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Schüler aus Rövershagen erforschen Schicksale von Nazi-Opfern und von toten Soldaten
Schüler aus Rövershagen erforschen Schicksale von Nazi-Opfern und von toten Soldaten
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15:31 14.11.2019
Schüler aus der Projektgruppe „Kriegsgräber“ der Europaschule Rövershagen und ihre Lehrerin Petra Klawitter (6.v.l.) haben in diesem Jahr auf einem Soldatenfriedhof in Lettland gearbeitet. Quelle: privat
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Rövershagen

Es gibt sie: Schüler, die im Sommer nicht (nur) am Strand liegen oder Geld verdienen wollen. Zu finden sind sie in der ProjektgruppeKriegsgräber“, gegründet 1999 an der damaligen Realschule Gelbensande. Nach deren Schließung arbeiten die jungen Historiker nun an der Europaschule Rövershagen die Geschichte ihrer Region – und darüber hinaus – aus einer finsteren Zeit auf, aus der Zeit der brutalen Nazi-Herrschaft zwischen 1933 und 1945.

Beginn mit drei Neuntklässlern

Angefangen hat alles mit drei Neuntklässlern an der Gelbensander Schule. „Die wollten in den Sommerferien Gräber putzen und Friedhöfe aufräumen“, berichtet Petra Klawitter. Die Geschichtslehrerin, die in Gelbensande tätig war und heute an der Rövershäger Schule arbeitet, leitet die Projektgruppe seit 20 Jahren. In den letzten Jahren seien Schüler aus den 5. bis 12. Klassen des Gymnasiums in der Gruppe, immer etwa zehn bis zwölf. Das Jubiläum soll am Freitag gefeiert werden.

Die drei Schüler fragten immer wieder bei Petra Klawitter nach, ob sie nicht auch auf Soldaten- und anderen Friedhöfen aktiv werden könnten – so wie viele junge Leute jedes Jahr, deutschlandweit und im Ausland. Bereits 2000 fuhr Petra Klawitter mit Schülern ins französische Niederbronn-les-Bains im Elsass. Dort ruhen auf einer Kriegsgräberstätte 15 472 Gefallene, zu 95 Prozent deutsche Soldaten, aber auch Soldaten anderer Nationen sowie Zivilpersonen. Auf diesem Friedhof haben die Gelbensander erstmals Gräber gepflegt.

Gelbensander Lazarettfriedhof erstes Großprojekt

„Kurze Zeit danach hat mich Birgit Rüge-Fischer vom Landesverband des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf eine Idee für ein Projekt gebracht. Sie haben in Gelbensande doch einen Lazarettfriedhof, sagte sie“, erzählt Petra Klawitter. Über diesen Friedhof war damals vieles unbekannt. Die Schüler haben ihn bis 2003 nach und nach saniert sowie Zeitzeugen gesucht und befragt.

Schüler aus der Projektgruppe „Kriegsgräber“ bei Pflegearbeiten auf dem Lazarettfriedhof Gelbensande vom Ende des Zweiten Weltkriegs. Quelle: privat

Am 1. Mai 1945 war auf den Bahngleisen in der Nähe des Jagdschlosses Gelbensande ein aus Pommern evakuiertes aus zwei Eisenbahnzügen bestehendes Lazarett gestrandet. Der Kommandant hatte die etwa 750 Verwundeten ausladen und im Jagdschloss ein Hilfslazarett einrichten lassen. 53 erkrankte oder verwundete Männer starben und wurden auf einem extra angelegten Waldfriedhof beigesetzt. Neben Deutschen hatten dort auch Rumänen, Polen, Italiener, Letten, Litauer, Ukrainer und russische Wlassow-Soldaten ihre letzte Ruhestätte gefunden.

KZ-Außenlager in Schwarzenpfost erforscht

„Das war unser erstes großes Projekt“, sagt Petra Klawitter. Viele weitere sollten folgen. Ihr großes Ziel von Beginn an: Sie will den Jungen und Mädchen die regionale Geschichte nahebringen. Um „Geschichte zum Anfassen“ ging es auch bei der Spurensuche zu den Schicksalen von Häftlingen und Zwangsarbeitern des KZ-Außenlagers in Schwarzenpfost. Während des Zweiten Weltkrieges war etwa zwei Kilometer von Gelbensande entfernt ein Lager für Zwangsarbeiter errichtet worden. Das KZ-Außenlager bestand aus dem Verlagerungsbetrieb der Heinkel Flugzeugwerke in Schwarzenpfost und dem Unterkunftslager für die Häftlinge in Oberhagen. einem Ortsteil von Rövershagen. Fünf polnische Zwangsarbeiterinnen, die in dem KZ-Außenlager ums Leben gekommen waren, sind auf dem kommunalen Friedhof verscharrt worden. Erst 2004 konnten ihre Gräber am Rand des Friedhofs durch Suchgrabungen entdeckt werden. Die Schüler haben für die toten Frauen eine Gedenktafel aufgestellt und sie so dem Vergessen entrissen.

In den folgenden Jahren sind die Nachwuchs-Historiker viel herumgekommen: So haben sich die Schüler in Rumänien, Polen, Tschechien, Belgien und Ungarn um Kriegsgräber gekümmert. Und sie haben versucht, den Schicksalen hinter den Namen auf den Grabsteinen auf die Spur zu kommen.

Gedenktafel für von Rostock aus deportierte Juden

Ende November 2015 nahm ihre Idee einer Gedenktafel für von Rostock aus deportierte Juden Gestalt an. Die schwarze Gedenktafel am südlichen Eingang des Rostocker Hauptbahnhofs erinnert an die Deportation von Rostocker Juden zwischen 1942 und 1944.

Seit 2011 fahren die Jugendlichen nach Radautz in Rumänien, dort wurde die jüdische Gemeinde während des Holocausts fast völlig ausgelöscht. „Wir suchen auch dort Zeitzeugen aus der NS-Zeit, um sie zu befragen“, erklärt Petra Klawitter. Einige Schüler haben solche Zeitzeugen – Überlebende der Shoa und Nachfahren von Tätern – interviewt und darüber Kurzfilme gedreht. Sie sind im Internet zu sehen sowie an einem „Videostand“ in der Schule. Zum Jahresende sollen erste Interviews in einer Broschüre veröffentlicht werden.

Geschichtslehrerin Petra Klawitter und Florian Hoese von der Projektgruppe „Kriegsgräber“ der Europaschule Rövershagen vor der neuen Videoecke, in der Filme über Zeitzeugen aus der Zeit der Nazi-Diktatur zu sehen sind.  Quelle: Doris Deutsch

2020: Treffen mit Überlebenden der Judenverfolgung aus der Bukowina

Ein aktuelles Projekt trägt den Titel: „Weggeschaut“. Die Schüler wollen anhand von Fotos und Dokumenten nachweisen, dass es in der Nazi-Zeit vielen Menschen in Deutschland bekannt war, was Juden oder Kriegsgefangenen angetan wurde – bis hin zu ihrer Ermordung. Petra Klawitter betreut das Projekt, gemeinsam mit ihrer Kollegin Silke Runge sowie mit Dagmar Bannenberg, Jugendsozialarbeiterin in Gelbensande.

Im April 2020 werden dann zwei Schüler der Projektgruppe, Petra Klawitter sowie ihr Mann Holger Klawitter, ebenfalls Lehrer in Rövershagen, nach Israel reisen. Dort treffen sie sich mit Überlebenden der Judenverfolgung aus der Bukowina – einer Region, die zur Ukraine und zu Rumänien gehört. Die Jugendlichen befragen die Überlebenden, wie es ihnen vor, während und nach der Shoa ergangen ist. Das Projekt soll 2021 mit einem Workcamp auf einem jüdischen Friedhof in Czernowitz in der Westukraine fortgeführt werden.

Miriam (89) und Israel Bruderman (92), Überlebende des Holocaust aus Israel, sprechen mit Schülern an der Europaschule in Rövershagen über ihre Schicksale. Quelle: Dietmar Lilienthal

Feierstunde: Freitag, 17.00 Uhr, Heidetreff Gelbensande

Informationen: http://www.rsg-roev.de/europaschule/kriegsgraeber

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Von Bernhard Schmidtbauer