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Promi-Talk Glauben Sie ans Happy End?
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20:01 14.10.2016
Sogar ein Stern ist nach ihr benannt: Martina Gedeck zählt zu den renommiertesten und vielseitigsten deutschen Schauspielerinnen – und ist Expertin in Glücksfragen. Quelle: Imago
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Frau Gedeck, waren Sie heute schon glücklich?
Oh ja, heute Morgen, als ich aus dem Haus trat und gesehen habe, wie schön dieser Tag wird. Das Morgenlicht war herrlich, es war noch so ruhig. Da habe ich mir meinen Kaffee und meine Zeitung nach draußen geholt und war glücklich. Das war ein wunderbarer Moment. Und ich hatte Zeit. Was sich für mich absolut ausschließt, das sind Glück und Hetze.

Ihr neuer Film heißt "Gleißendes Glück". Was verstehen Sie unter diesem Begriff?
Gleißend ist für mich nicht nur positiv. Das kann ja auch zu hell sein und blenden. Die eigene Wahrnehmung wird außer Kraft gesetzt. In dem Begriff schwingt für mich auch mit: Jemand stellt sich vor, wie der andere zu sein hat oder wie die Liebe zu sein hat oder wie das Glück zu sein hat. Interessanter finde ich aber den Originaltitel des Romans, auf dem der Film beruht.

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Das Buch der schottischen Autorin A. L. Kennedy heißt "Original Bliss" ...
... und das ist zu verstehen als das Gegenteil von "Original Sin", was wiederum Erbsünde heißt. Kennedy meint damit: Wenn der Mensch per se schuldig sein kann, dann muss es auch das Gegenteil davon geben. Der Mensch ist liebes- und glücksberechtigt! Das Projekt des Romans und auch des Films besteht nun darin, den Menschen in den Zustand der Glückseligkeit zu versetzen. Danach sehnt sich jeder Mensch: sich geborgen und aufgehoben zu fühlen. Die Frau Brindel, die ich spiele, will sich nicht damit abfinden, dass ihr Leben nur noch schal schmeckt. Deshalb macht sie sich auf den Weg zu ihrem Glück. Sie landet bei dem Gehirnforscher Eduard E. Gluck und will Rat von ihm.

Muss man sich fürs Glück anstrengen?
Man muss sich fürs Glück öffnen. Das hat nichts mit Anstrengung zu tun. Es muss aber ein Wille da sein, eine innere Aktivität.

Wann fühlt sich der Mensch denn am glücklichsten?
Viele verbinden solche Momente mit ihrer Kindheit, glaube ich. Eine glücklich Kindheit gibt einem das Gefühl von absoluter Freiheit und Geborgenheit – das ist ja beinahe dasselbe: in der Freiheit geborgen sein, nicht durch etwas von außen beschränkt zu werden, aber beschützt zu sein.

Das klingt, als würden Sie sich gerade an Ihre eigene Vergangenheit erinnern.
Oh ja, ich hatte eine schöne Kindheit. Da spielten aber keine Pfannkuchen eine Rolle wie bei Frau Brindel und ihrem Großvater. Bei mir war die Natur ausschlaggebend. Raus aus der Tür und über die taufrische Wiese gelaufen: In meinem Kopf ist das ein Glücksbild.

Was machen Sie, wenn Sie unglücklich sind: bügeln, joggen oder Schokolade essen?
Von diesen drei Dingen? Am ehesten joggen. Wobei ich lieber spazieren gehe. Bewegung und Luft eröffnen mir neue Räume. Aber auch das Gegenteil kann helfen: sich ins Bett legen. Ich empfehle ein Nickerchen von vielleicht 20 Minuten, keinesfalls länger.

Ist Glück dann am schönsten, wenn man es mit jemandem teilt?
Im Film entdeckt Frau Brindel jedenfalls die Zweisamkeit. Auch wenn das gar nicht ihr Ansinnen ist, als sie zu Herrn Gluck fährt. Sie betrachtet ihn eher als eine Art Therapeuten. Und dann stolpern die beiden regelrecht übereinander.

Martina Gedeck und Ulrich Tukur in einer Szene aus ihrem neuen Film "Gleißendes Glück". Quelle: Wild Bunch / Central Film

Also finden zuallererst Paare zum Glück?
Oh nein, nur in diesem Fall ist das so. Man kann auch allein glücklich sein. Allerdings: mit Einschränkungen! Kein Mensch existiert für sich allein. Jeder braucht Kontakt, egal ob zu einem Partner, zur Familie, zu einem Tier oder auch zur Natur. Und wenn gar niemand da ist, beginnt man, mit sich selbst zu sprechen. Der Mensch ist sich selbst nicht genug.

Glauben Sie an ein Happy End auch im wirklichen Leben?
Es gibt ja hoffentlich erst mal kein "End", aber ich glaube auf jeden Fall ans "Happy". Bei Filmen ist das übersichtlich: Sie enden oft wie ein Märchen, und dann ist der Zuschauer zufrieden. Wir wissen nicht, was mit Helene Brindel und Eduard E. Gluck passieren wird. Bei den beiden werden die Fetzen vermutlich auch noch fliegen. Das Leben pendelt nun mal zwischen Freude und Leid.

In unserem westlichen Kulturkreis ist es manchmal seltsam: Menschen geht es dann besser, wenn sie sehen, dass es anderen auf dieser Welt schlechter geht. Haben Sie das auch schon beobachtet?
Natürlich weiß man oft erst im Vergleich zu schätzen, wie gut es einem geht. Aber man kann auch ganz einfach dankbar sein. Dazu muss man gar nicht in andere Länder reisen: Es reicht, sich hier bei uns umzuschauen. Setzen Sie sich mal zehn Minuten auf irgendeinen Platz hier in Berlin. Da kommen todtraurige Menschen, Obdachlose, ausgesprochen gestresste Zeitgenossen vorbei ...

Spielen Sie lieber in Filmen mit, aus denen die Leute glücklicher herauskommen?
Auf jeden Fall! Das gilt sogar für Filme, die nicht gut ausgehen: Die Zuschauer sollen etwas mit nach Hause nehmen, was sie bereichert und was für sie schön ist. Niemand soll depressiv werden. Man sollte sich aber nicht nur Nettigkeiten anschauen. Fünfziger-Jahre-Schmonzetten zum Beispiel machen mich sauer. Es ist mir unangenehm, wenn ich etwas Verlogenes im Kino sehe.

Haben Sie ein Beispiel für einen traurigen Film parat, der trotzdem tröstet?
Nehmen Sie meinen Film "Die Wand": Da geht es ja auch um Verlust und Schmerz. Plötzlich ist dieser Frau alles genommen, sie ist allein. Das ist ungerecht und kaum auszuhalten. Ich stelle mir das wahnsinnig schwer vor. Und doch kam ich mal bei einer Premierentour für "Die Wand" aus dem Kinosaal und traf auf ein älteres Pärchen. Beide umarmten mich und sagten: Wir wollen uns bei Ihnen für diesen Film bedanken und Ihnen sagen, dass wir so glücklich sind, dass wir beide einander haben. Etwas Glücklichmachenderes kann einer Schauspielerin ja kaum passieren.

Glauben Sie, dass es in digitalen Zeiten schwieriger geworden ist, körperliches Liebesglück zu finden? Freunde und Follower hat man ja nun im Internet.
Glaube ich nicht. Nach meinem Eindruck geht es am Ende auch bei den Jüngeren um die persönliche Begegnung.

Tatsächlich? Jagen die jungen Leute nicht lieber Pokémon-Monster?
Das ist doch jetzt Quatsch! Die haben schon ihre echten Freunde und ihre Clubs. Aber alle, die über 30 sind, haben da nichts verloren. Wir beide kennen uns da nur nicht aus, weil wir aus dem Alter raus sind.

Und was ist mit all diesen Online-Vermittlungen, bei denen man sich den richtigen Partner herbei- und dann auch wieder wegklickt?
Na ja, ob nun anfangs Briefe, E-Mails oder was auch immer verschickt werden: Am Ende müssen sich die Leute treffen und mögen. Niemand sollte dem Trugschluss verfallen, dass sich über eine Liste mit Wunscheigenschaften der perfekte Partner finden lässt. Es kann durchaus passieren, dass es trotzdem nicht passt. Vielleicht ist der oder die Richtige auch jemand, der genau die gegenteiligen Eigenschaften verkörpert. Und trotzdem ist die Liebe plötzlich groß.

Zur Person

Martina Gedeck als Edith Frank (l-r), Lea van Acken als Anne Frank und Gerti Drassl als Miep Gies in "Das Tagebuch der Anne Frank". Quelle: dpa

Martina Gedeck hat so ziemlich alle Preise gewonnen, die in Deutschland zu vergeben sind. Sie nennt gleich zwei deutsche Filmpreise ihr Eigen (für "Das Leben ist eine Baustelle" und "Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief"), ebenso ist sie auf dem Boulevard der Stars in Berlin verewigt. In Schauspielerrankings liegt sie regelmäßig weit oben. Ist eine Rolle mit besonders diffizilen Zwischentönen zu vergeben, gilt sie als eine der ersten Kandidatinnen. Und, ach ja, ein echter Stern ist inzwischen auch nach ihr benannt.

Der Stern Martina Gedeck hat einen Durchmesser von zwei Kilometern und ist 450 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt. Der Astronom Felix Hormuth taufte den Winzling im All auf den Namen der Schauspielerin. Vor allem Gedecks Auftritt in Florian Henckel von Donnersmarcks Oscar-Film "Das Leben der Anderen" (2006) hatte es dem offenbar kinobegeisterten Wissenschaftler angetan. Gedeck verkörpert in dem Drama eine von der Stasi ausgespähte DDR-Schauspielerin, die unter dem Druck des Systems zu zerbrechen droht.

Vom Jakobsweg bis zu Ulrike Meinhof

Geboren wird Gedeck 1961 als älteste von drei Töchtern einer Hausfrau und eines Lebensmittelkaufmanns in München. Sie wächst im niederbayerischen Landshut auf. Als sie zehn Jahre alt ist, zieht die Familie nach Berlin. Schon in der Schule spielt sie Theater, auch während eines Austauschjahres in den USA. Nach dem Abitur beginnt Gedeck ein Germanistikstudium, weiß aber nicht so recht, was sie damit anfangen sollte. So wechselt sie an die Universität der Künste Berlin und lässt sich zur Schauspielerin ausbilden. Ihr Bühnendebüt gibt sie am Frankfurter Theater am Turm.

Dominik Graf entdeckt Gedeck fürs Kino, er besetzt sie in "Tiger, Löwe, Panther" (1988) als eine unentschlossen zwischen Ehemann und Liebhaber schlingernde Lehrerin. Seitdem hat Gedeck in vielen erinnerungswürdigen Filmen mitgespielt. In der komödienseligen Ära der Neunzigerjahre ist sie an der Seite von Til Schweiger in "Der bewegte Mann" (1995) dabei.

Zu ihren großen Publikumserfolgen zählt ihre sinnliche Küchenchefin in "Bella Martha" (2001). In "Elementarteilchen" (2005) nach Michel Houellebecqs Roman zieht es ihre nymphomanisch veranlagte Figur in Swingerclubs. Als Ulrike Meinhof ist sie in "Der Baader Meinhof Komplex" (2008) zu sehen. In "Ich bin dann mal weg" (2015) begibt sie sich nach Hape Kerkelings Bestseller auf Pilgerreise.

Matt Damon, Robert De Niro, Martina Gedeck und Timothy Hutton bei der Deutschlandpremiere von "Der gute Hirte" im Jahr 2007 in Berlin. Quelle: Thore Siebrands / CC BY 2.0

International spielt sie genauso an der Seite von Robert De Niro ("Der gute Hirte") wie an der von Jeremy Irons ("Nachtzug nach Lissabon"). Jüngst verkörperte sie die Mutter von Anne Frank – und ganz aktuell sucht sie an der Seite von Ulrich Tukur "Gleißendes Glück" (Kinostart: 20. Oktober) in der Verfilmung des Romans der Britin A. L. Kennedy.

Privat muss Martina Gedeck eine Tragödie durchstehen, als sich ihr Lebenspartner, der Schauspieler Ulrich Wildgruber, 1999 auf Sylt das Leben nimmt. Heute lebt sie mit dem Regisseur Markus Imboden zusammen – und natürlich hat die Vielbeschäftigte auch schon für ihn vor der Kamera gestanden.

Von Stefan Stosch

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