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Wissen Polyamorie im Ehebett: „Achtung, hier läuft gerade was“
Nachrichten Wissen Polyamorie im Ehebett: „Achtung, hier läuft gerade was“
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14:01 03.09.2019
Eine Beziehung mit mehreren Partnern? Für Kolja und Katja kein Problem.
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Nachdem Katja ihre Einkäufe im Kühlschrank verstaut hatte, öffnete sie die Schlafzimmertür – und sah Kolja und die andere Frau nackt und in rhythmischen Bewegungen. In ihrem Ehebett. Sie schloss die Tür und atmete tief durch. Was danach passierte, passt in keinen Hollywoodfilm. Katja tobte nicht und verstummte nicht, sie zerkratzte nicht den Lack seines Autos und packte ihre Koffer nicht.

In Seelenruhe schrieb sie auf ein Pappschild „Achtung, hier läuft gerade was!“ und bat ihren Langzeitfreund, das Schild bei nächster Gelegenheit an die Schlafzimmertür zu hängen. „Nur damit ich vorgewarnt bin! Dass die beiden ihren Sex genießen, gönne ich ihnen ja“, sagt sie heute und schaut nachdenklich zu Kolja und Kerstin, die händchenhaltend auf dem Sofa sitzen. „Aber ich will nicht unvorbereitet hineinplatzen, dann fühle ich mich ausgegrenzt, obwohl ich keine Lust habe mitzumachen.“ Das Achtung-Schild kommt seitdem ziemlich oft zum Einsatz in dem großen Frankfurter Haus.

Ein einziger Mensch kann und muss nicht alles sein.

Schon zu Beginn ihrer Beziehung vor etwa 24 Jahren setzten sich Katja und Kolja an den Küchentisch und überlegten, wie sie ihren Bedürfnissen gegenseitig gerecht werden können. „Ich glaube nicht, dass ein einziger Mensch alles für mich sein kann und muss“, sagte Kolja damals. „Beste Freundin, Liebhaberin, Reisegefährtin, Mitbewohnerin, Mutter meiner Kinder.“ Schon als Student verliebte er sich in zwei Frauen gleichzeitig. „Das Herz ist groß genug, warum dieser Druck, einen einzigen Menschen mit allen Bedürfnissen zu überfrachten?“ So schlug er Katja, mit der er seit 2002 auch verheiratet ist, vor, ihre Beziehung zu öffnen, sich nicht mit Haut und Haaren gehören zu wollen.

Heute sitzt er im T-Shirt, unter dem sich ein kleiner Entspannungsbauch abzeichnet, zwischen seinen beiden festen Partnerinnen, zwischen Katja und Kerstin. Kerstin ist die Frau aus dem filmreifen Schlafzimmerszenario, das mittlerweile vier Jahre her ist. Mit ihren kurzen Haaren und der rechteckigen schwarzen Brille ist sie rein äußerlich der Gegenentwurf zu Katja. „Total verschossen“ ist er in Kerstin, immer wieder berühren Koljas Hände ihren Rücken und erzählen von der Sehnsucht ihrer Fernbeziehung. Weil Kerstin in Hamburg als Buchhalterin arbeitet, treffen sie sich nur alle drei Wochen. In Kerstins Drei-Zimmerwohnung müssen sie ziemlich zusammenrücken, wenn neben Kolja auch eine der Freundinnen von Kerstins Ehemann zu Besuch ist. Zum Beispiel wenn Lisa da ist, mit der auch Kolja ab und zu innige Gespräche oder gemeinsame Nächte verbringt.

Parallele Gefühlswelten: Zeitaufwendig und anstrengend

Für monogam Liebende klingt dieser exotische Liebesreigen beneidenswert frei, nach richtig viel Sex, aber auch anstrengend aufgrund der parallelen Gefühlswelten und zeitlich aufwendig. Wie, fragt man sich, schaffen es polyamoreuse Menschen, ihr turbulentes Liebesleben inklusive Fernbeziehung mit Beruf, Haushalt und Kindererziehung unter einen Hut zu bringen, wo man selber schon unter den Verpflichtungen einer einzigen Beziehung ächzt?

Wir haben kein Problem damit, in der Bettwäsche eines anderen zu liegen.

„Wir entlasten uns einfach ständig gegenseitig und ermöglichen uns Zeit für die Liebe“, sagt Kolja. Katja ergänzt: „Braucht Kolja ein paar Tage nur für sich oder für sich und eine Freundin, kümmere ich mich um Kind und Haushalt und umgekehrt läuft es genauso.“ Die vielen organisatorischen Abstimmungen untereinander – wer mit wem wohin fährt und schläft – machen pragmatisch: „Nein, wir haben kein Problem damit, in der Bettwäsche eines anderen zu liegen “, sagt Kolja. Wenn sich alle bei Kerstin versammeln, übernachtet ein Pärchen im Ehebett und das andere weicht eben aufs Sofa aus.

Ängste dürfen auf den Tisch

Nur: Will man in der akutesten Verliebtheit, in den allerersten Monaten des Glücks, nicht eigentlich nur den einen Partner küssen? Ist das Besondere an der Liebe nicht gerade das Gefühl, unersetzbar zu sein? Kolja nickt und Katja nickt und auch Kerstin nickt jetzt. „Als ich Kerstin traf, fragte ich Katja, ob es okay sei, wenn ich mich ein paar Wochen voll in diese Liebe stürze, viel in Hamburg bin, wenig Zeit für sie habe“, sagt Kolja. Katja wollte sich erstmal reinfühlen in die neue Situation, schauen, ob es für sie passt. Dass es am Ende funktionierte, ohne dass Katja und Kerstin ihrem Liebsten auflisteten, wer mehr Zeit zugestanden bekommt, hat vor allem zwei Gründe.

Erstens: Überfallen einen von ihnen schmerzhafte Verlustängste - und davor sind auch Polys, wie sie sich selbst nennen, nicht gefeit - dürfen diese Ängste auf den Tisch. Sie werden angeschaut, ernst genommen, besprochen und auf diese Weise offensichtlich entschärft. Zweitens: Niemand sitzt alleine zu Hause und starrt auf die Küchenuhr, während der Partner weg ist. Kerstin trifft zwischendurch auch mal „friends with benefits“, also gute Bekannte, mit denen ab und an etwas läuft im Bett.

Kleine Großzügigkeiten festigen die Beziehung

Katja, die zurzeit kein Interesse an Bettgeschichten hat, ist seit acht Jahren auch mit Stefan zusammen, der inzwischen mit ihr und Kolja im Haus wohnt. Stefan hat neben Katja und einer Fernbeziehung noch eine dritte Liebe vor Ort, die als einzige von allen heimlich funktionieren muss. Der Mann seiner Partnerin hat keinen Bock oder zu viel Angst vor Polyamorie. Stefan ist die Heimlichtuerei unangenehm. Ganz in schwarz gekleidet sitzt er im Schneidersitz auf dem Teppich und hört zu. Er ist der Ruhepol in dem Gewirbel. Als Katja ihn kennenlernte, hatte sie gerade den Norwegenurlaub mit Kolja geplant. „Ich saß im Hotel und konnte nur an Stefan denken.“ Als Kolja die Lage durchschaute, sagte er: „Ist doch eh scheißkalt hier, lass uns eine Woche früher abreisen.“

Es sind diese kleinen Großzügigkeiten miteinander, die ihre Beziehung so festigten, dass ihre tiefe Liebe weder durch Sex noch durch dauerpräsente dritte Personen eingeht. „Es gibt Leute, die zu mir sagen, dass ich bloß zu viel Angst habe, mich von Kolja zu trennen“, sagt Katja. „Aber ich liebe ihn, nur sexuell hat es zwischen uns nie so gezündet wie beispielsweise zwischen Stefan und mir.“

“Es war unmöglich, sich nicht zu vergleichen.”

Natürlich gibt es auch hier in Frankfurt bei aller Toleranz mal Genervtheiten, Spannungen und Zoff untereinander. Manchmal ist es die eine Unbekannte zu viel, die in ein Handtuch gewickelt aus der Dusche stolziert und in Koljas Schlafzimmer verschwindet. „Ich wog jahrelang 30 Kilo zu viel und ständig schleppte Kolja so schmale Frauen wie Kerstin an. Es war unmöglich, sich nicht zu vergleichen. Ich fragte mich: Finde ich mich noch schön?“, sagt Katja. Statt Kerstin zu verteufeln und Kolja mit Vorwürfen an sich zu binden, wendete sie den Blick nach innen. Sie gestand sich ein, dass sie gesünder essen und Sport treiben muss. Und nahm ab. „Nicht um Kolja, sondern um mir selber zu gefallen“, sagt sie. „Es macht für mich überhaupt keinen Sinn, sich körperlich zu verändern, nur damit jemand anderes bei einem bleibt.“

Vor drei Jahren zeugten sie Ole, den blonden Rabauken, der auf dem Teppich in seinem Zimmer liegt und mit Gejohle Züge entgleisen lässt. Seitdem beschäftigt Katja vor allem die Frage, wie sie ihrem Sohn Bananen, Brokkoli und Fisch schmackhaft machen kann und wie sie seine Trotzanfälle geduldig erträgt. Sex ist auf ihrer Prioritätenskala nach unten gewandert. Dass Kolja bei Kerstin bekommt, was er sich wünscht, empfindet sie einfach als entlastend. Für Kolja dagegen hat Sexualität zurzeit einen sehr hohen Stellenwert. „Ich will mich austoben, ich brauche und genieße das gerade sehr“, sagt er. Aber niemals würde er eine Frau für Zärtlichkeiten unter Druck setzen. In dieser Hinsicht ist die polyamoreuse Lösung für alle die beste. Kein Sex für die Beziehungsstatistik, kein Stress, weil einer nicht mag.

Kindererziehung zu viert

Aber was ist mit den Vaterpflichten? Schließlich erwartet man von einem modernen Papa mindestens Türmchenbauen und die würdevolle Teilnahme an Pekip-Kursen. Der kleine Ole aber ruft alle halbe Stunde nach Stefan und klettert auf dessen Schoß. „Ich bin durch meinen Job oft so erschöpft, dass ich zu Lego-Spielen am Boden keinen Nerv mehr habe“, sagt Kolja. „Stefan ist im Moment klar der Lieblingspapa.“ Nach Eifersucht sucht man vergeblich in Koljas fröhlichem Jungsgesicht.

Man findet sie aber woanders: bei Kerstin. Als Katja mit ihr über die geplante Schwangerschaft sprach, zog sich in ihrem Herzen etwas zusammen. Wird das Baby Kolja zeitlich und emotional doch stärker einnehmen als er selbst denkt? Kerstins Sorge war unbegründet, Kolja kommt noch genauso oft nach Hamburg zu Besuch. Zu viert haben sie reichlich Ressourcen bei der Erziehung, jeder kümmert sich mal und genießt, dass ein Kind herumspringt.

Da ist aber noch etwas anderes, das Kerstin manchmal so quält, dass sie „drei Tage mit den Nerven völlig runter ist“, wie sie offen gesteht. Es ist die Eifersucht. Vor wenigen Tagen erst wurde sie wütend, weil Kolja zum geplanten Theater-Date überraschend mit seiner neuesten Flamme erschien. „Ich musste seine Aufmerksamkeit teilen und genau wie Katja will ich mich darauf einstellen können“, sagt sie. Sonst kriecht doch unvermittelt die Angst in ihr hoch, dass Kolja nun eine Frau gefunden hat, die klüger, erfolgreicher oder geheimnisvoller ist als sie selbst. Und Eifersucht, die jeder hier in der Runde kennt, ist eben der Preis für die freie Liebe ohne Schuldgefühle und Heimlichkeiten. Immer wieder setzen sich die Polys mit ihren Ängsten auseinander. Ihre großzügige, neidfreie und gelassene Art ist hart erarbeitet. „Fast zwanzig Jahre brauchte ich, um mich von den moralischen Vorstellungen meiner Erziehung zu befreien“, sagt Kolja. Und bis man das, was sich theoretisch gut anhört, auch ohne große Seelenqualen leben kann, dafür braucht es manchmal wahrscheinlich noch länger.

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Als Einsteigerlektüre empfiehlt sich der Klassiker unter den polyamoreusen Büchern: "Schlampen mit Moral – eine praktische Anleitung für Polyamorie, offene Beziehungen und andere Abenteuer." Von Dossie Easton und Janet W. Hardy,Mvg-Verlag 2014, 16,99 Euro.

Oder anspruchsvoller, aber kein Beziehungsratgeber, sondern ein wissenschaftliches Werk zu evolutionspsychologischen, anthropologischen und soziologischen Aspekten der Nicht-Monogamie und dabei sehr unterhaltsam: Sex. Die wahre Geschichte, von Christopher Ryan und Cacilda Jethá. Klett-Cotta 2016, 24,95 Euro.

Von Silia Wiebe/RND

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