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09:00 11.11.2019
Seniorenwohnanlage des DRK Rostock in Evershagen. Die Auszubildende im ersten Lehrjahr, Katarina Buckow, betreut die Rostockerin Inge Schmidt, die bettlägerig ist. Quelle: Martin Börner
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Rostock

Wer Station 6 der Seniorenwohnanlage im Rostocker Stadtteil Evershagen betritt, kann die bunte Tafel am Eingang nicht übersehen. Eine „Hausunordnung“ erwartet den Besucher. „In diesen Räumen leben die Bewohner in ihrer Welt … Alles darf angefasst werden … Was heute mir gehört, gehört morgen dir …“

Willkommen in einer ganz eigenen Welt

Marlen Otto zeigt lächelnd auf die einzelnen Punkte dieses ungewöhnlichen Regelwerks. „Sie brauchen hier auch eine Portion Humor. Sonst laufen Sie Gefahr, kaputtzugehen“, stellt die Bereichsleiterin der Pflegeeinrichtung klar. Betreiberin ist die DRK Rostock Wohnen und Pflege gGmbH. „Unsere Bewohner legen sich mitunter in ein fremdes Bett. Sie essen teilweise, was sie in einem anderen Zimmer finden. Willkommen in einer tatsächlich ganz eigenen Welt“, sagt die 34-jährige examinierte Altenpflegefachkraft. Mit ihren insgesamt 30 Mitarbeitern betreut sie 48 Frauen und Männer, die an Demenz erkrankt sind. Die meisten sind älter als 80 Jahre.

250 vollstationäre Einrichtungen

In der DRK-Seniorenwohnanlage in Rostock Evershagen leben aktuell 183 Bewohner in zwei Bettenhäusern mit sieben Bereichen und 22 Einheiten für das betreute Wohnen. Das Objekt gehört zu den 32 stationären Pflegeeinrichtungen des DRK in MV. Allein das DRK verfügt damit im Nordosten über 2374 Plätze.

Insgesamt existieren in MV 250 vollstationäre Einrichtungen verschiedener Träger. Während sich die Zahl der teilstationären Einrichtungen auf 231 beläuft, gibt es zudem 4536 Tagespflegeplätze. Angebote machen darüber hinaus 519 ambulante Dienste.

Betreuung Demenzkranker ist ein Knochenjob

Die langen, breiten Flure sind hell und freundlich gestaltet. Fassaden und Fenster in dieser seit 1976 bestehenden Einrichtung in der Aleksis-Kivi-Straße wurden modernisiert. Doch die mehr als 40 Jahre alten Grundrisse zwingen zu Kompromissen. So erstreckt sich Ottos Abteilung „An der Kirche“ – alle sieben Wohnbereiche tragen Namen historischer Punkte der Hansestadt – über drei Etagen. „Wir haben auch noch einige Doppelzimmer“, erläutert Pflegedienstleiterin Britta von Cyrson (59). Sie, die allein in diesem Haus 36 Jahre arbeitet, weiß, mit welchen speziellen Herausforderungen die Betreuung demenzkranker Frauen und Männer verbunden ist. Es ist ein Knochenjob.

Erkrankte verlieren Orientierungsvermögen

Zu Beginn der Erkrankung sind häufig Kurzzeitgedächtnis und Merkfähigkeit beeinträchtigt. Später leidet auch das Langzeitgedächtnis. „Sie verlieren allmählich ihre erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten“, betont Britta von Cyrson. Die Folgen: Das Orientierungsvermögen der Betroffenen leidet, sie nässen ein, die Sturzgefahr erhöht sich, ihr Tag-Nacht-Rhythmus ist massiv gestört … „Jeder Tag steckt da voller Überraschungen, birgt Konfliktpotenzial und eine Menge Stress“, sagt Marlen Otto. Zu den Mitstreitern der Bützowerin gehören Fachkräfte, Pflege- und Hauswirtschaftshelfer, Betreuungskräfte und Azubis. „30 Leute hört sich viel an. Doch wir müssen einen Drei-Schicht-Betrieb liebevoll professionell absichern. Hinzu kommen Krankheitsfälle, Urlaub und Ausfälle bei Schwangerschaften“, erläutert die Mutter von zwei kleinen Kindern.

„Das Zimmer könnte etwas größer sein“

Gemeinsam mit der Auszubildenden im ersten Lehrjahr, Katarina Buckow (29), schaut sie bei Inge Schmidt nach dem Rechten. Die 80-jährige Rostockerin leidet an beginnender Demenz und ist praktisch von der Hüfte an gelähmt. Freundlich begrüßt die alte Dame die Pflegerinnen. Katarina Buckow reicht ihr eine Tasse und erkundigt sich nach ihrem Befinden. „Hier drin ist alles in Ordnung. Das Zimmer könnte etwas größer sein. Vor allem, wenn Besuch kommt, wird es eng.“ Die Hansestädterin blickt stolz auf ein Foto ihres zweijährigen Urenkels, das auf einer Anrichte steht. Fast täglich leistet Ehemann Jochen (79) ihr Gesellschaft. „Der macht zu Hause noch alles allein“, erzählt die Seniorin. Das Essen im Pflegeheim sei mitunter Geschmackssache, doch die Betreuung wirklich gut. Inge Schmidt strahlt Katarina Buckow an.

„Ein Telefonjob wäre absolut nichts für mich“

Die schüttelt kurz noch das Kissen der alten Dame auf. Das Mittagessen wird bald serviert. Waschen, Essen anreichen, Medikamente geben – der Zeitdruck sei allgegenwärtig. Die junge Frau, die bei der Bundeswehr war und bereits in mehreren Pflegeheimen gearbeitet hat, vermisst die Individualität im Betreuungsalltag. Es fehle einfach an Personal. „Fürsorglichkeit und Einfühlungsvermögen sind mir wichtig. Es soll menschenwürdig zugehen“, betont die Rostockerin. Sie ergänzt: „Ein Telefonjob wäre absolut nichts für mich. Altenpflegefachkraft ist mein Ding.“

Empathie und viel Körperkraft nötig

Dafür hat sich auch Wolfram Bause entschieden. Er habe sich lange ausprobiert. Bürokaufmann, Abteilungsleiter in einem Elektronikmarkt, Lehramtsstudium. „Um das Studium zu finanzieren, jobbte ich in der Pflege“, erzählt der 38-Jährige. Da habe er sich dann entschieden. Und er gibt zu, dass allein die Lauferei auf den drei Etagen auch sportliche Typen schlauche. Außerdem brauche man in diesem Beruf neben Empathie viel Körperkraft. Das Waschen, richtige Lagern und Drehen vor allem schwerer Pflegebedürftiger erfordere Power. Dem Usedomer gehen die Handgriffe beim Wechseln der Bettwäsche flott von der Hand. Tim Koziol (19) ist da noch nicht ganz so fix. Der Rostocker absolviert beim DRK sein Freiwilliges Soziales Jahr. Ursprünglich wollte er Lokomotivführer werden. Die Idee mit dem Beruf des Altenpflegers sei bei ihm ganz spontan entstanden, erzählt er. Und nach den ersten Wochen in der Praxis spreche nichts dagegen, wie er sagt.

Gemeinsam mit dem DRK-Pflegeheim in der Südstadt hatte man im Ausbildungsjahr 2019 erstmals 29 Azubis, davon 19 Männer, gewinnen können. Fünf der Neulinge haben aber bereits die Brocken schon hingeworfen. „Über alle Lehrjahre verteilt haben wir noch 43 Auszubildende“, konstatiert Britta von Cyrson.

„MV hat bundesweit die geringsten Personalrichtwerte. Diese könnten nun laut Beschluss der Schiedsstelle verhandelt werden“, sagt Thomas Strobach, Leiter der beiden Pflegeheime. Allein in Evershagen würden acht zusätzliche Vollzeitkräfte benötigt. Doch der Markt ist leer gefegt. „Auch darum investieren wir in Ausbildung“, so Strobach. Allein in dieser Einrichtung liegen übrigens mehr als 100 Anträge auf einen Pflegeplatz vor.

In MV mehr als 91 000 Pflegebedürftige

In MV gab es zu Beginn vergangenen Jahres bereits 91 029 Pflegebedürftige. Davon lebten 72 000 zu Hause. 46 000 von ihnen wurden allein von den Angehörigen und etwa 26 000 gemeinsam von Angehörigen und ambulanten Diensten betreut.

Die finanzielle Belastung, also der Eigenanteil Pflegebedürftiger, die stationär betreut werden, liegt monatlich zwischen 1331 Euro (Sachsen-Anhalt) und 2337 Euro in Nordrhein-Westfalen. Im Nordosten sind es durchschnittlich 1405 Euro monatlich. Die Werte fallen aber in jedem Pflegeheim unterschiedlich aus.

Die Kosten setzen sich zusammen aus dem einrichtungseinheitlichen Eigenanteil, Unterkunft und Verpflegung sowie Investitionskosten. Die Ausbildungsumlage (Pflegebedürftige zahlen für die Ausbildung ihrer Pflegekräfte) kommt in MV noch dazu.

Von Volker Penne

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