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Wissen Über den Klimawandel muss man nicht mehr diskutieren
Nachrichten Wissen Über den Klimawandel muss man nicht mehr diskutieren
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17:16 25.09.2019
Island, Okjokull: Ein Mädchen hält ein Schild mit der Aufschrift «Zieht die Notbremse»während sie über das Geröll des Okjökull zu einer Gedenkveranstaltung für den vergangenen Gletscher wandert. Quelle: Felipe Dana/AP/dpa
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Hannover

Die Experten schlagen Alarm. Mal wieder. Der Klimarat der Vereinten Nationen warnt in seinem neuen Report vor schmelzenden Eismassen. Die Worte, mit denen er zusammengefasst wird, sind drastisch: Er stelle der Politik ein „verheerendes“ Zeugnis aus, zeichne eine „düstere“ Zukunft. „Es ist zum Weinen, dass diesem erneuten Paukenschlag der Wissenschaft wieder nur ein Flüstern der Politik vorangegangen ist“, kritisiert Heike Vesper, Leiterin Meeresschutz beim WWF Deutschland.

Tränen flossen auch vor Kurzem bei Greta Thunberg. „Wie konntet ihr es wagen, meine Träume und meine Kindheit zu stehlen mit euren leeren Worten?“ Ihre Rede vor den Vereinten Nationen war emotional. Sie ging um die Welt. Sie bewegte. Die 16-Jährige war wütend. Sie warf den versammelten Politikern vor: „Sie lassen uns im Stich! Aber die jungen Leute beginnen, Ihren Verrat zu durchschauen.“

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Lesen Sie hier: Meeresspiegel steigt doppelt so schnell – Klimarat schlägt Alarm

Viele Menschen bewegte Thunbergs Auftritt. Das Video wurde in den sozialen Netzwerken wieder und wieder geteilt. Doch für andere war es ein willkommener Anlass, Thunberg und ihr Anliegen zu diskreditieren. Es ist hässlich und erbärmlich, was über Greta Thunberg geschrieben und gesagt wird. Aber vor allem ist es entlarvend: Nach ihrer emotionalen Rede wird Thunberg nun „mangelnder Wille zur Sachlichkeit“ vorgeworfen: Man könne sie in ihrem „realitätsfremden Wahn“ nicht ernst nehmen, so – auf dieser Ebene – nicht „rational“ argumentieren.

Natürlich darf Greta emotional werden

„Sie sind zu emotional“: Das wird besonders oft vor allem jungen Frauen vorgeworfen. Während Männer gefeiert werden, wenn sie „Gefühle zeigen“, werden Frauen dafür abgestraft. Emotionen – und besonders Wut – von Frauen fallen ihnen öffentlich oftmals zur Last. Frauen bekommen beigebracht, dass ihre Wut dafür sorgt, dass sie nicht ernst genommen werden, sagt die Autorin Rebecca Traister. (Weiße) Männer wüssten, dass ihnen ihre Wut nutzen kann.

Klimarat warnt: Eisschmelze und Anstieg des Meeresspiegels

Aber natürlich darf auch Thunberg emotional werden. Sie muss es ja fast: Sie ist 16, sie hat kein Milliardenhaushaltsbudget, sie leitet keinen Dax-Konzern. Aber sie hat Aufmerksamkeit. Das ist ihr Mittel. Und der Vorwurf, so nicht „diskutieren“ zu können, ist trügerisch. Es ist ein Ablenkungsmanöver, das im besten Fall versucht, einen wissenschaftlichen Konsens im Klein-Klein zu ersticken.

Auch interessant: Alternativer Nobelpreis für Greta Thunberg

Über die Existenz des Klimawandels muss man nicht diskutieren

Denn es gibt eigentlich nichts mehr zu diskutieren. Nicht, wenn es um die Existenz des menschengemachten Klimawandels geht. Auch der neue Bericht des Weltklimarats der Vereinten Nationen zum Eis und zu den Ozeanen unterstreicht nur noch einmal, was eigentlich schon klar ist: Der Meeresspiegel steigt, Gletscher und Eismassen schmelzen. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Und das schon seit Jahren. Wie also soll man darüber heute, im Jahr 2019, sprechen? Eine Frage, die sich auch die Wissenschaft stellen muss. Oft definiert sie sich als neutral: Wissenschaftler sammeln die reinen Fakten, die Gesellschaft muss entscheiden, wie sie damit umgeht. Doch was, wenn die nicht reagiert?

Für eine große Zahl von Wissenschaftlern gilt das Credo von der unpolitischen Wissenschaft im Fall des Klimawandels nicht mehr. Sie warnen lautstark. Sie engagieren sich öffentlich, laufen bei den Demonstrationen mit oder kritisieren das Klimapaket der Bundesregierung. Auch das ist irgendwo eine Art von Emotion. Vielleicht ist sie nicht so roh, so verzweifelt, wie Thunbergs Wuttränen. Aber der Wunsch zu handeln, sich einzumischen, entspringt dem Gefühl, dass sich etwas ändern muss. Weil man die Fakten kennt.

Von Anna Schughart/RND