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12:12 04.02.2019
Im Labor des Instituts für Experimentelle Gentherapie und Tumorforschung der Universitätsmedizin Rostockschaut eine Doktorandin auf ein Monitorbild von Melanom-Zellen (Archivfoto). Quelle: dpa
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Hannover

Als die Bundesregierung vergangene Woche die „Nationale Dekade gegen Krebs“ ausrief, sorgte Gesundheitsminister Jens Spahn für Aufmerksamkeit. Er sagte: „Andere fliegen zu Mond, wir wollen den Krebs besiegen.“ Er halte den Krebs innerhalb von ein bis zwei Jahrzehnten für besiegbar, so seine Aussage. Experten halten das Ziel allerdings für unwahrscheinlich.

Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland spricht Arnold Ganser, Direktor der Klinik für Hämatologie, Hämostaseologie, Onkologie und Stammzelltransplantation an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) über die Fortschritte in der Forschung und neuen Therapieansätze.

Herr Ganser, was ist einfacher: Zum Mond zu fliegen oder den Krebs zu besiegen?

Beides ist extrem schwierig. Wenn drei Menschen zum Mond fliegen wollen, arbeiten im Hintergrund Tausende Menschen daran. Wenn wir den Krebs besiegen wollen, haben wir es ununterbrochen mit Problemen zu tun, die Millionen von Menschen betreffen. Wenn wir davon ausgehen, dass jede Krebserkrankung bei jedem Patienten unterschiedlich ist, dann haben wir ein Problem vor uns, das man nie ganz lösen wird.

Was macht Krebs so kompliziert?

Krebs entsteht immer auf der genetischen Ebene. Im Fall von Leukämie gibt es in der Regel bei jedem Patienten ungefähr zehn Gene, die in den bösartigen Zellen verändert sind. Beim Brustkrebs oder Nierenkrebs sind es Hunderte. Es ist dann extrem schwierig, die Mutation zu finden, die hauptverantwortlich für die Krebsentwicklung ist. Dazu kommt, dass man nicht genau weiß, wodurch die Genveränderung ausgelöst worden ist. Das kann reiner Zufall gewesen sein. Je älter man ist, desto größer ist deshalb die Wahrscheinlichkeit, dass mehrere Genveränderungen zusammenkommen. Das erklärt die Zunahme des Krebsrisikos im Alter.

Prof. Dr. Arnold Ganser. Quelle: Philipp von Ditfurth

Es wird also nie ein allumfassendes Heilmittel geben – ein Medikament für jede erdenkliche Krebsart?

Nein, das ist utopisch. Eine Therapie muss spezifisch sein. Mit einigen Ausnahmen werden wir vermutlich aber nie eine hauptverantwortliche Mutation finden, die man immer direkt angreifen kann und die dann den Krebs zum Verschwinden bringt.

Welche Fortschritte hat man in den vergangenen Jahren bei der Behandlung von Krebs gemacht?

Man hat zum Beispiel angefangen, mit neuen Medikamenten das Immunsystem gegen die Krebszellen zu aktivieren. Bei vielen Tumorarten ist es so, dass die Immunzellen der Patienten durch die Krebszellen paralysiert werden. Diese Lähmung kann man bei der sogenannten Checkpoint-Inhibitor-Therapie mit Medikamenten neutralisieren – und die körpereigenen Immunzellen werden wieder aktiv. Beim Lungenkrebs oder auch beim schwarzen Hautkrebs sieht man schon große Erfolge.

In welche Entwicklung steckt man derzeit die größten Erwartungen?

Tumorzellen haben zum Teil eine genetische Veränderung im sogenannten Apoptoseapparat, die dazu führt, dass sie nicht mehr absterben. Dann wird das Tumorgewebe natürlich immer größer. Es gibt nun Ansätze, die in diesen Prozess eingreifen und dafür sorgen, dass die Zellen wieder sterben – wie normale Zellen auch. Medikamente, die es dazu seit etwa zwei Jahren gibt, helfen zum Beispiel bei Lymphknotenkrebs sehr.

Weltweit gibt es auch einen Hype um die genetisch modifizierten Immunzellen, oder auch CAR-T-Zellen. Dabei werden die patienteneigenen Immunzellen genetisch gegen bösartige Krebszellen scharf gemacht. Damit kann man das Immunsystem noch spezifischer steuern und verhindern, dass auch wichtige gesunde Zellen getroffen werden. Diese Therapie ist hocheffizient. Aber weil jeder Patient dabei seine eigenen bearbeiteten Zellen bekommt, ist sie derzeit noch wahnsinnig teuer.

Wird Krebs also in Zukunft immer personalisierter behandelt?

Ja. Wir dürfen dabei aber nicht vergessen, dass auch der Nachweis von Tumoren noch spezifischer werden kann. Dass man noch besser sieht, wo im Körper welche Art von Tumorzellen versteckt sind. Dann können Medikamente ganz gezielt an diese Stellen gebracht werden.

Wir sprechen von teuren Therapien, die teilweise mehrere Hunderttausend Euro kosten. Demgegenüber ließen sich viele Krebserkrankungen vermeiden.

Wenn wir überlegen, wie wir unser Geld am sinnvollsten ausgeben, dann sicher nicht für immer teurere Therapien. Am effizientesten wäre die Prävention, zum Beispiel durch Aufklärungsprogramme gegen Rauchen, durch die Vermeidung von Umweltgiften. Auch den Patienten würde das viel Leid ersparen: Einen Tumor nicht zu haben ist besser, als einen gehabt zu haben, auch wenn man das Glück hat, geheilt worden zu sein.

Lesen Sie auch: Hunderttausende Krebsfälle wären vermeidbar

Von Anna Schughart/RND

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