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11:23 19.08.2019
Wohnprojekte schaffen eine heimelige Atmosphäre - und zwar für Jung und für Alt. Quelle: Gorodenkoff - stock.adobe.com
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Für Pia Schmalhaus wirkte das Hamburger Wohnprojekt Kleine Freiheit Kollektiv lange wie eine fixe Idee. Kein Wunder: Was auf dem Papier so gut klang, wurde für die Beteiligten immer mehr zu einer Geduldsprobe. Drei Häuser, mitten auf St. Pauli, sozial verträgliche Mieten, eine Nachbarschaft mit vielen Familien, ein grüner Innenhof mit Hochbeeten.

Debatten über Baumaterial und Innenhof

Pias Schwester Hanna und ihr Mann Martin waren fast von Anfang dabei. Alle vier Wochen trafen sich die künftigen Nachbarn und debattierten über die Gestaltung des Innenhofs, nachhaltige Baumaterialien und Spielmöglichkeiten für die Kinder. An Ideen mangelte es nicht, doch der Bau verzögerte sich ständig. Aus zwei wurden am Ende sechs Jahre Bauzeit. „Ich hätte vermutlich die Geduld verloren. Aber die meisten Mieter sind mit großem Engagement dabeigeblieben“, erzählt Schmalhaus.

Kurz vor Fertigstellung des Projekts wird eine kleine Erdgeschosswohnung frei. Zu diesem Zeitpunkt ist die Hamburgerin schwanger. Die eigene Wohnung ist wenig kinderfreundlich, die Beziehung zum Vater des Kindes stand bereits auf der Kippe. Der Einzug in das Wohnprojekt ist für die alleinerziehende Mutter die beste Lösung. Ihre Schwester wohnt mit ihrer Familie ein Haus weiter. Die eigenen Eltern sind nah dran. Die Miete in dem Wohnprojekt ist mit einem Teilzeitjob finanzierbar.

Not macht erfinderisch: Immer mehr Baugemeinschaften

Angesichts des Hamburger Wohnungsmarkts ein Glücksfall. Bezahlbaren Wohnraum zu finden ist gerade für Familien schwierig. Wer nicht in die Randbezirke oder aufs Land ziehen möchte, muss in begehrten Innenstadtlagen schnell Mieten von 20 Euro und mehr pro Qua­dratmeter zahlen. Es gibt viel zu wenig erschwingliche Wohnungen, es wird zu wenig gebaut, die Nachfrage ist zu groß. In anderen Großstädten wie Berlin, Frankfurt oder München sieht es nicht besser aus.

Immer mehr Familien landen zeitweise in Notunterkünften, weil sie keine bezahlbare Wohnung finden. Doch Not macht erfinderisch. Immer mehr Bürger-initiativen nehmen ihre Wohnsituation selbst in die Hand. Manche schließen sich in Baugemeinschaften zusammen, um sich eine individuell geplante Wohnung leichter leisten zu können. Andere probieren gleich neue Lebensmodelle aus. Wie viele solcher Wohnprojekte in Deutschland existieren, darüber gibt es keine verlässlichen Zahlen. Schätzungen gehen von einigen Tausend aus.

Gemeinschaftsprojekte: Für Jung und Alt interessant

„Die Idee der gemeinschaftlichen Wohnprojekte entwächst jedenfalls langsam aus der Nische“, erklärt Martina Heitkötter vom Deutschen Jugendinstitut. Gerade für junge Familien und ältere Menschen sei das Gemeinschaftsprinzip interessant. Ein Grund dafür: Familien leben immer seltener an einem Ort. Bei Krankheit der Kinder oder geschlossenen Kitas kann die Verwandtschaft nicht einspringen. „Junge Eltern müssen sich zusätzliche Unterstützungssysteme schaffen, aus Freunden, Babysittern oder eben engagierten Nachbarn“, so die Forscherin.

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Funktionierendes Miteinander: Gemeinsame Feste und Chorabende

Im Kleine Freiheit Kollektiv funktioniert das Miteinander. Es gibt gemeinsame Aktivitäten wie einen Chor, Sommerfeste oder Grillabende. Die Bohrmaschine wird genauso geteilt wie Zucker für den Kuchen oder die Nudelsoße. Auch einen spontanen Babysitter findet man bei 19 Familien im Haus schnell. Gerade die älteren Kinder passen gerne auf die jüngsten auf. Für all diese kleinen Notfälle des Alltags gibt es auch eine aktive WhatsApp-Gruppe. „Wie wertvoll dieses Miteinander ist, habe ich früh gemerkt. Wenn mein Sohn lange weinte, stand manchmal meine Nachbarin vor der Tür und bot ihre Hilfe an. Das ist ein schönes Gefühl“, sagt Schmalhaus. Im begrünten Innenhof spielen eigentlich immer Kinder, die Eltern trinken Kaffee und teilen sich die Aufsicht. Wenn die junge Mutter schnell Abendbrot vorbereiten will oder etwas in den Keller bringt, tut sie das mit der Gewissheit, dass die Nachbarn immer einen Blick auf ihren kleinen Sohn werfen. Auch der Austausch mit anderen Eltern sei für sie als Alleinerziehende wichtig. Immerhin fehlt der Partner, mit dem man über Erziehungsfragen oder Elternsorgen sprechen kann.

Natürlich gibt es auch Grenzen des Miteinanders. So können und sollten gemeinschaftliche Wohnprojekte keine familiären Strukturen oder gar öffentliche Angebote zur Kinderbetreuung ersetzen. „Es geht vielmehr um eine Ergänzung und alltägliche Hilfen“, erklärt Heitkötter vom Jugendinstitut. So verlässt sich Schmalhaus bei der Kinderbetreuung auf die Kita und die Großeltern. Einmal pro Woche holt die Oma den Enkel aus der Kita, und sie kann länger arbeiten. Ihre Nachbarn haben schließlich selbst Familie und genug zu tun.

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Wohnprojekt: Es funktioniert nur, wenn alle mitmachen

Um Engagement für die Gemeinschaft kommt trotz vollem Terminkalender niemand herum. Nur wenn sich alle einbringen, funktioniert das Solidaritätsprinzip. Wie andere Wohnprojekte ist auch das Kleine Freiheit Kollektiv selbstverwaltet. Das heißt, alle wichtigen Entscheidungen von der Gestaltung von Gemeinschaftsräumen bis zur Farbe der Treppenhäuser werden im Plenum und basisdemokratisch entschieden. Zusätzlich gibt es Arbeitsgemeinschaften zu Hausmeisterdiensten oder der Planung eines Sommerfestes oder Kinderflohmarktes.

Gemeinschaft: Auch Kinder bestimmen mit

Auch Pia Schmalhaus engagiert sich in einer AG, und zwar für die Interessen der Kinder. Im Projekt leben 27 Mädchen und Jungen zwischen Babyalter und Pubertät. Auch sie dürfen mit ihrer Stimme die Gemeinschaft mitgestalten – so entscheiden sie über die Pflanzen für die Hochbeete im Innenhof oder die Verwendung der Einnahmen aus dem Kinderflohmarkt.

Die Beteiligung aller macht die Entscheidungsfindung keinesfalls einfacher. Gerade auf den Haussitzungen und in den Arbeitskreisen des Kleine Freiheit Kollektivs wird gerne und leidenschaftlich diskutiert – nicht selten bis tief in die Nacht und fast wie in einer echten Großfamilie.

Von Birk Grüling/RND

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