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Warum die Absage eines City-Konzerts in Rostock für einige Fans im Knast endete
Warum die Absage eines City-Konzerts in Rostock für einige Fans im Knast endete
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13:50 22.11.2019
Jugendliche 1978 in Rostock: Paul Brauhnert (2.v.r.). Matthias K. (Mitte) wurde nach Polizeieinsatz gegen City-Fans in Rostock 1978 verurteilt. Quelle: privat
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Rostock

Tausende Jugendliche sind heiß auf das Konzert auf dem Rostocker Platz der Jugend. Am 8. August 1978 sollen dort unter dem Titel „Musikshop 78“ die beiden Rockbands „City“ und „Berluc“ sowie die Gruppe „Höhne & Co“, die American Folk-Music spielt, auftreten. Gegen 19 Uhr drängeln sich die Massen vor der Bühne.

Volkspolizei setzt Schlagstöcke und Wasserwerfer ein

Nicht einmal zwei Stunden später ist der Platz verwüstet. Teile der Bühne brennen. Polizisten kämpfen mit Jugendlichen, ziehen ihnen eins mit dem Schlagstock über und setzen Hunde ein. Die Jugendlichen werfen mit Flaschen. Ein Wasserwerfer hält in die Menge. Zahlreiche Menschen werden verletzt.

Wie kommt es dazu? Paul Brauhnert (55) aus Rostock erforscht die Hintergründe und Folgen des Polizeieinsatzes – vor allem für einige der jungen Leute. Brauhnert ist mit seinen Recherchen und Veröffentlichungen zum Militär-Strafvollzug der NVA in Schwedt bekannt geworden. „Freunde von mir waren bei dem Konzert 1978 dabei, und ich wäre auch beinahe hingegangen“, erklärt er. Für sein Projekt hat er 350 Seiten über die „Aktion Konzert“, wie die Staatssicherheit den Vorgang nannte, ausgewertet. Über den Abend hat er schon viele Einzelheiten herausgefunden.

Forscher sucht Zeitzeugen

Jetzt sucht er weitere Zeitzeugen. „Wer erinnert sich an diesen Abend auf dem Platz der Jugend?“ Er suche Leute, die als Jugendliche dabei waren, aber auch Feuerwehrleute, Polizisten oder Sanitäter. Wer Brauhnert bei seinen Recherchen helfen will, kann ihn unter der Mail-Adresse baustus@gmx.de erreichen.

Paul Brauhnert aus Rostock sucht Zeitzeugen, die 1978 den Polizeieinsatz nach der Konzert-Absage von City erlebt haben. Quelle: Bernhard Schmidtbauer

Die Stimmung auf dem Platz kippt in dem Moment, als das „Beat-Konzert“ – so heißt eine solche Veranstaltung damals – wegen eines heranziehenden schweren Unwetters abgesagt wird. Das Konzert ist ordnungsgemäß beim Volkspolizeikreisamt Rostock angemeldet, der Einsatz von 20 Ordnern und der Ausschank von Bier nur in Plaste- und Pappbechern ist organisiert. Die Volkspolizei steht mit 17 Mann und einem Funkstreifenwagen bereit.

Im Kartenvorverkauf wurden bereits 2500 Karten zum Preis von 5,10 Mark verkauft, weitere 1500 Karten am Tage des Konzerts. Die Wetterdienststelle Warnemünde teilt dem Veranstalter um 18 Uhr mit, dass vor Rostock eine starke Regenwand heranrückt. Trotzdem werden weiter Karten verkauft, immer mehr Jugendliche strömen auf den Platz.

Nach Konzertabsage werfen Jugendliche Flaschen

Dann beginnt es zu regnen. Veranstalter und Band-Leiter beraten, ob das Konzert noch begonnen werden soll. Sie beschließen, dass die bereits aufgebauten Instrumente wieder abgebaut werden. Als gegen 19.45 Uhr das Konzert per Handmegaphon abgesagt wird, eskalierte die Situation.

Auch die Bemühungen von Georgi Gogow von „City“, Hunderte Jugendliche zu beruhigen, helfen nicht. Als Gogow sagt, dass „City“ nicht mehr spielen wird, fliegen Flaschen auf die Bühne. Jugendliche rufen „Bullen raus“, „Bullenschweine“, „Scheiß Sozialismus“ und „Freiheit“. Eine Plane, mit der Instrumente der Band abgedeckt sind, beginnt zu brennen. Jugendliche umlagern den Lkw von „City“, lassen die Luft aus den Reifen und versuchen, ihn umzukippen. Menschen werden vor die Räder gedrückt. Flaschen, Steine und Sitzbänke fliegen umher. Von der Ordnungsgruppe des Veranstalters ist nichts zu sehen. Ein Fahrzeug der Feuerwehr, das den Brand löschen will, bricht auf der Bühne durch den Boden.

City-Musiker erinnern sich an Auseinandersetzung

Georgi Gogow, Stargeiger bei „City“, erinnert sich viele Jahre später in einem OZ-Interview an den Abend in Rostock: „Wir hatten 1978 ein Auftrittsverbot ausgesprochen bekommen und durften nicht auftreten. Und da kam dann die Polizei mit Wasserwerfern . . . Und Toni Krahl ergänzt: „Und dann ist auch noch der Lkw eingebrochen. Es war schon alles aufgebaut und dann ist der Lkw wieder auf die Bühne gefahren, um alles einzuladen. Und die Ordnungshüter mussten dann den Fans erklären, warum das Konzert nicht stattfindet.“

City-Sänger Toni Krahl. Quelle: Privatarchiv Krahl / Eulenspiegel Verlag

Die Polizei bekommt die Lage – unter massivem Schlagstockeinsatz – langsam in den Griff. Der Platz vor der Bühne wird geräumt. In einem Bericht der Staatssicherheit heißt es: „Insgesamt werden 19 Personen zugeführt, davon 13 Personen vom Veranstaltungsort, 1 Person aus der Straßenbahn (hetzerische Äußerung), 5 Personen nach Beschwerdeführung bei der VP.“ In der Ermittlungsakte werden die 19 jungen Frauen und Männer wie Schwerverbrecher präsentiert. Etliche von ihnen kommen in Untersuchungshaft.

Neun Jugendliche wegen „Rowdytum“ angeklagt

Für neun von ihnen – darunter fünf Schüler – empfiehlt die Kriminalpolizei nach Abschluss der Ermittlungen, sie nach Paragraf 215 („Rowdytum“) anzuklagen. Dazu heißt es im Strafgesetzbuch der DDR: „Wer sich an einer Gruppe beteiligt, die aus Mißachtung der öffentlichen Ordnung oder der Regeln des sozialistischen Gemeinschaftslebens Gewalttätigkeiten, Drohungen oder grobe Belästigungen gegenüber Personen oder böswillige Beschädigungen von Sachen oder Einrichtungen begeht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Haftstrafe bestraft.“

Haft im Jugendstrafvollzug Wriezen

Drei der Verhafteten stammen aus Rostock: Dieter P., Thorsten B. und Matthias K., der ist ein Freund von Paul Brauhnert (damals 15). Brauhnert will eigentlich auch zum Konzert, hatte bereits zwei Karten. Er fährt dann aber mit einem anderen Freund, Holger G., zur Oma. Die Karten gibt er Matthias K., der mit einem weiteren Freund zum Konzert geht. Erst als Paul Brauhnert wieder nach Rostock zurückkommt, erfährt er das ganze Drama.

Paul Brauhnert aus Rostock, 1978 Quelle: privat

Mehrere der verhafteten Jugendlichen werden in Gerichtsschnellverfahren abgeurteilt. Sie erhalten um die zwei Jahre Freiheitsentzug, zu verbüßen im Jugendstrafvollzug in Wriezen (heute Brandenburg).

„Für viele der Jugendlichen ist zweifelsfrei erkennbar, dass die Ausschreitungen vom 8. August 1978 zu einem Verlust des Glaubens an ihre bis dahin bekannte Weltordnung führten“, betont Paul Brauhnert.

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Von Bernhard Schmidtbauer