könnte. Die Werbung – meist als Plakat gedruckt – berührt den Beobachter, aber nicht so, wie es sich die Macher wünschen. Das Handwerk wird vom Fachkräftemangel geplagt. Laut Bundesagentur für Arbeit fehlen dort etwa 150 000 qualifizierte Mitarbeiter. Und dies sind nur die offiziellen Zahlen. Viele Betriebe haben es nach Einschätzung von Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), längst aufgegeben, nach Fachkräften zu suchen, und melden ihren Bedarf daher gar nicht mehr bei den Arbeitsagenturen an. Wollseifer schätzt die Zahl der Handwerker, die gesucht werden, eher auf 250 000.

Handwerk: Lehrstellen haben an Glanz verloren

Auch bei den Schulabgängern hat die Lehrstelle an Glanz verloren. 1997 wurden noch rund 633 000 Ausbildungsverträge abgeschlossen; 2018 waren es gerade noch 368 000. Die geburtenschwachen Jahrgänge treffen die Branche. Hinzu kommt aber eben auch ein negatives Image, das für Jugendliche abschreckend wirkt. Das hat auch das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) ermittelt. „Jugendliche achten darauf, welche Folgen der gewählte Beruf für ihre soziale Identität hat“, heißt es in einem BIBB-Bericht. Im Klartext: Reicht für die Ausbildung der Hauptschulabschluss, dann haben Schulabgänger laut BIBB die Sorge, bei ihren Mitmenschen als „ungebildet, wenig intelligent und einkommensschwach“ eingeordnet zu werden. Früh aufstehen, hart arbeiten, wenig verdienen – Handwerksberufen haftet immer noch der Makel des Malocherjobs an. Das Ergebnis: 2018 blieben bundesweit etwa 17 000 Ausbildungsplätze unbesetzt.

Fachkräftemangel im Handwerk: Daten und Fakten

1 000 000 Handwerksbetriebe, 95 712 bestandene Gesellenprüfungen, 85 Prozent der Deutschen vertrauen dem Handwerk, 5,4 Millionen Beschäftigte, 21 266 Meisterprüfungen, 85 235 Gründungen, 363 000 Lehrlinge, 581 Milliarden Euro Umsatz, Frauenanteil an den Lehrlingen im Handwerk: 21,1 Prozent, Anteil der Lehrlinge mit Hauptschulabschluss: 39 Prozent

Dabei sind die Fakten längst andere. Arbeit im Handwerk bietet, so betont Wollseifer, „sehr gute Zukunfts- und Aufstiegsperspektiven“. Die Umsätze steigen seit Jahren; die Auftragsbücher sind prall gefüllt – so prall, dass etwa die staatliche Förderbank KfW mahnt, die jährlich benötigten 400 000 neuen Wohnungen könnten nicht gebaut werden, weil Handwerker fehlten. Doch während sich Lehrlinge im Maurer- oder Zimmererhandwerk über eine Ausbildungsvergütung von etwa 1500 Euro im Monat und nach bestandener Prüfung über eine Festanstellung freuen können, häufen Studenten oft Bafög-Kredite an und hangeln sich nach dem Examen von Zeitvertrag zu Zeitvertrag.

Fachkräftemangel im Handwerk: Berufsabitur soll für Ausgleich sorgen

Für das Handwerk wird es zum Problem, dass es in Deutschland nach den Daten des Statistischen Bundesamtes einen „Trend zur Höherqualifizierung“ gibt. Immer mehr Jugendliche verlassen die Schule mit Abitur oder Fachabitur. Das Ziel ist ein Studium. Eine Ausbildung in den mehr als 130 Ausbildungsberufen des Handwerks erscheint dann als „risikoreiche Verschwendung des Bildungsaufwands“. Auch Eltern und Lehrer raten oft, einen möglichst hohen akademischen Abschluss zu erzielen. „Könnte man Friseur studieren, wäre für viele die Welt bereits in Ordnung“, heißt es in einer Studie der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung.

Um das Ungleichgewicht zwischen beruflicher und akademischer Bildung etwas auszugleichen, haben sich die Bundesländer in Abstimmung mit dem Handwerk das Berufsabitur einfallen lassen. In vier Jahren erlangen Jugendliche dabei nicht nur die Hochschulreife, sondern schließen auch eine Berufsausbildung ab. Der ZDH wünscht sich auch mehr duale Studiengänge, also Gesellenbrief plus akademischer Abschluss, oder auch triale Studiengänge, in denen nicht der Gesellen-, sondern gleich der Meisterbrief erworben wird. Gefordert wird zudem, dass die Meisterausbildung, ähnlich einem Studium, kostenfrei wird.

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Sicherung von Fachkräften: Rückkehr zur Meisterpflicht gefordert

Von der Politik wünscht sich das Handwerk seit Längerem mehr Unterstützung – auch mit Blick auf die Sicherung von Fachkräften. Erwartet wird, dass vom Gesetzgeber eine Rückkehr zur Meisterpflicht festgesetzt wird. Im Jahr 2004 war diese in mehr als 50 von 94 Berufen weggefallen – etwa für Gold- und Silberschmiede oder Fliesenleger –, um mehr Gesellen den Schritt in die Selbstständigkeit zu ermöglichen. Seither habe es eine „Spirale der Dequalifizierung“ gegeben, kritisiert Holger Schwannecke, Generalsekretär des ZDH. Betriebe ohne Meisterbrief bildeten kaum aus, zudem werde nicht unbedingt nach Qualitätsstandards gearbeitet.

Nachdem sich jüngst eine Arbeitsgruppe der Fraktionen von Union und SPD im Bundestag auf Eckpunkte für eine Änderung der Handwerksordnung verständigt hat, rückt eine Rückkehr zur Meisterpflicht für viele Berufe näher. Im Sommer soll dazu ein Gesetzentwurf erarbeitet werden. Das Handwerk hofft, dass Anfang 2020 ein neues Gesetz zur Ausdehnung der Meisterpflicht in Kraft treten kann.

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Kritik: Imagekampagnen des Handwerks allein reichen nicht aus

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisiert, Imagekampagnen des Handwerks allein reichten nicht aus. „Ohne mehr Tarifbindung und bessere Arbeitsbedingungen wird eine Ausbildung im Handwerk auch in Zukunft nicht attraktiver werden“, sagt Vorstandsmitglied Stefan Körzell. Aktuell arbeiteten nur etwa 30 Prozent der Beschäftigten unter tarifvertraglichen Bedingungen. Die Gewerkschaften dürften sich mit ihren Forderungen nicht nur an der Industrie orientieren, kontert Schwannecke. Diese könnten von Kleinbetrieben nicht erfüllt werden.

Zur Wahrheit des Nachwuchsproblems bei der „Wirtschaftsmacht von nebenan“, wie sich das Handwerk selbst nennt, gehört aber auch, dass sich nicht nur viele Schulabgänger wählerisch bei der Berufswahl zeigen, sondern auch viele Meister bei der Auswahl von Bewerbern. Wer keine guten Zeugnisse hat, erhält oft kein Vorstellungsgespräch, auch wenn er mit den Händen geschickt ist. Das Ergebnis: Die Zahl der Jugendlichen, die keine Lehrstelle finden, hat sich seit 2010 verdoppelt. Die Imagekampagne des ZDH dürfte auf sie wie Hohn wirken.

Meisterkurse: Worauf bei der Wahl zu achten ist

Wer für den Meisterbrief die vier Teile Fachpraxis, Fachtheorie, Betriebswirtschaft und Recht sowie Berufs- und Arbeitspädagogik erfolgreich absolviert, hat eine Qualifikation, die dem Bachelorabschluss an der Uni entspricht. Doch anders als die Prüfung an sich ist die Vorbereitung darauf nicht gesetzlich geregelt. Dafür gibt es bei verschiedenen Bildungseinrichtungen Meisterschulen oder Meisterkurse. Doch wie finden Gesellen die passende Fortbildung?

Der ZDH empfiehlt, zunächst zu prüfen, ob die Schule zu den individuellen Zielen passt. Für einen Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik können die betriebswirtschaftlichen Inhalte im Lehrplan zum Beispiel besonders wichtig sein – etwa weil er den elterlichen Betrieb übernehmen möchte. Dagegen legt ein Konditorgeselle womöglich großen Wert darauf, bestimmte handwerkliche Techniken zu vertiefen.

Da es keine festen Qualitätskriterien für die Meistervorbereitungskurse gibt, ist es nicht immer einfach, gute Angebote zu erkennen. „Man sollte sich die Kurse ganz genau ansehen“, empfiehlt Julia Kuhnt, Weiterbildungsberaterin bei der Handwerkskammer Potsdam. „Die Lehrzeit und die Inhalte sollten in vernünftiger Relation zueinander stehen.“ Da gebe es große Unterschiede. Seinen Meister in möglichst kurzer Zeit abzuschließen ist nicht alles. Viel wichtiger sei es, „dass die Teilnahme auf das Leben als Meister vorbereitet und man selbstbewusst in die Karriere geht“, meint Kuhnt.

Daher gelte: Nicht nur auf prüfungsrelevante Aspekte achten, sondern auch auf Inhalte, die später im Beruf wichtig sind. Auch die Frage, ob sich die Vorbereitung über das Aufstiegs-Bafög finanzieren lässt, kann die Entscheidung beeinflussen. Wer die Wahl hat, sollte sich die Schulen vor Ort einfach mal ansehen.

Von RND / Alexander Dahl

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