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Wissen Masern-Epidemie in Südsudan: Kinder sterben trotz Impfung
Nachrichten Wissen Masern-Epidemie in Südsudan: Kinder sterben trotz Impfung
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08:25 25.04.2019
Eine Arzthelferin bereitet in einer Arztpraxis eine Masernimpfung vor. Quelle: Lukas Schulze/dpa
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Kuajok

Niedergeschlagen zeigt Akon Mathiong auf zwei Erdhügel. Darunter liegen ihre Enkel begraben. Sie starben im März an den Folgen einer Masern-Infektion - im Alter von vier und fünf Jahren. „Jedes Mal, wenn ich die Gräber sehe, muss ich weinen“, sagt Mathiong. Was für die Südsudanesin besonders tragisch ist: Die beiden Kinder waren eigentlich geimpft.

Ähnlich wie andere Regionen der Welt erlebt auch der Südsudan im Moment einen Masern-Ausbruch. Seit Januar wurden mehr als 750 Infektionen und sieben Tote registriert - fast sechsmal mehr als im gesamten vergangenen Jahr. Die Zahlen sind zwar niedriger als in einigen anderen Ländern. Doch Fälle wie die der Mathiong-Enkel wecken einen beunruhigenden Verdacht.

Auf globaler Ebene ist die Zahl der Masern-Fälle nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO gegenüber den ersten drei Monaten des Vorjahres um 300 Prozent gestiegen. Betroffen sind sowohl Industrie- als auch Entwicklungsländer. Doch anders als in Europa, wo Fehlinformationen manche Eltern zu „Impfgegnern“ gemacht haben, ist das Problem in Afrika vor allem mangelnde Verfügbarkeit.

Das gilt gerade auch für den Südsudan: Nach fünf Jahren Bürgerkrieg ist die Versorgungslage in dem Land katastrophal.

Ausbreitung trotz Notimpfkampagne

Die Übertragung der Masern-Viren erfolgt zum Beispiel durch Husten und Niesen oder durch Kontakt mit kontaminierten Oberflächen. Bei Kindern, die unterernährt sind oder ein geschwächtes Immunsystem haben, kann es zu lebensbedrohlichen Komplikationen kommen. Bei Unterernährung sinkt zugleich die Wahrscheinlichkeit, dass die Impfstoffe ausreichenden Schutz bieten.

Im Südsudan breitet sich die Krankheit aus, obwohl in den zwölf besonders betroffenen Bezirken eine Notimpfkampagne gestartet wurde. Einige Bewohner der Bezirke sowie Vertreter der örtlichen Behörden zweifeln deswegen an der Wirksamkeit der Medikamente. „Diese Kinder waren geimpft und sind trotzdem gestorben. Ich frage mich daher, ob der Impfstoff funktioniert“, sagte John Garang Ajak, der Onkel der beiden Jungen, der Nachrichtenagentur AP. Mindestens zwei weitere Kinder seiner Familie hätten sich ebenfalls trotz einer Impfung infiziert.

Bei einem Besuch in der Stadt Kuajok konnte die AP in den konkreten Fällen zwar nicht von unabhängiger Seite prüfen lassen, ob die Kinder tatsächlich geimpft worden waren. Aber das medizinische Personal des örtlichen Krankenhauses bestätigte, dass so etwas vorkomme. Seit Januar habe er mehr als zehn solche Fälle gehabt, sagte Garang Nyuol.

Impfstoff kann nicht dauerhaft gekühlt werden

Die Impfstoffe gegen Masern müssen bei Temperaturen zwischen zwei und acht Grad Celsius gelagert werden. Am Krankenhaus von Kuajok, der bedeutendsten medizinischen Einrichtung des südsudanesischen Bundesstaates Gogrial, ist die Stromversorgung - und damit die Kühlung - aber nicht durchgehend gesichert. Mehreren Mitarbeitern zufolge stehen die verfügbaren Generatoren oft für mehrere Stunden oder gar Tage am Stück still.

Die Behörden sind sich des Problems bewusst: „Ich mache mir Sorgen um die Wirksamkeit des Impfstoffs“, sagte Chok Deng, Generaldirektor des Gesundheitsministeriums von Gogrial, der AP. Er habe die WHO und das UN-Kinderhilfswerk Unicef um Hilfe gebeten. Dort sei ihm versichert worden, dass an der Sache gearbeitet werde.

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Von Unicef stammt im Südsudan nicht nur der Großteil der Impfstoffe. Auch die für die Lagerung vorgesehenen Kühlgeräte mit zugehörigen Generatoren werden von der Organisation zur Verfügung gestellt. Die Systeme sind so ausgelegt, dass ihr Betrieb bei Stromausfällen 16 Stunden lang ohne externe Versorgung gewährleistet bleiben soll. Die Organisation führe regelmäßig Wartungen durch und habe „keine Berichte über Störungen bei den Generatoren in Kuajok erhalten“, sagt Penelope Campbell, die bei Unicef im Südsudan den Bereich Gesundheit leitet.

Laut Ujjiga Thomas, der die Aktivitäten der WHO in Kuajok koordiniert, ist im örtlichen Krankenhaus „zu keinem Zeitpunkt die Kühlkette unterbrochen worden“. Wenn die Versorgung der eigentlichen Kühlräume ausfalle, bringe das Personal die Impfstoffe in kleine, mobile Kühlgeräte. „Wenn wir die vorgesehenen Lagertemperaturen nicht einhalten, kann das die Wirksamkeit des Impfstoffs beeinträchtigen“, sagt der WHO-Impfexperte Alhassane Toure.

In vielen entlegenen Regionen des Landes kommt es aber offenbar durchaus zu Problemen. Das geht aus internen Dokumenten der im Südsudan tätigen Hilfsorganisationen hervor. In einem im April verfassten Bericht, den die AP einsehen konnte, wird auf einen Mangel an „qualifizierten Kältetechnikern“ für die Instandhaltung verwiesen.

Regenzeit wird Situation verschlechtern

Bei einem Besuch des Krankenhauses in Kuajok wurde auch deutlich, wie die generellen Zustände die Eindämmung des Masern-Ausbruchs erschweren. Jede Krankenschwester hatte 50 Patienten zu versorgen. Weil es im Isolationszelt viel zu heiß war, lagen die Infizierten über das gesamte Gelände verteilt auf dem Boden, was die Gefahr von weiteren Übertragungen erhöhte.

Nach Angaben des südsudanesischen Gesundheitsministeriums sind bisher nur 59 Prozent der Kinder unter fünf Jahren gegen Masern geimpft. Und im Mai beginnt die Regenzeit. Dann dürfte es für die Hilfsorganisationen noch schwieriger werden, entlegenere Siedlungen zu erreichen.

Im Dorf von Amel Makir, das zu Fuß drei Stunden von Kuajok entfernt liegt, wurden bisher keine Impfstoffe verteilt. Jetzt hat ihr einjähriger Sohn Masern. Der Junge ist zu schwach geworden, um von der Brust zu trinken. „Das ist seit sechs Tagen so und sein Zustand verbessert sich nicht“, sagt Amel Makir. „Ich fürchte, dass es ihm immer schlechter gehen wird.“

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Von RND/AP