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Wissen Das rät der Chef des Rostocker Kopfschmerzzentrums Migräne-Patienten im Sommer
Nachrichten Wissen Das rät der Chef des Rostocker Kopfschmerzzentrums Migräne-Patienten im Sommer
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06:37 05.07.2019
Dr. Tim Jürgens, Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Neurologie an der Unimedizin Rostock leitet gemeinsam mit Prof. Dr. Peter Kropp das seit 2016 bestehende Kopfschmerzzentrum Nord-Ost in der Hansestadt. Er zeigt den Drillingsnerv im Gehirn, der Gesicht, Stirn, Augen, Kinn, Ober- und Unterkiefer versorgt. Quelle: Volker Penne
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Rostock

Die extremen Schwankungen der Außentemperaturen in den vergangenen Tagen um mehr als 20 Grad Celsius machen vor allem den Migränepatienten im Nordosten zu schaffen. Sie klagen über starke Kopf- und Gesichtsschmerzen, Abgeschlagenheit und Schlafmangel. Warum vor allem Frauen von diesem Leiden besonders betroffen sind, weshalb die Zahl junger Patienten rasant steigt, und wie man der Migräne Einhalt gebieten kann, darüber sprach OZ mit Dr. Tim Jürgens.

Der Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Neurologie an der Unimedizin Rostock leitet gemeinsam mit Prof. Dr. Peter Kropp das Kopfschmerzzentrum Nord-Ost in der Hansestadt. In diesem werden jährlich bereits etwa 1000 Patienten behandelt, die unter besonders komplizierten Erkrankungsfällen leiden.

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Weshalb macht vor allem Migränepatienten die Achterbahnfahrt der Temperaturen so zu schaffen?

Dr. Tim Jürgens: Die vorliegenden klinischen Studien fallen nicht so eindeutig aus. Sicher scheint, dass große Temperatur- und Luftdruckunterschiede Migräneanfälle begünstigen. Bereits ein Temperaturgefälle von fünf Grad Celsius steigert die Migränewahrscheinlichkeit um 60 bis 70 Prozent. Die Entstehung der Migräneattacke selbst ist äußerst komplex. Der Hypothalamus, Teil des Zwischenhirns, ist eine wichtige Schaltzentrale. Sie wird bei einer Migräneattacke als Aufpasser über den Trigeminusnerv praktisch ausgeschaltet. Die Folge: Dieser Drillingsnerv, der Gesicht, Stirn, Augen, Kinn, Ober und Unterkiefer versorgt, meldet starke Kopfschmerzen an das Gehirn.

Welche Rolle spielt ein eventueller Flüssigkeitsmangel?

Eine bedeutsame. Denn viele Patienten reagieren empfindlich auf Flüssigkeitsmangel. Dieser kann eine Migräne auslösen. Ausreichend trinken ist also angesagt. Zwei bis 2,5 Liter am Tag sind gerade bei den hochsommerlichen Temperaturen empfehlenswert. Getrunken werden sollte, was dem Betreffenden schmeckt. Natürlich sind Wasser oder Kräutertee ideal. Achten Sie darauf, dass die Getränke möglichst wenig Zucker und nicht zu viel Koffein enthalten.

Warum ist Koffein ein Problem?

Weil ein Zuviel an Koffein Migräne begünstigen kann, besonders wenn man weniger davon trinkt. Und ein Übermaß an Zucker fördert die ohnehin in MV weit verbreitete Fettleibigkeit. Untersuchungen zeigen, dass ab einem BMI (siehe Kasten) von 35 das Risiko steigt, an chronifizierten Kopfschmerzen, also dauerhaften Beschwerden, zu leiden.

Orientierungshilfe BMI – Body-Mass-Index

Als praktische Orientierungsgröße und einfach messbare Parameter haben sich die Körpergröße und das Körpergewicht sowie der sich daraus ableitende sogenannte Body-Mass-Index (BMI) zur Bestimmung des Körperfettanteils bewährt.

BMI = Körpergewicht durch Körpergröße zum Quadrat! Als übergewichtig gilt demnach, wer einen BMI von 25 oder mehr hat. Ab einem Wert von 30 beginnt starkes Übergewicht – Fettleibigkeit. Bei der BMI-Bewertung bitte auch Alter und Geschlecht berücksichtigen!

Hier den BMI online berechnen

Wetterumschwünge kündigen sich an. Kann der Migränepatient da nicht vorbeugen?

Für den Erkrankten ist es das A und O, die persönlichen Auslöser für Migräneattacken zu kennen. Denn diese sollten gerade an solchen Tagen möglichst vermieden werden. Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, diese persönlichen Trigger festzustellen. Außerdem macht es Sinn, den Stresspegel an diesen Tagen deutlich zu reduzieren.

Also sollte man sich bei extremer Hitze körperlich schonen?

Richtig. Es gilt, mindestens einen Gang herunterschalten und sich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren. Viele Patienten neigen aber zum Perfektionismus bzw. Präsentismus. Sowohl das krampfhafte Bemühen um fehlerfreies Agieren als auch die unbedingte Anwesenheit am Arbeitsplatz sind jedoch kontraproduktiv.

Man sollte folglich früher und länger schlafen, zeitig essen . . . ?

Begeben Sie sich nicht aufgrund von guten Ratschlägen in ein ,Tugendgefängnis‘. Eine eingehende Diagnose vom Fachmann hilft, um mit dem Stress besser umgehen zu lernen.

Warum werden Frauen viel häufiger von Migräneleiden geplagt als Männer und weshalb erkranken immer mehr Kinder und Jugendliche?

Bei den Frauen spielen hormonelle Veränderungen eine entscheidende Rolle. Mit dem Einsetzen der Monatsblutung, bei Schwangerschaften und mit der Menopause ist eine deutliche Zunahme der Migränehäufigkeit zu beobachten. Die alarmierende Krankheitshäufung bei Kindern und Jugendlichen ist wissenschaftlich noch nicht hinreichend untersucht. Sicher ist, dass erbliche Faktoren eine Rolle spielen. Zudem sind die jungen Leute heutzutage einer Flut von äußeren Reizen ausgesetzt. Dazu gehört der exzessive Gebrauch von Handy und Computer. Alles dreht sich immer schneller, bunter und komplexer. Es fehlen ihnen einfach Regenerationsphasen.

Laut Barmer Arztreport 2017 greifen bereits 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen neun und 19 zu Medikamenten, wenn sie Kopfschmerzen haben. 42 Prozent werfen gar jedes Mal ein Präparat ein. Wie gefährlich ist ein solcher Automatismus?

Es droht die sogenannte „Pillenfalle“. Der ungehemmte Medikamenteneinsatz kann zum häufigeren Auftreten der Kopfschmerzen führen. Ein Teufelskreis. Die exakte Verordnung von Schmerzmitteln bzw. Triptanen, also speziellen Antimigränemitteln, ist ausschließlich Sache der Fachleute. Viele dieser Patienten benötigen zusätzlich zu den Schmerzmitteln eine vorbeugende Behandlung.

Neue Medikamente verheißen gerade für Migränepatienten Hoffnung, bei denen herkömmliche Präparate bisher nicht wirkten. Wird mit sogenannten Antikörpern der Schmerzbotenstoff CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) wirksam blockiert?

Die Migräneantikörper sind hochwirksam und senken die Migränehäufigkeit bereits nach einer Woche. Zudem sind sie gut verträglich. Es gibt keine Wechselwirkungen mit anderen Präparaten. Hoffnung macht auch, dass die Nebenwirkungen statt wie bei früheren Medikamenten nicht bei zehn bis 30, sondern unter zehn Prozent liegen.

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Volker Penne

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