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Eine Rostockerin erzählt: So lebe ich mit HIV
Eine Rostockerin erzählt: So lebe ich mit HIV
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20:20 01.12.2019
Eine Rostocker HIV-Patientin möchte in der Zeitung gern unerkannt bleiben. Quelle: Ove Arscholl
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Rostock

Seit zwei Jahren wohnt Lena Müller in Rostock. Die 39-Jährige ist aus Süddeutschland in den Norden gezogen. Der Grund: Ihr sei der Trubel um ihre Person zu groß geworden. Sie möchte in der Hansestadt nicht erkannt werden, deshalb wurde ihr Name abgeändert. Was an ihrer Geschichte besonders ist? 2006 wurde bei ihr der HI-Virus festgestellt.

Krankheit weit fortgeschritten

Zu der Zeit war die Krankheit schon sehr stark ausgeprägt. Im Jahr vor der Diagnose hatte sie viel Gewicht verloren und andere Krankheiten gehabt, die nicht therapierbar waren. Irgendwann machte ihr damaliger Arzt einen Test. Diagnose: HIV seit etwa neun Jahren. „Für mich war der Virus vorher überhaupt kein Thema“, erinnert sich Müller. Infiziert wurde die Verkäuferin durch ihren untreuen Partner. „Meine Geschichte zeigt, dass es jeden treffen kann“, sagt sie.

Ihre eher ungewöhnliche Geschichte nutzte sie ab 2008, um in Schulen aufzuklären. Außerdem beteiligte sie sich an verschiedenen Aufklärungskampagnen in ihrer Heimatstadt, um das veraltete und stigmatisierte der Krankheit zu verändern. „Ich wurde in eine Art Heldenrolle gesteckt“, erinnert sich Müller. Der Trubel um ihre Person wurde ihr zu groß: Neustart in der Hansestadt.

Wie viele Menschen aus MV sind HIV-positiv?

Laut aktuellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts sinken die Zahlen für Neuinfektionen. Geschätzte 55 Neuinfektionen gab es 2018 in Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland weit gab es rund 2 400. Vergangenes Jahr seien in MV etwa fünf Menschen an dem Virus gestorben.

Generell gäbe es einen Rückgang bei der sexuellen Übertragung zwischen zwei Männern. Bei heterosexuellen Paaren ist die geschätzte Zahl der Infektionen leicht gestiegen. Das Risiko für Menschen, die intravenöse Drogen zu sich nehmen, hat sich 2018 erhöht. Insgesamt leben über 1000 HIV-positive Menschen in MV, in der gesamten Bundesrepublik etwa 88 000.

Normales Leben mit Therapie

Trotz einer Infektion können HIV-positive Menschen normal weiterleben. Es gibt wirksame Therapien, die die Viren unterdrücken. „Eine weitere Ansteckung kann so verhindert werden“, erklärt Mathias an der Heiden vom Robert-Koch-Institut. Die Erreger seien generell schwer übertragbar. „Die Viren müssen Schleimhautbarrieren überwinden, bevor sie jemanden infizieren können“, beschreibt an der Heiden.

Je früher eine Infektion festgestellt wird, desto schneller kann das Immunsystem der Betroffenen wieder aufgebaut werden. Gerade am Anfang sei die Krankheit besonders stark schädlich für den Körper. In einigen Fällen bekommen HIV-positive Menschen trotzdem nichts von der Krankheit mit. „Ich war ja nicht mal oft krank“, erinnert sich Lena Müller. Als bei ihr dann die Diagnose kam, war der Virus schon in einem fortgeschrittenen Stadium. Trotzdem waren die Viren nach einem Jahr Therapie nicht mehr nachweisbar. Heute habe sie ein weitestgehend intaktes Immunsystem.

Probleme mit Ärzten

Trotz der gut verträglichen Therapie war es für Lena Müller zu Beginn der Diagnose nicht einfach: „Ich habe mich vor meinem eigenen Blut geekelt.“ Die Unterstützung ihrer Mitmenschen half. „Die Mitleidstour wollte ich nie haben“, sagt die 39-Jährige selbstbewusst. Falls jemand Vorurteile hatte, „bin ich auf die Ängste eingegangen.“

Schwierigkeiten gab es eher mit Ärzten, wenn sie von der Krankheit erfuhren. Oft verlegen Mediziner die Termine von HIV-Patienten ganz nach hinten. Der Grund sei eine umfangreichere Reinigung der Geräte. „Ich habe auch mal gefragt, ob sie nach anderen Patienten nicht vernünftig sauber machen“, scherzt Müller.

Solche Missinformationen seien gerade bei Ärzten nicht ungewöhnlich, bestätigt Robert Holz, Mitarbeiter beim Centrum für sexuelle Gesundheit Rostock. „Normale Hygienebestimmungen reichen vollkommen aus“, erklärt Holz. Darüber hinaus sei ein HIV-positiver Mensch in therapeutischer Behandlung ungefährlich für eine Weitergabe der Viren. Größere Risiken entstehen durch Patienten, die unbewusst erkrankt seien.

Schnelltest ohne ärztliche Aufsicht

Seit Neustem dürfen Beratungsstellen ohne einen Arzt vor Ort mit Schnelltests auf HIV, Hepatitis C und Syphilis testen. Dies erleichtere die Diagnose enorm. Vorher sei es nicht einfach gewesen, Ärzte für Dienste in Beratungsstellen zu bewegen, so der Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe Holger Wicht.

Aktuelle Schnelltests seien sehr zuverlässig und einfach zu benutzen. „Man braucht einfach nur einen Blutstropfen aus der Fingerkuppe“, erklärt Wicht. Viele Menschen seien abgeschreckt von einem Test. Dazu tragen Vorurteile oder Diskriminierungen bei. Viele Stigmata seien aber mittlerweile durch Aufklärungsarbeit weggefallen, so Wicht.

Das Schicksal von Lena Müller zeigt, dass eine Infektion jeden Menschen treffen könne. Eine frühzeitige Erkennung sei sehr wichtig. Ein schneller Test sei nicht nur in Beratungsstellen, Arztpraxen oder beim Gesundheitsamt möglich. Der könne auch in Apotheken, Praxen oder im Internet gekauft werden.

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Von Dimitri Paul