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Nachrichten Wissen Fachkräftemangel: Notstand in der Pflege
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12:29 31.05.2019
Der Fachkräftemangel in der Pflege ist dramatisch. Mittlerweile kommen viele Beschäftigte aus dem Ausland. Quelle: ©godfather - stock.adobe.com
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Hannover

Melissa Salazar fällt auf an ihrem Arbeitsplatz. „Guckt mal, wie fröhlich sie immer ist“, sagen die Senioren immer wieder, und ihre Kollegen antworten dann: „Jaja, sie kommt ja auch aus Südamerika.“ Melissa Salazar ist 23 Jahre alt, an der Karibikküste Kolumbiens groß geworden und nun in dem kleinen, saarländischen Ort Quierschied, um das zu tun, was hierzulande die wenigsten wollen: Altenpflegerin werden. Nach dem Abitur (Schwerpunkt Buchhaltung) und einem angefangenen Studium (International Business) folgte sie ihrem Bruder nach Saarbrücken, weil sie mehr Sicherheit wollte, eine Perspektive und einen Beruf „mit mehr Menschenkontakt“. So erzählt es Melissa Salazar, grauer Kapuzenpulli, schwarze Locken, im Bistro der ehemaligen Knappschaftsklinik Quierschied – einst Heilstätte für die hunderttausend Bergleute der Region, ein Riesenareal mitten im Wald, 1907 errichtet mit dem Prunk der Kaiserzeit. Ein Teil der Gebäude steht heute vor dem Verfall, etwa das ehemalige Leichenschauhaus; ein Teil wird noch immer benutzt, etwa die Abteilung der Inneren samt OP-Trakt – und einige Gebäude werden gerade erneuert, so wie das alte Geburtshaus, in dem selbst die moosgrünen Wandfliesen denkmalgeschützt sind. Seit Jahren investiert die Victor’s-Gruppe in diesen Standort, ein mit mehr als 120 Einrichtungen in Deutschland führendes Unternehmen in der Pflegebranche. Gegründet wurde es 1977 von Hartmut Ostermann, den schon zu Zivildienstzeiten die Frage umtrieb, wie man Altenpflege besser machen kann, so erklärt er es selbst.

Fachkräftemangel in der Pflege: 24 000 Stellen unbesetzt

Während Ostermanns Gedanken damals noch als Luxussorge abgetan werden konnten, steht die Gesellschaft heute vor grundlegenderen Problemen. Die Zahl der Pflegekräfte steigt nicht annähernd so schnell wie die der Pflegebedürftigen. Experten zeichnen seit Jahren ein düsteres Bild: 3,4 Millionen Ältere sind schon heute auf Pflege angewiesen, ob stationär, ambulant oder durch Angehörige. 2045 soll es laut Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos fünf Millionen Pflegebedürftige geben. Schon jetzt sind knapp 24 000 Stellen in der Altenpflege unbesetzt. Laut Bundesagentur für Arbeit dauert es im Schnitt 183 Tage, bis Heimbetreiber eine freie Pflegestelle neu besetzen können. Und die trifft es grundsätzlich härter als die Krankenhäuser, was auch an dem deutlichen Lohngefälle liegen mag: Während eine Pflegefachkraft im Krankenhaus im Schnitt 3314 Euro verdient, sind es im Altenheim gerade einmal 2746 Euro im Monat.

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Versorgung: Wer wird uns pflegen?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte schon im Sommer 2018 gesagt: „In Deutschland ist es kaum mehr möglich, ein Krankenhaus oder eine Pflegeeinrichtung ohne ausländische Pflegekräfte zu betreiben.“ Die Victor’s-Gruppe bekommt das längst selbst zu spüren. Unternehmer Ostermann, Visionär, Funktionär und „Big Spender des Saarlands“, wie die Lokalzeitungen ihn nennen, übernahm 2013 nicht nur das gesamte Klinikareal in Quierschied, als die Saarland-Heilstätten GmbH es abstieß, sondern er eröffnete dort gleich eine Berufsakademie für Gesundheitswesen, eine internationale Altenpflegeschule und ein dazugehöriges Internat.

Forderung: Beschäftigungsregelung für Pflegekräfte aus EU- und Drittstaaten

85 Schüler aus Bosnien, Marokko, Mexiko, Kolumbien, Algerien, China, Brasilien, Vietnam, Ukraine, und Georgien besuchen derzeit die Europäische Fachschule für Altenpflege (ESFA), aufgeteilt in drei Jahrgänge, der erste wird diesen Herbst fertig, zu dem auch Melissa Salazar gehört. Der nächste Jahrgang startet dann mit etwa 60 jungen Menschen. Die Zahl ist auch abhängig davon, wie viele Bewerber rechtzeitig ein Visum erhalten, was einer der Knackpunkte ist. Der Arbeitgeberverband fordert schon lange eine einheitliche, transparente Regelung zur Beschäftigung von Pflegekräften aus EU- und Drittstaaten. Doch um das versprochene Einwanderungsgesetz streitet die Koalition in Berlin noch immer.

Das könnte vor allem kurzfristig Abhilfe schaffen, wenn es fertig ausgebildeten Pflegekräften ihre Anerkennung in Deutschland erleichtert. Auf der Pflegeschule in Quierschied starten die Bewerber erst noch die dreijährige Ausbildung. Blockweise lernen sie in ehemaligen Ärztezimmern oder dem Speiseaal die Grundlagen der Medizin, üben in Kleingruppen den Umgang mit Patienten. Wohnen können sie in Krankenzimmern, umgebaut auf Hotelstandard, für 200 Euro inklusive Flatrate in alle Telefonnetze der Welt.

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Die 85 Pflegeschüler sind ein winziges Teilchen in der Mosaiklösung für den Fachkräftemangel. In der Pflege arbeiten zwar immer mehr Menschen ohne deutschen Pass, es reicht aber bei Weitem nicht. 3000 ausländische Pflegekräfte sind in den vergangenen Jahren durch ein staatliches Programm der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) nach Deutschland gekommen: 1600 aus den Philippinen, 750 aus Serbien und 600 aus Bosnien-Herzegowina. Auch Projekte in Tunesien, Mexiko und Brasilien sind auf dem Plan. Und ein 2012 groß angekündigtes Pilotprojekt der Bundesregierung mit China scheiterte schon daran, dass von 150 angestrebten Pflegekräften nur 39 angeworben werden konnten. Nicht einmal die Hälfte von ihnen blieb anschließend in Deutschland.

Fachkräfte aus dem Ausland: Wie kann man sie langfristig anwerben?

Melissa Salazar kommt aus Südamerika und macht in Deutschland eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Quelle: Julia Rathcke

Melissa Salazar hat von einem Freund von der Pflegeschule erfahren, als sie schon in Saarbrücken war und auf der Suche nach einer Ausbildung. Das ist eher die Ausnahme. Die Victor’s-Gruppe hat eigens eine Abteilung, die sich um Nachwuchs aus dem Ausland bemüht: Human Ressources International. Mitarbeiter besuchen Gesundheitsmessen in aller Welt, stehen mit Botschaften in Kontakt, mit Fachvermittlungsdiensten oder dem Goethe-Institut vor Ort.

Persönliche Eignung: Auswahl der Pflegeschüler aus dem Ausland

„Wir versuchen, die Schüler vorab kennenzulernen: per Telefon, Skype oder persönlich“, sagt der Geschäftsführer der Pflegeschule, Rüdiger Linsler. Auch eine Integrationsbeauftragte gibt es für die Schüler. Früher habe man Fachkräfte einfach genommen, die nach Deutschland wollen, sagt der Sprecher der Unternehmensgruppe, Peter Müller. Heute müssten potenzielle Schüler schon in ihrer Heimat Deutsch lernen, sonst könne der Stoff gar nicht vermittelt werden. „Pflege ist auch Kultur“, sagt Müller. Es gehe immer mehr um die persönliche Eignung, denselben Horizont, dasselbe Verständnis von der Arbeit für Menschen. „Sonst prallen am Ende Welten aufeinander.“

Schlechte Stimmung in der Branche

Derzeit ist die Stimmung in der Pflegebranche eher pessimistisch. So beurteilten im vergangenen Jahr etwa 29 Prozent der Befragten die Qualität der Pflege nur als „mangelhaft“ (2017: 24 Prozent). Zu diesem Ergebnis kommt der sogenannte Care-Klima-Index, eine Umfrage unter Pflegekräften, Ärzten, Pflegebedürftigen, Angehörigen sowie Vertretern von Kassen und Verbänden, den der Deutsche Pflegetag in Berlin vorstellte. Der Index wird seit 2017 erhoben. „Es hat sich seit der letzten Befragung gezeigt, dass die Stimmung in der Pflege abgekühlt ist“, sagte die Leiterin des Forschungsprojekts, Stephanie Hollaus. Obwohl das Thema Pflege im vergangenen Jahr viel diskutiert wurde, finden laut der Studie 74 Prozent der Befragten, dass dem Bereich in der Politik nicht ausreichend Beachtung geschenkt wird (2017: 69 Prozent). Auch die Arbeitsbedingungen werden von 60 Prozent der Befragten als schlecht eingestuft. Im Jahr 2017 waren es noch 51 Prozent der Befragten.

Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, hatte vor wenigen Monaten noch betont, die Pflege stehe oben auf der politischen Agenda – die bereits verabschiedeten Gesetze würden dies belegen. Mit dem im Mai erstmals im Bundestag beratenen Fachkräfteeinwanderungsgesetz sollen ausländische Fachkräfte nach Deutschland gelockt werden. Der Entwurf dafür war bereits im Dezember 2018 nach langem Ringen vom Kabinett beschlossen worden. Künftig sollen alle Fachkräfte aus Staaten jenseits der EU, die über einen Arbeitsvertrag und eine anerkannte Qualifikation verfügen, in den entsprechenden Berufen in Deutschland arbeiten können.

Salazar: „Liebe für die Pflege

In Melissa Salazars Welt ist – wie in so vielen Ländern – Pflege Familienangelegenheit. „In Kolumbien kennt man den Beruf Altenpflegerin gar nicht“, sagt sie. Ziehen Geschwister weg für den Job, kümmert sich eben der andere. „Wir machen das aus Liebe.“ Von Deutschland aus schickt sie Geld nach Hause, das machen sie alle, sagt die Schülerin, sie alle verdienen von Anfang an rund 1000 Euro brutto im Monat und haben eine gute Übernahmechance. „Arbeitslos werden wir nicht“, sagt Salazar, „aber hoffentlich arbeiten wir irgendwann unter besseren Bedingungen.“ Zu wenig Personal, Überstunden, kaum Zeit mit der Ausbilderin – in der Praxis spürt die 23-Jährige die Belastung der Branche.

Und trotzdem will Melissa Salazar Altenpflegerin in Deutschland sein. „Viele wollen im Krankenhaus arbeiten, sie denken, Altenpflege ist nur waschen und füttern.“ Dabei sei es umgekehrt. Im Krankenhaus ist die Zeit beschränkt, der Aufenthalt, Menschen gehen zurück nach Hause – oder in ein Pflegeheim. Dort bleiben sie. Dort geht es darum, sie zu mobilisieren, zu motivieren, ihr Lebensende zu verschönern. Salazar erinnert sich an eine alte Dame, die in ihrem Zimmer blieb, Tag ein, Tag aus. „Nein, ich will nicht raus, da sind zu viele Menschen“, meckerte sie. Am Ende der Woche schlug Melissa Salazar vor, in den Garten zu gehen. Seitdem bleibt die alte Dame keinen Tag mehr nur auf ihrem Zimmer.

Von RND / Julia Rathke

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